16.11.2020 | Universität |

«Der Förderpreis war das ‚Tüpfli auf dem i’»

Jedes Jahr messen sich Mittelschülerinnen und Mittelschüler an den Wissenschafts-Olympiaden. Wer im nationalen Wettbewerb überzeugt, an der internationalen Olympiade teilnimmt und ein Studium an der Universität Bern beginnt, erhält ein Stipendium. Fünf Geförderte erzählen von ihrem Weg dorthin.

Von Barbara Gnägi

Biologie, Chemie, Geographie, Informatik, Mathematik, Philosophie, Physik, Robotik oder Wirtschaft – in diesen neun Fächern bieten die Wissenschafts-Olympiaden Jugendlichen im Alter bis 20 Jahren einen Wettbewerb an. Doch woher können sie wissen, dass es diese Wettbewerbe gibt? 

Bei Svenja Hammer (Philosophie), Anna-Lena Hatzold (Geographie), Florian Keta (Mathematik) und Diego Zenhäusern (Chemie) kam der Hinweis auf die Olympiaden von den jeweiligen Fachlehrpersonen. Michelle Stoffel (Wirtschaft) kam auf anderem Weg zur Olympiade: «Als Maturaarbeit habe ich zusammen mit fünf Mitschülerinnen und Mitschülern ein Unternehmen gegründet. Ich hatte die Möglichkeit, mich im Rahmen des «Company Programme» von Young Enterprise Switzerland (YES) für die internationale Wirtschafts-Olympiade zu bewerben».

Vorbereitung ist die halbe Miete, oder?

Um sich auf einen Wettbewerb vorzubereiten, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die Wissenschafts-Olympiaden bieten Workshops und Lager an, die Teilnehmenden können sich aber auch anders rüsten: Svenja Hammer hat sich philosophische Bücher zugelegt und viel im Internet gestöbert. Diego Zenhäusern hat unter anderem die «Sammlung von Prüfungen der Schweizer Chemie-Olympiade» genutzt und Anna-Lena Hatzold meint: «Man braucht im Wettbewerb definitiv viel Improvisationsgeschick, um sich mit Halbwissen durch einige Fragen zu schmuggeln. Man kann nicht alles wissen, aber sich mit dem, was man weiss, etwas Schlüssiges zusammenzureimen. Das war mein Erfolgsrezept für die Geographie-Olympiade». 

Nicht nur die Goldmedaille zählt

In der Regel qualifizieren sich die Olympionikinnen und Olympioniken dank herausragenden Ergebnissen in den nationalen Wettbewerben für die internationale Wissenschafts-Olympiade. Trotz guter Leistungen konnten sich nicht alle im internationalen Feld behaupten. Florian Keta erinnert sich gerne an die Erlebnisse in den Lagern und freut sich über die vielen Kontakte, die er mit den anderen Teilnehmenden knüpfen konnte, während Diego Zenhäusern von Ausflügen zu schwimmenden Märkten in Thailand und Wasserquellen in Georgien schwärmt.

Für Anna-Lena Hatzold war die internationale Geographie-Olympiade sehr speziell, denn sie fand während den Protestbewegungen in Hongkong im Sommer 2019 statt. Über den Austausch mit den Demonstrierenden sagt sie: «Ihre Geschichten sind mir sehr nah gegangen und ich werde sie nie vergessen. Als wir beispielsweise am Flughafen ankamen, waren mehrere tausend friedliche Demonstrierende in der Halle und sangen das Revolutionslied ‚Do you hear the people sing’ aus ‚Les Misérables’. Das war absolutes Gänsehaut-Feeling.»

Mittlerweile haben die fünf Olympionikinnen und Olympioniken ihr Studium an der Universität Bern begonnen. Michelle Stoffel studiert nun Betriebswirtschaft und kann dabei von den Erfahrungen an der Wirtschafts-Olympiade profitieren: «Es fällt mir leichter, wirtschaftliche Zusammenhänge zu erkennen oder einen Realitätsbezug herzustellen.» Auch Svenja Hammer nimmt aus der Philosophie-Olympiade etwas mit: «Ich studiere Psychologie. Genau wie in der Philosophie ist dafür strukturiertes und kritisches Denken wichtig.»

Warum Bern? Etwa wegen dem Förderpreis?

Die Leistungen der Jugendlichen verdienen nicht nur Medaillen an den Wissenschafts-Olympiaden, sondern auch eine andere Art der Anerkennung. Die Universität Bern unterstützt die Olympionikinnen und Olympioniken mit einem Förderpreis in Form eines 2’000-Franken-Stipendiums für das erste Jahr ihres Bachelorstudiums.

Auf die Frage, wieso sie ihr Studium an der Universität Bern gestartet haben und ob der Förderpreis einen Einfluss darauf hatte, geben die Olympionikinnen und Olympioniken sehr unterschiedliche Antworten. Diego Zenhäusern hatte nach erfolgreicher Lehre, Berufsmatura und Passerelle sogar vergessen, dass er einen Förderpreis erhält, wenn er an der Universität Bern studiert. Für ihn war die Nähe zu seinem Heimatort und der gute Ruf der Universität ausschlaggebend für den Entscheid, sein Studium in Chemie und Molekularer Wissenschaft in Bern zu beginnen.

Für Svenja Hammer, die aus dem Kanton Schwyz kommt und unbedingt in eine Stadt ziehen wollte, hatte die Wahl des Studienortes eine emotionale Komponente: «Am Finale der Schweizer Philosophie-Olympiade war ich das erste Mal seit Jahren wieder in Bern. Dann drehten sich immer mehr Teile meines Lebens um Bern und die Stadt wuchs mir ans Herz. Mein Stiefvater kommt aus Bern und wir sind derzeit der inoffizielle YB-Fanclub Kanton Schwyz. Der Förderpreis war dann das ‚Tüpfli auf dem i’. Es hat einfach alles gepasst.»

Die Schwyzerin Svenja Hammer hat Bern bei der Schweizer Philosophie-Olympiade für sich entdeckt und ins Herz geschlossen. © Wissenschafts-Olympiade
Die Schwyzerin Svenja Hammer hat Bern bei der Schweizer Philosophie-Olympiade für sich entdeckt und ins Herz geschlossen. © Wissenschafts-Olympiade

«Es hat mich sehr geehrt, als ich erfahren habe, dass ich den Förderpreis erhalte», sagt Florian Keta. «Um ehrlich zu sein, als ich mich an der Universität Bern fürs Mathematikstudium eingeschrieben habe, wusste ich gar nicht, dass dieser Preis existiert. Ich wohne gleich in der Nähe der Universität Bern und habe mich entschieden, für das Studium nicht weit weg zu gehen. Ich vermute, die derzeitigen besonderen Umstände haben da auch mitgespielt.»

Aufgrund der besonderen Umstände durch die Pandemie finden Vorlesungen der Universität Bern aktuell nur online statt. Doch die Olympionikinnen und Olympioniken erleben ihr Studium durchaus positiv. «Auch wenn ich wegen Corona leider mehr zu Hause vor dem Laptop sitze als in der Uni bin, erlebe ich die Fachschaft Geographie als äussert offen und aufgeweckt», sagt Anna-Lena Hatzold. «Dank dem Corona-konformen Apéro für Erstsemestrige durch die Fachschaft konnte ich einige Mitstudierende kennenlernen, und es haben sich dann schnell Lerngruppen gebildet. So muss niemand ständig alleine lernen.» 

Für Michelle Stoffel ist klar, dass das Studium wegen des Fernunterrichts ziemlich anders ist, als sie es vor einem Jahr erwartet hatte, und ein klassisches Studentenleben zurzeit kaum möglich ist: «Trotzdem habe ich einen guten Eindruck von der Universität und das Studium gefällt mir sehr gut. Ich freue mich in den kommenden Jahren noch die ,normalen Studierendenerfahrungen’ machen zu dürfen.»

Förderpreis Wissenschafts-Olympiaden der Universität Bern

Der «Förderpreis Wissenschafts-Olympiaden» der Universität Bern unterstützt herausragende Mittelschülerinnen und Mittelschüler, die an den internationalen Wissenschafts-Olympiaden teilgenommen haben und sich für einen Studiengang an der Universität Bern entschieden haben.

Wissenschafts-Olympiade

Die Wissenschafts-Olympiade fördert neugierige Jugendliche, weckt wissenschaftliche Begabungen und Kreativität und beweist: Wissenschaft ist spannend. Neun Olympiaden – von Physik bis Philosophie – organisieren Workshops, Lager, Prüfungen und Wettbewerbe für über 4'000 Talente in Wissenschaft und Technik. Die besten Nachwuchstalente reisen für die Schweiz an die internationalen Wissenschafts-Olympiaden oder nehmen online daran teil.

Zur Autorin

Barbara Gnägi ist Social Media Managerin und Verantwortliche für das Themengebiet «Campus» in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.