20.02.2020 | Universität |

Aladdins Lampe – oder Erhellung der Lehre durch Digitalisierung?

Wie können Dozierende die Lernprozesse ihrer Studierenden ausserhalb des Präsenzunterrichts mit digitalen Technologien fördern? Diese Frage diskutierten 12 Referierende der Universität Bern und anderer Hochschulen und über 230 Teilnehmende am achten «Tag der Lehre» der Universität Bern.

Von Claudia Kaufmann

Unter dem Titel «Everything, anytime and anywhere? Selbststudium in Zeiten der Digitalisierung» luden das Vizerektorat Lehre und Bereich Hochschuldidaktik & Lehrentwicklung des Zentrums für universitäre Weiterbildung ZUW zum Fachaustausch über das selbstgesteuerte Lernen im digitalen Zeitalter. Wie kann dieses mit digitalen Tools didaktisch sinnvoll unterstützt werden, und wie können E-Learning-Anteile wirkungsvoll mit klassischen Präsenzveranstaltungen verknüpft werden? Der diesjährige Tag der Lehre präsentierte Antworten aus der Perspektive von Theorie und Praxis, anhand von Ergebnissen aus der aktuellen Lernforschung ebenso wie von konkreten Praxisbeispielen. Der erfolgreiche Anlass war auch dieses Jahr wieder ausgebucht.

Wie der Einsatz digitaler Medien gewinnbringend mit der Präsenz vor Ort verbunden werden kann, zeigte schon der Anlass selbst: Wer keinen der begehrten Plätze im vollbesetzten Plenarsaal des UniS mehr bekam, konnte die Referate und Diskussionen erstmals via Video-Streaming mitverfolgen.

Die Magie der guten Lehre

Bruno Moretti, Vizerektor Lehre der Universität Bern, verglich den Anlass mit einer Werkstatt, die dem Austausch und der Verbesserung der Lehre dient, eine Plattform für die «Magie der guten Lehre». Der Tag der Lehre ähnelt, so Moretti, ein wenig Aladdins Wunderlampe, «indem er jedes Jahr schöne Beispiele und Erkenntnisse produziert, die Lust auf künftige Entwicklungen machen.» Das diesjährige Thema verankerte er in zwei strategischen Stossrichtungen der Universität Bern: Die Hochschule muss die «Digital Literacy» bei den Studierenden fördern – also die Fähigkeit, neue Technologien reflektiert und zielführend zu nutzen. Und sie muss ihre Lehre der digitalen Transformation anpassen, sie mit digitalen Mitteln anreichern, um ein besseres Lernen ermöglichen.

 «Wir wollen eine emanzipierte Digitalisierung, in der die Lernprozesse und -erfolge im Zentrum stehen, und Tools und ihr Einsatz von Dozierenden und Studierenden kritisch hinterfragt und wirkungsvoll verwendet werden», fügte Thomas Tribbelhorn, Leiter der Hochschuldidaktik & Lehrentwicklung, an. Um das einleitende Bild aufzunehmen: Digitalisierung als wundersame Öllampe, die vieles ermöglicht, die indes mit Bedacht eingesetzt werden muss, wenn sich die «Magie der guten Lehre» entfalten soll.

E-Learning braucht Orientierungshilfen

Dr. Frank Fischer, Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München, legte mit seiner Keynote Lecture die theoretische Grundlage für den Tag: Liefert die Forschung handfeste Evidenz für positive Lerneffekte durch Digitalisierung? Aktuelle Metastudien zeigen: Digitale Medien können das Lernen verbessern, indem sie «hochwertige Lernprozesse» fördern: «Ihr Mehrwert für die Lehre liegt darin, dass durch sie möglichst viele Studierende möglichst oft vom passiven zu interaktivem und konstruktivem Lernen aktiviert werden.» Aber: «Es kommt sehr darauf an, wo und wie man digital gestütztes, selbstgesteuertes Lernen einsetzt.» Die grössten Lerneffekte erzielt es in Kombination mit traditionellen Lehrformen. Und «dramatisch besser», so Fischer, werden die Effekte, wenn die Studierenden Orientierungshilfen wie Anleitungen, Denkanstösse und strukturierte Fragestellungen erhalten.

Erfolgskombinationen aus E-Learning und Präsenzlehre

Dr. Lucia Malär und Dr. Bettina Nyffenegger vom Institut für Marketing und Unternehmensführung der Universität Bern haben die Digitalisierung als Chance für ihre Einführungsvorlesung, eine Grossveranstaltung, genutzt: Dank Flipped Classroom konnten sie den monologischen Frontalunterricht in kollaborative Workshops und Projektarbeiten transformieren. Dr. Severin Pinilla, Forscher und Dozent bei den Universitären Psychiatrischen Diensten Bern, legte dar, wie traditionelles Blockpraktikum und selbständiges Lernen mit Online-Tools in der klinischen Ausbildung von Medizinstudierenden kombiniert wurden und welche Potenziale und Hürden sich bei der Einführung dieses Blended Learning auftaten.

Dr. Carolin Schurr, Professorin am Geographischen Institut der Universität Bern, zeigte auf, wie klassische geführte Feld-Exkursionen mit Hilfe von Podcasts, die das «Feld» für die Studierenden digital erfahrbar machen, zu interaktiven Erkundungsgängen ausgebaut werden konnten. Das vielleicht eindrücklichste Beispiel eines Inverted Classroom präsentierte Prof. Matthias Erb: In seinem Master-Kurs in Pflanzenwissenschaften haben sich Studierende selber durch digital gestütztes Lernen auf das  eigenständige Experimentieren im «Do-it-yourself-Lab» vorbereitet: «Der Einstieg war schwierig für die Studierenden – aber am Ende des Kurses habe ich sie fast nicht wiedererkannt, mit so viel Interesse und Begeisterung haben sie tolle Projekte realisiert.»

Vom Wissensvermittler zum Lerncoach

Von ihren Praxiserfahrungen berichteten am Nachmittag vier Dozierende anderer Hochschulen: Dr. Urs Brändle vom Departement Umweltsystemwissenschaften der ETH Zürich, Professor Serge Bignens vom Departement Technik und Informatik der Berner Fachhochschule, Dr. Daniel Ingrisani vom Institut für Sekundarstufe 1 der PH Bern und Professor Felix Wortmann vom Institut für Technologiemanagement der Universität St. Gallen zeigten auf, wie es ihnen gelang, dank vorgängigem Selbststudium mit Onlinetools traditionelle Präsenzveranstaltungen in interaktive Lehrgefässe umzugestalten.

Der spannende achte Tag der Lehre offenbarte eine grosse Bandbreite an Herausforderungen und Lösungsansätzen, aber auch viele Gemeinsamkeiten. In allen Praxisbeispielen war die Ausgangsfrage dieselbe: Wie können wir die Präsenzzeiten didaktisch zielführender nutzen? Auch die Erkenntnisse stimmten in vielen Punkten überein. Dr. Ulrike Franke vom Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Tübingen fasste sie zusammen:

Digitale Medien können das selbstregulierte Lernen und die kognitive Aktivierung unterstützen. Sie ermöglichen eine Individualisierung und Flexibilisierung des Lernprozesses, und tragen auf diese Weise zur der Nivellierung des Vorwissens bei. Sie helfen, den Fokus von der passiven Wissensaneignung auf die aktive Wissensanwendung zu verlagern. Aber: Für einen positiven Lerneffekt ist entscheidend, dass die digitalen Hilfsmittel richtig auf die spezifischen Rahmenbedingungen und Lernziele eines Lehrgefässes abgestimmt sind, und die Studierenden mit transparenter Dramaturgie durch den Lernprozess begleitet werden. Denn selbständiges und aktives Lernen, so zeigen deren Feedbacks, ist anstrengend und herausfordernd – positive Lerneffekte gehen deshalb (zumindest kurzfristig) nicht immer mit einer höheren Zufriedenheit der Studierenden einher.

Und auch für die Dozierenden ist der Prozess anspruchsvoll: «Unsere Rolle wandelt sich», so Lucia Malär und Dr. Bettina Nyffenegger, «vom reinen Wissensvermittler zum Coach der Studierenden.» Deshalb müssen Dozierende, die sich darauf einlassen, entsprechend unterstützt werden – an der Universität Bern stehen ihnen genau dafür mit dem Bereich Hochschuldidaktik & Lehrentwicklung des ZUW und der Supportstelle für ICT-gestützte Lehre und Forschung ilLUB zwei professionelle Ansprechpartner zur Verfügung.

Stärkung von Digital Skills in der Lehre

Die Hochschuldidaktik & Lehrentwicklung am Zentrum für universitäre Weiterbildung ZUW und die Supportstelle für ICT-gestützte Lehre und Forschung iLUB lancieren drei innovative Projekte im  Rahmen des Programms «Stärkung von Digital Skills in der Lehre» von swissuniversities. Im ersten Projekt werden Studierende in einer fundierten Ausbildung befähigt, als «e-Coaches» Lehrpersonen der Universität Bern bei der Digitalisierung ihrer Lehrveranstaltungen technisch-didaktisch zu unterstützen. Im zweiten Projekt wird, basierend auf den Erkenntnissen von Lernpsychologie und Kognitionsforschung, die Lernwirksamkeit digitaler Mittel beleuchtet und die Lernwirksamkeit digitaler Mittel erforscht. Im Zentrum des dritten Projekts stehen online-basierte Kollaborationsmöglichkeiten zur Erweiterung der Lehr- und Lernformen in raum- und zeitunabhängigen Szenarien.

Der «Tag der Lehre»

Laut der «Strategie 2021» der Universität Bern bilden die hohe Qualität der Lehre sowie die Weiterentwicklung von Lehrmethoden eine der vier universitären Teilstrategien. In diesem Rahmen diskutieren am jährlich stattfindenden «Tag der Lehre» Dozierende der Universität Bern und anderer Hochschulen über exzellente und innovative Lehre. Die Tagung wird vom Vizerektorat Lehre in Zusammenarbeit mit der Hochschuldidaktik des ZUW der Universität Bern organisiert.

Zur Autorin

Claudia Kaufmann ist Kommunikationsbeauftragte des Zentrums für universitäre Weiterbildung ZUW der Universität Bern.