22.12.2020 | Forschung | Geist & Gesellschaft

Eine dem Staat Bern «etwas unheimliche Universität»

Wie die bernische Regierung versucht hat, Einfluss auf personelle Entscheidungen an der Universität Bern zu nehmen, zeigt ein eben erschienenes Buch zur Geschichte ihrer theologischen Fakultäten. Es zeichnet dabei gesamtgesellschaftliche Entwicklungen nach, erläutern der Autor und die Autorin im Interview.

Interview: Nina Jacobshagen

Frau Blaser, Herr Bietenhard, wie kamen Sie als Historikerin und Historiker dazu, die Geschichte der theologischen Fakultäten zu schreiben – und wer sollte sie warum lesen?

Benedikt Bietenhard: Als Hebräischdozent, der seit Jahrzehnten an der Fakultät unterrichtete und zugleich ausgebildeter Historiker ist, schien ich offenbar ein geeigneter Verfasser einer solchen Geschichte zu sein und wurde gefragt.

Stefanie Blaser: Und mein Vater fragte mich, ob ich Lust hätte mitzuarbeiten. Ich freute mich, mit meinem Vater dieses Projekt realisieren zu können – und wurde nicht enttäuscht! Wir haben das Buch für ein theologisch wie auch historisch interessiertes Publikum geschrieben, vor allem natürlich für Leute, die an der Universität Bern oder einer anderen deutschsprachigen Universität Theologie studiert oder gelehrt haben.

Welche gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen macht Ihr Buch sichtbar?

Stefanie Blaser: Das ist sicher der lange Weg zur Partizipation der Frauen von der Studienberechtigung bis zur Dozentur. Dann die Demokratisierung des Studienzugangs und der administrativen Entscheidfindung. Dazu zählt die studentische Mitsprache bei Berufungen für neu zu besetzende Professuren wie auch die Veränderungen im Aufbau der akademischen Karrieren.

Benedikt Bietenhard: Den unabdingbaren Anspruch auf Wissenschaftlichkeit von Theologie, der für den Verbleib an der Universität so wichtig war, haben wir dabei vorausgesetzt. Fachspezifisch untersucht haben wir ihn nicht. Mit anderen Worten: In dem Buch sind keine geschichtlichen Darstellungen einzelner theologischer Disziplinen zu finden. Als Historiker können wir das auch nicht leisten.

Gibt es einen roten Faden, der die Gesamtdarstellung durchzieht?

Benedikt Bietenhard: Ja. Er beginnt mit dem Bestreben der bernischen Regierungen, vom ausgehenden Mittelalter bis ins letzte Viertel des 20. Jahrhunderts, direkten Einfluss zu nehmen auf die Berufungen an die theologischen Fakultäten. Dies zeigt sich zum Beispiel daran, dass man, obwohl 1834 eine Universität gegründet wurde, die Institution lieber Hochschule nannte und die sie betreffende Gesetzgebung Hochschulgesetz. Damit nahm man sie auch sprachlich-symbolisch ins allgemeine staatliche Schulwesen mit Volksschule, Mittelschule und Hochschule hinein.

Dem Staat Bern scheinen die mit dem mittelalterlichen Universitätsbegriff verbundene Autonomie und Freiheit stets etwas unheimlich gewesen zu sein. Dies sahen die Universitätsdozenten natürlich anders, woraus sich eigentümliche Spannungen ergeben, die gerade im Umgang der staatlichen Behörden mit den beiden Fakultäten sichtbar werden. Dies änderte sich erst mit dem neuen Universitätsgesetz von 1996.

Ergaben sich im Lauf der Arbeiten Änderungen an Ihren ursprünglich geplanten Themen?

Stefanie Blaser: Die gab es durchaus. Die hauptsächliche Änderung bestand darin, dass sich der Umfang des Buches im Laufe der Zeit stark erweitert hat: Die Quellen brachten sehr viele nicht vorhersehbare Aspekte zum Vorschein. Zum Beispiel wurde uns erst mit der Lektüre der Quellen bewusst, in welchem Ausmass einerseits die Regierung Einfluss auf die Geschehnisse an den Fakultäten nahm und andererseits, wie diese mögliche Regierungsinterventionen zu antizipieren versuchten.

Kommen in Ihrem Buch auch die Menschen hinter der Geschichte zum Vorschein?

Benedikt Bietenhard: Wir hatten das Glück, Erinnerungstexte ehemaliger Absolventen der theologischen Fakultäten zitieren zu dürfen. Diese und andere personenbezogene Vertiefungen einzelner Aspekte konnten wir in sogenannte «Intermezzi» einfliessen lassen. Die Erinnerungstexte des Pfarrers Hans von Rüttes und seines Sohnes Andreas zum Beispiel lassen die Studienzeit von Theologen in der Zeit der Weltkriege plastisch werden.

Sie sind nicht nur beide Historikerin und Historiker, sondern auch Vater und Tochter. Welche Besonderheiten bringt eine Zusammenarbeit zwischen so eng Verwandten mit sich?

Stefanie Blaser: Man kennt sich gut, man weiss, wie der andere tickt, es besteht auf beiden Seiten kein Profilierungsbedarf. Die Tochter profitiert von der jahrzehntealten, väterlichen Kenntnis der Fakultäten, der Vater davon, dass die Tochter mit den neusten fachspezifischen Herangehensweisen vertraut ist.

Zur Publikation

«Wie verlief eine theologische Professorenkarriere an der Universität Bern? Wie erlebten Studierende im 19. und 20. Jahrhundert ihr Theologiestudium? Welche Hindernisse mussten Bernerinnen auf ihrem akademischen Weg ins Pfarramt überwinden und wann gelang ihnen der Sprung auf das Katheder? Die Geschichte der beiden theologischen Fakultäten der Universität Bern – der evangelisch-reformierten und der christkatholischen – wird anhand der Fakultätsprotokolle und einer Vielzahl weiterer Quellen dargestellt, von der Universitätsgründung 1834 bis zu ihrer Zusammenlegung 2001.» (TVZ)

Benedikt Bietenhard & Stefanie Blaser (2020). Geschichte der Theologischen Fakultäten der Universität Bern 1834 – 2001. TVZ Theologischer Verlag Zürich, ISBN 978-3-290-18352-3.

Zur Person

Benedikt Bietenhard ist promovierter Historiker, war Titularprofessor für Hebräisch an der Universität Bern sowie Lehrer für Geschichte am Freien Gymnasium Bern und seit 2013 emeritiert.

Zur Person

Stefanie Blaser studierte Geschichte an der Universität Bern (MA) und hat ein Gymnasiallehrerdiplom, arbeitet als politische Fachreferentin und ist aktuell im Mutterschaftsurlaub.

Zur Autorin

Nina Jacobshagen ist Redakteurin und Themenverantwortliche für «Interkulturelles Wissen» in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.