18.06.2019 | Universität | Gesundheit & Medizin

Zu Besuch bei den Versuchstieren

Eine Klasse des 10. Schuljahrs der BVS Linde in Biel besuchte an der Universität Bern die Zentrale Tierhaltung, um mehr über Tierschutz und Tierversuche zu erfahren. Den Besuch hatten zwei Schülerinnen selber organisiert.

Von Lea Muntwyler

«Wir heissen Jasmin Grimm und Ilaria Scozzari und sind 16 Jahre alt. Wir haben in einem Schulprojekt das Thema Tierversuche und würden deshalb gerne einen Besuch bei Ihnen machen»: Mit dieser Bitte wandten sich zwei Schülerinnen an Hanno Würbel, Professor für Tierschutz an der Universität Bern. Einige Tage später sitzt die ganze Klasse in einem Seminarraum des Departements for BioMedical Research (DBMR) der Universität Bern – und wird begrüsst von Hanno Würbel und Alessandra Bergadano, Fachtierärztin für Labortierkunde und Leiterin der Zentralen Tierhaltung. Etwas später wird noch Philippe Krebs dazustossen, ein Forscher am Institut für Pathologie. Gleich zu Beginn lädt Würbel die Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse ein, alle ihre Fragen zu stellen. Und diese nutzten die Gelegenheit – doch dazu später.

Ilaria Scozzari und Jasmin Grimm (vorne im Bild) haben den Besuch an der Universität Bern organisiert. Bild: Lea Muntwyler
Ilaria Scozzari und Jasmin Grimm (vorne im Bild) haben den Besuch an der Universität Bern organisiert. Bild: Lea Muntwyler

Von Haus- zu Versuchstieren

Auch privat begleitet die Schülerinnen das Interesse an Tierversuchen und Tierschutz: Ilaria Scozzari wird im Sommer eine Lehre als Tierpflegerin beginnen, und Jasmin Grimm ist auf einem Bauernhof mit vielen Tieren aufgewachsen. «Wir waren schon immer vernarrt in Tiere», erklären die beiden unisono. Das Thema Tierversuche war für die Schülerinnen bisher jedoch stark und einseitig geprägt von Youtube-Videos und Bildern, die von Tierversuchsgegnern ins Internet gestellt werden. «Wir sind gespannt, wie es den Tieren hier geht», fasst Ilaria Scozzari ihre Erwartungen zusammen.

Tierschutz und Tierversuche: Ein Widerspruch?

Zunächst erzählt der Berner Tierschutzprofessor, was mit «Tierversuch» überhaupt gemeint ist. Unter «Tierversuch» wird allgemein jede Handlung mit einem lebenden Tier verstanden, die dem Erkenntnisgewinn dient. Die Begriffe «Tierschutz» und «Tierversuch» im selben Satz zu verwenden, klinge zunächst seltsam, weiss auch Hanno Würbel. Tatsächlich würden Forschende wie er aber die Grundlagen schaffen, damit der Tierschutz und eine artgerechte Haltung für Versuchstiere verbessert werden können.

Tierversuche werden in der Forschung hauptsächlich in drei Bereichen eingesetzt: Grundlagenforschung, vorklinische Forschung und vorklinische Tests. Sie ermöglichen also neue wissenschaftliche Erkenntnisse, tragen zur Entwicklung neuer Therapien bei und werden zur Wirksamkeits- und Sicherheitsprüfung von Arzneimitteln und Impfungen eingesetzt. So wäre es beispielsweise ohne Tierversuche nicht möglich gewesen, eine Insulin-Therapie zu entwickeln, die bis heute tagtäglich Diabetes-Patienten das Leben rettet.
Philippe Krebs ergänzt, dass wo immer möglich Alternativmethoden wie etwa Zellkulturen eingesetzt würden, dass es heute aber nur dank Tierversuchen möglich sei, Ganzkörpersysteme zu untersuchen. «94 von 106 Nobelpreisen, die im Bereich Medizin und Physiologie vergeben wurden, würdigen Erkenntnisse, die durch Tierversuche möglich gemacht wurden», sagt er zum Staunen der Schülerinnen und Schüler. Dann zeigt er auf, wie seine Forschungsgruppe mit Mäusen – die uns Menschen genetisch sehr ähnlich seien – neue Erkenntnisse in der Darmkrebsforschung erzielt.

Wie werden Tierversuche gemacht?

Doch was muss eine Wissenschaftlerin beachten, die ein Forschungsprojekt mit einem Tierversuch durchführen will? Zunächst, erklärt Würbel, nimmt sie eine sogenannte Güterabwägung vor: «Sie stellt den erwarteten Erkenntnisgewinn der Belastung der Tiere gegenüber». Dabei gilt das 3R-Prinzip – Replace, Reduce, Refine. Nach diesem Prinzip sollen Tierversuche, wenn immer möglich, durch andere Methoden ersetzt, die Anzahl Tierversuche möglichst klein gehalten und die Tiere so wenig wie möglich belastet werden. Schweizer Forschende unterliegen dabei «einem der strengsten Bewilligungsverfahren der Welt», so Hanno Würbel: «Ihr Gesuch wird von einer kantonalen Tierversuchskommission, in der auch Tierschutzorganisationen vertreten sind, geprüft». Aber nicht nur für die Durchführung von Tierversuchen, sondern auch für die Haltung der Versuchstiere und die Aus- und Weiterbildung der Forschenden, die mit Tieren arbeiten, gelten strenge Regeln, die «laufend verbessert werden müssen», wie Würbel betont.

«Warum wird nicht am Menschen geforscht?»

Ruhig und konzentriert haben die Schülerinnen und Schüler den Referaten gelauscht – nun stellen sie die Fragen, die ihnen unter den Nägeln brennen: Warum werden keine Versuche direkt am Menschen durchgeführt? Und wie lange geht es, bis ein Medikament auf den Markt kommt? Dass Menschen nur bedingt für medizinische Versuche eingesetzt werden, liegt auch an der Menschenrechtsverordnung, erklärt Hanno Würbel. Was die Schülerinnen und Schüler aber viel mehr überrascht, ist der lange Weg, den ein Medikament bis zur Einführung auf dem Markt zurücklegt: «Das kann Jahrzehnte dauern», antwortet der Tierschutzexperte. «So lange!», staunen die Schülerinnen und Schüler im Chor.

«Dürfen wir die Tiere berühren?»

Nun führt Alessandra Bergadano die Klasse in die Zentrale Tierhaltung – zu den Mäusen, Ratten und rund zwei Dutzend Kaninchen. Zuvor aber müssen sich alle Schutzkleidung überziehen – zum Schutz der Tiere vor Infektionen. Die Mäuse werden in kleinen Gruppen gehalten, sie haben Zellstoff, um ihre Nester zu bauen und ein Häuschen als Rückzugsmöglichkeit. Die Kaninchen werden in Boxen gehalten, zwischen denen sie sich hin- und herbewegen können. Die ängstlicheren Kaninchen ziehen sich in ihr Versteck zurück, einige Tiere schauen die Jugendlichen neugierig an und schnuppern fleissig. Sie lösen ein entzücktes «Jö» einer Gruppe Schülerinnen aus: «Dürfen wir sie berühren?». Sie dürfen.
Bei einzelnen Tieren sieht man auf den zweiten Blick, dass es sich um Versuchstiere handelt. So hat ein Kaninchen eine rasierte Stelle am Kopf. «Hier war eine Elektrode angebracht, für eine Studie zu Hirnschlag», erklärt Alessandra Bergadano. Ein anderes Tier hat ein Pflaster am Ohr, «mit Schmerzmittel», wie Bergadano weiss. In einem Buch notieren die Tierpflegerinnen und Pfleger akribisch, wie es jedem einzelnen Tier geht und wie es versorgt wird.

«Ja, aber» zu Tierversuchen

«Tschüss!», «Ade!», winken die Schülerinnen den Kaninchen zum Abschied zu. «Ich hätte sie am liebsten umarmt und mitgenommen», meint die Schülerin Aleyna Zeray nach dem Besuch. Sie sei für die Grünen, eine Natur- und Tierliebhaberin, und bis jetzt gegen Tierversuche gewesen. Nach allem, was sie an diesem Vormittag gehört und gesehen habe, sage sie nun «Ja, aber» zu Tierversuchen: «Dort, wo es keine andere Möglichkeit gibt, die Medizin voranzubringen, bin ich dafür.»

Eigenes Bild gemacht

Ilaria Scozzari und Jasmin Grimm sind dankbar für die Gelegenheit, sich ein eigenes Bild zu machen. Sie hatten Tierversuche bisher negativ bewertet. So konnte sich Ilaria Scozzari auch nicht vorstellen, die Lehrstelle als Tierpflegerin in einem Lehrbetrieb mit Versuchstieren zu absolvieren. Deshalb hatte sie sich für ein Tierheim als Lehrbetrieb entschieden. «Heute sehe ich das anders: Den Tieren hier geht es gut – dafür sorgen auch die Tierpflegenden».

Auch Jasmin Grimm hat viel gelernt. Für sie ist es wichtig, dass das 3-R-Prinzip umgesetzt und im Bewilligungsverfahren genau hingeschaut wird. Und: «Ich finde es richtig, dass die Forscherinnen und Forscher zunächst eine sorgfältig überlegte Güterabwägung machen müssen».

Tierversuche und Tierschutz an der Universität Bern

Der respektvolle, fachkundige und verantwortungsbewusste Umgang mit Tieren ist eine Maxime ethischen Handelns und gleichzeitig Voraussetzung für aussagekräftige tierexperimentelle Forschung. Als Mitglied von swissuniversities verpflichtet sich die Universität Bern deshalb, die Einhaltung der von swissunversities definierten Grundsätze und Prinzipien zu fordern und zu fördern.

Das 3R-Prinzip (Replace, Reduce, Refine) will den maximalen Schutz der Versuchstiere ermöglichen, ohne die Aussagekraft der wissenschaftlichen Forschung einzuschränken. In der Schweiz fördert das 3R Kompetenzzentrum Schweiz (3RCC) die 3R-Prinzipien. Das 3RCC ist eine gemeinsame Initiative von Hochschulen, Industrie, Aufsichts- und Regierungsbehörden sowie Tierschutzorganisationen, die an der Universität Bern angesiedelt ist.

https://swiss3rcc.org/

Die Universität Bern verfügt mit Professor Hanno Würbel über die einzige Professur für Tierschutz in der Schweiz mit Schwerpunkt auf die 3R-Prinzipien. Würbels Forschung hat beispielsweise wesentlich dazu beigetragen, die Haltungsbedingungen von Labormäusen weltweit zu verbessern.

http://www.tierschutz.vetsuisse.unibe.ch

Zur Autorin

Lea Muntwyler ist Hochschulpraktikantin in der Abteilung Kommunikation & Marketing der Universität Bern.