23.12.2019 | Forschung | Gesundheit & Medizin

Zwei Länder gemeinsam gegen das Drogenelend

Schwer Drogenabhängigen helfen, wieder Fuss zu fassen: Ein gemeinsames Projekt der Universität Bern und der Staatlichen Universität für Medizin in Belarus (Weissrussland) will mit einer Forschungskooperation psychiatrische Fachleute in Belarus schulen – und somit die Situation von Heroinsüchtigen landesweit verbessern.

Von Nathalie Matter

Gemäss offiziellen Zahlen sind von den rund 9.5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern von Belarus rund 67'000 Personen abhängig von psychoaktiven Substanzen – darunter schätzungsweise 19'000 von Opiaten wie Heroin. Seit 2009 ist in Belarus Methadon für die Behandlung von Heroinabhängigen zugelassen. Diese opiatgestützte Therapie, die Heroin durch Methadon ersetzt, ermöglicht es Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung, ihre Gesundheit und ihre sozialen Verhältnisse zu stabilisieren. Die meisten Menschen mit einer Opioidabhängigkeit leiden allerdings zusätzlich unter schweren psychischen Problemen und kämpfen mit der Beschaffungskriminalität. In der Schweiz hat sich die kontrollierte Abgabe von Methadon als Teil der Vier-Säulen-Strategie von Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression bewährt. Diese pragmatische Politik war anfänglich weitherum umstritten, diente aber später zahlreichen Ländern als Vorbild.

Pionier-Projekt

«In Belarus konnten Ärztinnen und Ärzte seit der Einführung der Methadon-Abgabe viel klinische und praktische Erfahrung sammeln. Es fehlt aber an wissenschaftlichen Evaluationsmöglichkeiten und an vertieften Weiterbildungsoptionen im Bereich der opiatgestützten Therapie», sagt Michael Liebrenz, Leiter des Forensisch-Psychiatrischen Dienstes des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Bern. Genau darin verfügt die Universität Bern über jahrzehntelange Erfahrung. Diese soll nun in einer mehrjährigen Forschungs- und Ausbildungskooperation den Fachleuten in Belarus zugutekommen – und somit vor allem den Patientinnen und Patienten. Das Projekt «Opiatgestützte Therapie in Belarus und der Schweiz», dessen Gesamtleitung bei Liebrenz liegt, ist die erste wissenschaftliche Kooperation auf dem Gebiet der Psychiatrie zwischen Belarus und der Schweiz. Entsprechend wird das Pionier-Projekt sowohl vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) als auch von der weissrussischen Botschaft in Bern unterstützt.

Bündner Know-how

Beim Projekt leisten die Psychiatrischen Dienste Graubünden (PDGR) tatkräftige Hilfe: Diese wurden von Liebrenz angefragt, da zwischen Bern und Graubünden schon seit längerem eine erfolgreiche wissenschaftliche Zusammenarbeit in der Auswertung von opiatgestützten Therapien besteht. So verfügt Graubünden über das weltweit einzige Gefängnis mit einer kontrollierten Heroinabgabe – was wiederum von den PDGR psychiatrisch versorgt und von der Uni Bern evaluiert wird. Die PDGR sind auch international vernetzt: «Wir kennen verschiedenste medizinische Systeme und wissen, wie die medizinische Versorgung in einem Land auch dezentral und über grosse Distanzen hinweg funktionieren kann», sagt Andres Schneeberger, Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Dienste Graubünden. Wertvolle Kenntnisse, die in die Studie einfliessen sollen.

Gegenseitig den Horizont erweitern

Beim Projekt gehe es nicht darum, dass die Schweiz «kolonialmässig» ihre Kompetenz nach Belarus verpflanze, betont Roman Schleifer vom Forensisch-Psychiatrischen Dienst der Uni Bern. Er hat mit Liebrenz die Zusammenarbeit von Bern und Minsk aufgebaut. Ebenso wie Berner Forschende haben auch Forschende aus Belarus Studienergebnisse zur opiatgestützten Therapie publiziert und eigene Therapieansätze entwickelt – etwa eine Sauerstoff-Therapie, die in Röhren mit Überdruck durchgeführt wird. «Unsere Kollegen in Minsk schwören darauf», sagt Andres Schneeberger.

Zur Zusammenarbeit kam es, weil Forschende in Belarus auf Berner Arbeiten aufmerksam wurden und Liebrenz kontaktiert hatten. «Es gibt viele Dinge, die wir auch lernen können – zum Beispiel, wie man sich auf das Nötigste beschränken und mit reduzierten Mitteln in der Psychiatrie gute Arbeit leisten kann», sagt Schneeberger.

Innerhalb von zwei Jahren soll eine gemeinsame Studie die Möglichkeiten und Grenzen der opiatgestützten Therapie in Belarus ermitteln und die Forschung und Ausbildung auf diesem Gebiet länderübergreifend vorantreiben.

Besuche in Minsk und Bern

Liebrenz, Schleifer und Schneeberger besuchten im Frühjahr Minsk, die Hauptstadt von Belarus, und empfingen im Gegenzug Kolleginnen und Kollegen aus Belarus. Minsk verfügt über die grösste psychiatrische Klinik in Europa mit über 3'000 Betten. «Es gibt schon erhebliche Unterschiede in der psychiatrischen Versorgung», sagt Liebrenz. Schneeberger vergleicht die Situation ungefähr mit derjenigen in der Schweiz vor 50 Jahren, mit grossen Sälen mit Wachpersonen. «Die Kolleginnen und Kollegen sind jedoch sehr engagiert und interessiert, geben was möglich ist und möchten gute Pflege leisten – und würden dafür gerne Änderungen einführen», stellt er fest. Noch sind die Psychiatrie und der Staat fest verbunden, was sich etwa darin zeigt, dass die Diagnose ADHS-Syndrom (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) dort praktisch nicht gestellt wird: «ADHS gilt zwar auch in dortigen Fachkreisen als Erkrankung», sagt Liebrenz. «Allerdings wird die Diagnose nicht gestellt, weil die Verschreibung von Medikamenten, die zur Behandlung notwendig sind, faktisch verboten ist. Die Zusammenarbeit ist eine Chance für uns zu zeigen, dass es dieses Syndrom tatsächlich gibt und wie man es behandeln kann».

Auch der Staatlichen Medizinischen Universität von Belarus stattete die Schweizer Delegation einen Besuch ab. «Wir waren von den Dimensionen beeindruckt: Es gibt dort über 6'500 Medizinstudierende und sogar eine Militärmedizinische Fakultät mit Militärärztinnen und -ärzten und Studierenden in Uniform», sagt Schneeberger. Die jungen Forschenden empfand Liebrenz als «offen, interessiert, wissenschaftlich nicht nur nach Moskau orientiert, sondern international». Beim Gegenbesuch wiederum staunten die Kolleginnen und Kollegen über den Luxus und die Möglichkeiten in der medizinischen Versorgung in der Schweiz, und interessierten sich dafür, wie sich alles entwickelt hat. «Thema war auch der Platzspitz – sie sahen, dass auch bei uns nicht alles rosig ist», sagt Schneeberger. «Und wie bei uns am Anfang stösst die Methadonabgabe bei ihnen auch auf politischen Widerstand. Dass sich dennoch etwas weiterentwickeln kann, macht ihnen Mut.»

«Sehr bereichernd»

In einem Skype-Gespräch äussern sich auch die Forschenden in Minsk: Die Schweiz sei führend im Bereich Psychiatrie und Suchtforschung, sagt Vladimir Pikirenia, Assistenzprofessor an der Staatlichen Medizinischen Universität, Abteilung Psychiatrie und Suchtmedizin. «Von der Zusammenarbeit erhoffe ich mir, die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten zu verbessern und unsere eigene Forschungsarbeit international sichtbarer zu machen». Professor Andrey Kopytov, Direktor der suchtmedizinischen Forschungsabteilung des Republikanischen wissenschaftlichen und klinischen Zentrums für psychische Gesundheit, ergänzt: «Wir möchten auch herausfinden, wie wir in Anbetracht der bei uns vorhandenen Ressourcen eine verbesserte Versorgung landesweit implementieren können.»

Nach den gegenseitigen Besuchen, die dem Kennenlernen dienten, soll nun konkreter Handlungsbedarf ermittelt werden, gefolgt von einem Wissenstransfer auf der Versorgungsebene. In einem weiteren Schritt sollen wissenschaftliche Studien mit Know-How aus der Schweiz begleitet werden, und in einem dritten Schritt Projekte länderübergreifend gestartet werden. «Dass wir unseren jungen Ärztinnen und Ärzten und Forschenden ermöglichen können, Leute aus anderen Psychiatrien kennenzulernen und  gemeinsam Projekte zu erarbeiten, ist sehr bereichernd», sagt Schneeberger.

Zum Projekt

Das Projekt «Opioid maintenance therapy (OMT) in Belarus and Switzerland» sieht eine langjährige Zusammenarbeit vor: Nach gegenseitigen Besuchen in Bern und Minsk 2019 ist geplant, weissrussische Forschende methodisch zu schulen, so dass diese in Belarus bis im Frühjahr 2020 Interviews mit Patientinnen und Patienten als auch mit Gesundheitspersonal durchführen können. Diese Interviews werden bis im Sommer ausgewertet. Im Herbst 2020 soll auf der Basis der so gewonnenen Erkenntnisse ein Zwischenbericht erstellt werden, um Drittmittel – unter anderem bei der EU – für die weitere Zusammenarbeit einzuwerben. Regelmässige Besuche von «Visiting Fellows» aus der Schweiz und Belarus soll die Forschungskooperation verstärken und zu gemeinsamen Publikationen führen.

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Zur Autorin

Nathalie Matter arbeitet als Redaktorin bei Media Relations und ist Themenverantwortliche «Gesundheit und Medizin» in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.