11.09.2019 | Forschung | Umwelt & Materie

«Wir müssen die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt neu erfinden»

Wie kommen wir auf einen nachhaltigen Entwicklungspfad? Der erste Weltnachhaltigkeitsbericht der Vereinten Nationen präsentiert Lösungsansätze. Verfasst wurde er von einem unabhängigen Expertenteam unter der Co-Leitung von Peter Messerli, Professor für Nachhaltige Entwicklung an der Universität Bern.

Interview: Timm Eugster

Herr Messerli, warum braucht es neben den Berichten des Weltklimarats und des Weltbiodiversitätsrats noch einen Weltnachhaltigkeitsbericht?

Peter Messerli: Wir wissen heute dank Klima- oder Biodiversitätsberichten sehr detailliert Bescheid über den Zustand der Erde. Wir wissen auch, dass es Kipppunkte gibt, wo die Schäden unumkehrbar werden. Die ultimative Herausforderung und gleichzeitig die Chance unserer Generation ist es, jetzt Veränderungen einzuleiten – aufgrund von Wissen und nicht erst aufgrund von Krisen. Allerdings droht bei den vielen Spezialberichten das grosse Bild abhanden zu kommen. Deshalb beauftragte der UNO-Generalsekretär uns als Gruppe unabhängiger Wissenschaftler, die einzelnen Herausforderungen von Armutsbekämpfung über Klima bis zur Wirtschaftsentwicklung zu verknüpfen und konkrete Lösungswege aufzuzeigen.

Wohin sich die Welt entwickeln soll, hat die UNO ja bereits 2015 in der Agenda 2030 mit den 17 Nachhaltigkeitszielen festgelegt.

Ja, alle 193 Länder haben sich auf Ziele geeinigt und gesagt: Das ist die Welt, die wir wollen. Die Agenda 2030 ist ein umfassender normativer Rahmen, der uns die Richtung vorgibt: ein Gesamtwerk aus sozialen Zielen – etwa keine Armut, kein Hunger, Bildung und Gesundheit für alle – , Umweltzielen – Leben an Land und im Wasser schützen, Klimaschutz – und wirtschaftlichen Zielen – etwa zu Produktion, Konsum und Beschäftigung. Nur: Wenn man diesen Katalog aus 17 Zielen mit 169 Unterzielen als Weihnachtswunschliste versteht und alle je nach Gusto ein paar davon abhäkeln, dann sind wir keinen Schritt weiter.

Warum nicht?

Die einzelnen Ziele widersprechen sich, es wimmelt von Ziel- und Interessenskonflikten. Ein Beispiel: Wer nach bisherigem Muster einseitig auf Wirtschaftswachstum setzt, verfehlt garantiert die Umweltziele. Der Grundgedanke der Agenda 2030 ist jedoch, dass die Nachhaltigkeitsziele untrennbar miteinander verbunden sind: Wenn wir die Biodiversität besser schützen, müssen wir im Blick haben, was dies für die Armutsbekämpfung bedeutet und umgekehrt. Und sie ist universell: Es ist nicht eine Agenda nur für die Entwicklungsländer – im Sinne von «Ihr sollt jetzt eure Umwelt schützen und euch endlich entwickeln»: zum ersten Mal sind alle Länder in der Pflicht. Die Agenda 2030 wird uns alle zwingen, harte politische Entscheide zu fällen. Sie ist viel politischer und tougher als es die Brundtland-Agenda von 1987 war, die Nachhaltigkeit erstmals zum grossen Thema gemacht hat.

Was ist denn heute anders?

Der Brundtland-Bericht hat die drei Nachhaltigkeitsdimensionen des Wirtschaftlichen, Sozialen und Ökologischen definiert und den Gedanken der Gerechtigkeit formuliert: zwischen Nord und Süd und zwischen jetzigen und künftigen Generationen. Real hat man dann aber eine «Micky-Maus-Nachhaltigkeit» umgesetzt: der ökonomische Kreis riesig in der Mitte, dazu als zwei kleine Öhrchen das Soziale und das Ökologische. Die ökonomischen Gewinne hat man realisiert, die ökologischen und sozialen Kosten jedoch aus dem System geschoben: Man liess die Ozeane durch CO2 versauern, die Biodiversität verkümmern und in fernen Ländern Kinder in Fabriken arbeiten. In der heutigen, eng vernetzten und globalisierten Welt geht das nicht mehr so einfach: alles, was wir externalisieren und verstecken wollten, wird heute sichtbar – die Fabriken in Bangladesh genauso wie die brennenden Regenwälder in Brasilien und die schmelzenden Gletscher bei uns.

Wie gut ist die Weltgemeinschaft unterwegs bei der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele?

Wir haben die verfügbaren Indikatoren genommen und geschaut: Wohin führt ein Business as usual-Szenario bis ins Jahr 2030? Dies ergibt ein Bild, bei dem laute Alarmglocken läuten müssen: Bei einer ganzen Reihe von Zielen sind wir nicht nur zu langsam unterwegs, wir gehen sogar in die falsche Richtung. So wächst die Ungleichheit innerhalb der Länder enorm, die CO2-Emmissionen steigen an und damit rücken die Klimaziele weiter weg, das Artensterben schreitet weiter voran. Weitermachen wie bisher geht nicht, isoliert einzelne Entwicklungsziele umsetzen bringt nichts – es braucht also eine Strategie, wie wir Multiplikatoreffekte auslösen können, so dass eine übergreifende positive Dynamik entsteht.

Wie soll das gehen?

Wir haben Ansatzpunkte oder Systeme definiert, die heute dysfunktional sind, und die gleichzeitig so potent sind, dass sie die ganze Welt in die richtige Richtung lenken können, wenn wir es schaffen, sie neu zu konfigurieren. Konkret empfehlen wir, beim Wirtschaftssystem, der Ernährung, dem Energiesystem und bei den Städten anzusetzen. Wenn wir diese Systeme transformieren, hat dies positive Auswirkungen auf alle 17 Entwicklungsziele. Dazu kommen zwei weitere Prioritäten: das menschliche Wohlergehen und die globalen Umweltgüter. Hier haben wir zwar nicht die gleiche systemische Hebelwirkung, aber weil die Dringlichkeit so gross ist, müssen wir sie ebenfalls prioritär behandeln. Dies nur schon, um die Resilienz zu stärken: Mensch und Umwelt müssen in den nächsten Jahren robust sein, um die schwierige Transformation auf einen nachhaltigen Entwicklungspfad zu schaffen. Im Kern geht es darum, die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt neu zu erfinden. Daran führt kein Weg vorbei.

Zum Handeln aufgerufen werden im Bericht alle: Politik, Wirtschaft, die Wissenschaft und wir als Individuen. Heute hat man eher den Eindruck, dass jede dieser Gruppen die Verantwortung auf die anderen abschiebt.

Es ist völlig klar: Wir schaffen es nur, wenn die Akteure an all diesen Hebeln lernen, in einer ganz neuen Art zusammenzuarbeiten. Die Zukunft liegt in Initiativen, die aus solchen Partnerschaften entstehen. Die Zivilgesellschaft geht zurzeit voran, etwa mit der Klimabewegung, aber auch innovative Privatfirmen, die sich an der Agenda 2030 ausrichten – da passiert enorm viel. Die Regierungen spüren diesen Druck und bewegen sich ebenfalls.

Eine Kritik am Bericht wird wohl sein, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hätten sich nicht in die Politik einzumischen.

Mit der Agenda 2030 haben wir ja einen von den 193 UNO-Staaten vorgegebenen Referenzrahmen, der allen Akteuren und damit auch uns Forschenden politische Ziele und Werte vorgibt. Deshalb können wir unser Teleskop nun auch umdrehen: weg von der Fixierung auf die einzelnen Probleme hin zu den Zielen und Lösungen. Wenn das Ziel vorgeben wird, eine Energiewende zu schaffen, die positiv für die Ärmsten ist und das Klima schont, dann ist es unsere Aufgabe, Pfade dahin auszuloten. Das machen wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler heute viel zu wenig. Wenn man solche Pfade sucht, ist nicht immer alles von Anfang an klar, es gibt verschiedene Haltungen dazu, ob man etwa in Frankreich die Gelbwesten fragt oder Präsident Macron. Das heisst, es braucht eine Wissenschaft, die nicht nur am Schreibtisch sitzt, sondern den Austausch sucht. Die Nachhaltigkeitswissenschaften versuchen genau dies, sie sind aber bisher nur eine kleine Randerscheinung im Wissenschaftssystem.

ZUR PERSON

Peter Messerli (52) ist Direktor des Interdisziplinäres Zentrums für Nachhaltige Entwicklung und Umwelt (CDE) der Universität Bern und Professor für Nachhaltige Entwicklung. Er ist in Bern geboren und hat am Geografischen Institut der Universität Bern studiert und promoviert. Seine Forschungsinteressen liegen in der nachhaltigen Nutzung von Landsystemen in Asien und Afrika unter Einfluss der Globalisierung und des globalen Wandels. Er verbrachte mehr als 10 Jahre in Madagaskar und Laos sowie in weiteren Ländern des globalen Südens. Ausserdem beschäftigt er sich mit theoretischen und konzeptionellen Fragen Nachhaltiger Entwicklung, inter- und transdisziplinärer Forschungsansätzen sowie evidenzbasierten Politik- und Entscheidungsprozessen.

Kontakt:

Prof. Dr. Peter Messerli

Centre for Development and Environment (CDE)

E-Mail: peter.messerli@cde.unibe.ch

Peter Messerli und die Indonesierin Endah Murniningtyas haben den ersten Weltnachhaltigkeitsbericht am 10. September an UNO-Generalsekretär António Guterres übergeben. Die beiden leiteten ein Team von 13 bedeutenden Wissenschaftlerinnen und Experten. Die Ausarbeitung des Berichts an der Universität Bern wurde vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA unterstützt.

Zum Autor

Timm Eugster arbeitet als Redaktor Corporate Publishing in der Abteilung Kommunikation & Marketing der Universität Bern. Er ist Leiter des Wissenschaftsmagazins «UniPress» und verantwortlich für die Themen Klima, Nachhaltigkeit und Tierversuche/3R.