30.10.2020 | Personen |

Er weiss, wo der Schuh drückt

Sandro Vicini war mit Leib und Seele Berater, Coach und Mediator. Nun tritt er nach 21 Jahren als Leiter der Beratungsstelle der Berner Hochschulen in den Ruhestand und schaut im Interview zurück auf eine spannende und erfüllte Zeit.

Interview: Nicola v. Greyerz

Herr Vicini, wenn Sie auf 21 Jahre Beratungstätigkeit zurückschauen, wie hat sich das Leben der Studierenden verändert?
Die Bologna-Reform war eine der wichtigsten Veränderungen. Sie hat das Beratungs- und Informationsbedürfnis der Studierenden stark erhöht, weil unter anderem die Belastung zugenommen hat. Das ECTS-Punktesystem verlangt ein Studium im Vollzeitmodell. Und trotzdem sind 80 Prozent der Studierenden nebenbei noch erwerbstätig. Dieses Spannungsfeld erzeugt entsprechenden Druck. Und dass die Vulnerabilität der Studierenden gewachsen ist, ist auch eine Tatsache. Und da wir unser Angebot immer an den Bedürfnissen unserer Klientinnen und Klienten ausrichten, hat sich dieses natürlich entsprechend verändert. Es wurde demnach auch ausgebaut.

Die Beratungsstelle steht ja nicht nur Studierenden offen, sondern auch Mitarbeitenden der Hochschulen. Was waren da die Themen, mit denen Sie konfrontiert wurden?  
Die Arbeitssituation des Mittelbaus ist von sehr spezifischen Themen geprägt: Unsichere Berufsperspektiven, sehr kompetitive Situationen, hohe Belastung und eine sehr spezielle Form von Abhängigkeiten von den Vorgesetzten. Diese Betreuungs- und Supervisionssituationen sind von beiden Seiten her schwierige und konfliktbeladene Umstände. Und Frauen beschäftigen in dieser herausfordernden Situation – aller Emanzipation zum Trotz – dann zusätzlich noch Fragen der Familiengründung und Kinderbetreuung überproportional. In diesem Bereich hat sich zwar in den letzten Jahren mit den vielen sehr guten Programmen der Uni und des Bundes viel getan, im Einzelfall sind die Herausforderungen für junge Mütter aber nach wie vor und immer wieder sehr belastend.

Sie haben die Beratungsstelle gut 20 Jahre lang geleitet. Was hat Sie als Leiter der Stelle neben der personellen Führung am meisten beschäftigt?
Ein wichtiger Teil meiner Leitungstätigkeit bestand einerseits darin, für gute und stabile Rahmenbedingungen zu sorgen. Ein anderer wichtiger Teil meiner Arbeit war es über all die Jahre, unsere Angebote in den Hochschulen bekannt zu machen. Die Beratungsstelle ist ja beim Amt für Hochschulen des Kantons angegliedert und arbeitet unabhängig von allen drei Hochschulen, für die sie ihre service public-Dienste anbietet. Das ist einmalig in der Schweiz und für unser Selbstverständnis wichtig. Wir sind auch überzeugt, dass es viele Gemeinsamkeiten bei den Schwierigkeiten und Herausforderungen für Studierende und Mitarbeitende zwischen den drei Hochschulen gibt. Es gab immer wieder Versuche, diese Stelle aus der kantonalen Verwaltung auszulagern, die wir aber jeweils erfolgreich abwehren konnten. Ich habe mich auch dafür eingesetzt, dass die Beratungsstelle örtlich unabhängig bleibt.

Und inhaltlich?
Das Bewusstsein, dass man die Studierenden auf ihrem Weg durch ein erfolgreiches Studium unterstützen muss, ist in den vergangenen 20 Jahren sehr stark gewachsen und dadurch auch unsere vielfältigen Angebote. Im Bereich der Unterstützung von Mitarbeitenden wurden Themen wie Konfliktmediation, Teamentwicklung, aber auch Führungsunterstützung immer wichtiger. Dies waren die Bereiche, in denen ich selber als Berater und Coach hauptsächlich tätig war. Ich denke, dass ich selber eine Führungsperson innehatte, war dafür sicher eine nützliche Ressource.

Sie haben am Psychologischen Institut der Uni Bern Ihre Dissertation geschrieben und auch noch weiter geforscht. Hätten Sie sich auch eine akademische Laufbahn vorstellen können?
Ich bin nach Abschluss des Studiums in die Erziehungsberatung eingestiegen. Parallel zur beruflichen Tätigkeit habe ich dann mit meiner Doktorarbeit angefangen. Ich war immer am Zusammenhang von Theorie und Praxis interessiert und habe auch immer von einer stärkeren Verbindung geträumt. Diese kam zu meiner Zeit im Studium im Bereich der Beratung etwas zu kurz. Als es um die Frage der Habilitation ging, hiess es dann, ich müsse ich mich zwischen Forschung oder Praxis entscheiden. Das war für mich nicht stimmig und ich wollte meine damals doch schon 10-jährige praktische Erfahrung nicht einfach aufgeben. Den Entscheid für die Praxis habe ich bis heute nicht bereut. Zudem konnte ich auch immer wieder in der Form von Lehraufträgen im Rahmen von Weiterbildungen für Berufspersonen und Berufsverbände mein Wissen und meine Erfahrung weitergeben.

Ein ganz persönlicher Blick zurück. Was bleibt Ihnen?
Für mich persönlich war es immer eine schöne, vielseitige und sehr sinnstiftende Arbeit. Wir haben einen ganzheitlichen Auftrag und ein extrem breites Angebot, das von Studiengestaltungs- und Kompetenzfragen über Beziehungsfragen und Konfliktberatung bis hin zu psychopathologischen Phänomen reicht. Daneben habe ich Mediationen, Führungscoachings, Workshops und Teamentwicklungen gemacht und ich konnte Leute ausbilden: Eine wunderbare Vielfalt, die man nicht überall findet.

Welche Aufgaben warten auf Ihre Nachfolgerin?  
Grundsätzlich ist die Beratungsstelle gut aufgestellt. Ich denke aber, dass die Variabilität der Methoden erweitert werden muss. Der grosse Vorteil ist, dass meine Nachfolgerin, Stefanie Feuz, als junge Frau anders sozialisiert wurde und dadurch einen anderen Zugang und Umgang mit neuen digitalen Formaten hat. Da gibt’s interessante Entwicklungsmöglichkeiten. Zudem fordert die aktuelle Situation einen Dienstleistungsbetrieb wie die die Beratungsstelle sehr und hat grosse Implikationen auf die Beratungstätigkeiten oder das Durchführen von Workshops.

Über Sandro Vicini

Sandro Vicini studierte an der Universität Bern Psychologie, Pädagogik, Psychopathologie und schloss mit einer Dissertation ab. Bevor er 1999 Leiter der Beratungsstelle für Berner Hochschulen wurde, war er wissenschaftlicher Assistent am Institut für Psychologie der Universität Bern und arbeitete als Erziehungsberater und Schulpsychologe in der Erziehungsberatung des Kantons Bern und als Mediator in der Bieler Praxis für Mediation. Er verfügt zudem über eine postgraduale Ausbildung als Fachpsychologe für Coaching-Psychologie. In der vergangenen gut 20 Jahren hatte er immer wieder Lehraufträge an Hochschulen und Weiterbildungsinstitutionen.

Neue Leitung

Neue Leiterin der Beratungsstelle der Berner Hochschulen wird Stefanie Feuz. Sie studierte an der Universität Fribourg Klinische Psychologie, Arbeits- und Organisationspsychologie und absolvierte berufsbegleitend eine Weiterbildung in systemisch- und lösungsorientierter Therapie und Beratung. Sie war Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universitätsklink und Poliklinik für Psychiatrie Bern, und arbeitete im Beratungsdienst für Ausbildung und Beruf des Kanton Aargau bevor Sie 2014 als Beraterin an die Beratungsstelle der Berner Hochschulen kam. Sie übernimmt die Leitung der Beratungsstelle auf 1. Oktober 2020. In Ihrer Freizeit war sie mehr als 10 Jahre Ruderin auf Leistungssportniveau.

Beratungsstelle der Berner Hochschulen

Die Beratungsstelle der Berner Hochschulen ist eine Abteilung des Amtes für Hochschulen der Bildungs- und Kulturdirektion und bietet für Studierende und Mitarbeitende der drei Berner Hochschulen (Universität Bern, Berner Fachhochschule und PHBern) kostenlose Beratungen und Coaching, Informationen und Workshops an. In den Beratungen/Coachings geht es unter anderem um Fragen der Studiengestaltung, des wirksamen Lernens und Lehrens, um Laufbahnentscheide, Konflikte oder persönliche Schwierigkeiten. Die Beratungsstelle stellt zudem umfangreiche Informationen bereit, zum Beispiel zu Studiengängen, Lerntechniken und akademischen Berufsfeldern. In Workshops werden Schlüsselkompetenzen des erfolgreichen Studierens thematisiert

Zur Autorin

Nicola von Greyerz arbeitet als Eventmanagerin in der Abteilung Kommunikation & Marketing der Universität Bern.