20.08.2019 | Universität | Geist & Gesellschaft

Umnutzen, um zu bewahren

Sinkende Mitgliederzahlen stellen Kirchgemeinden vor Probleme. Wie sollen die kostenintensiven Sakralbauten weiter finanziert werden? Johannes Stückelberger, Initiant des Schweizer Kirchenbautags an der Universität Bern, sieht eine Lösung in der Umnutzung.

Interview: Marcus Moser

«uniaktuell»: Wie viele Kirchen, Kapellen und Klöster gibt es in der Schweiz insgesamt?
Johannes Stückelberger: Leider kennen wir die Zahlen nicht, noch nicht. Mit einer Ausnahme: Ich habe kürzlich mit Studierenden ein Inventar aller seit 1950 in der Schweiz gebauten Kirchen, Kapellen und Klöster erstellt. Es umfasst über 1000 Einträge. Das Total aller Sakralbauten in der Schweiz dürfte sich im Bereich einer fünfstelligen Zahl bewegen.

Wie viele Kirchen wurden in den letzten 25 Jahren in der Schweiz umgenutzt oder aufgegeben?
Die «Datenbank Kirchenumnutzungen» auf der Webseite der Universität Bern, die nur Umnutzungen der letzten 25 Jahre erfasst, enthält um die 200 Einträge. Sie ist jedoch nicht komplett. Dazu kommen viele ältere Beispiele von Kirchen und Klöstern, die beispielsweise schon in der Reformationszeit oder im Zuge der Säkularisierung nach 1800 profaniert wurden.

Warum gibt es heute vermehrt Kirchenumnutzungen?
Dies hängt primär damit zusammen, dass die Zahl der Kirchenmitglieder rückläufig ist und damit auch weniger finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Viele Kirchgemeinden reduzieren die Stellenprozente und konzentrieren die Aktivitäten, mit der Folge, dass auch weniger Räume gebraucht werden. Für die überzähligen Räume sucht man neue Nutzerinnen, die die Kosten, die insbesondere bei Kirchengebäuden sehr hoch sind, mittragen. 

Was macht Kirchen im Unterhalt so teuer?
Es sind oft alte Gebäude mit einem hohen kunsthistorischen Wert. Das heisst, Renovationen sind komplex und damit teuer. Kostenintensiv ist auch die Beheizung, da es sich in der Regel um sehr grosse Gebäude handelt. 

Welche Formen von Umnutzungen gibt es?
Als Umnutzung bezeichnen wir jede Form von Nutzungswechsel oder Nutzungserweiterung. Das beginnt damit, dass beispielsweise Kirchen über den Gottesdienst hinaus noch für weitere kirchliche Angebote genutzt werden. Es kann heissen, dass sie anderen kirchlichen Gemeinschaften oder auch profanen Gruppierungen zur Mitnutzung überlassen werden. Wir sprechen in dem Fall von Mischnutzung. Weitere Formen sind die Vermietung, die Abgabe im Baurecht oder gar der Verkauf an andere kirchliche oder profane Gruppen. Und schliesslich gibt es die Option Abriss.

Welches sind Grenzen, die bei Umnutzungen nicht überschritten werden sollten?
Die Grenzen bestimmen sich durch die Werte, die man mit den Kirchen in Verbindung bringt. Sinnvollerweise orientieren sich Umnutzungen oder erweiterte Nutzungen an diesen Werten. Rein rechtlich ist es durchaus möglich, in einer Kirche beispielsweise eine Autowerkstatt einzurichten. Doch ist dies weder angemessen noch sinnvoll. Angemessener und sinnvoller sind Umnutzungen im religiösen, sozialen und kulturellen Bereich sowie Nutzungen, die im Interesse der Gesamtgesellschaft sind.

Man könnte die Kirche ja auch einfach verkaufen. Was spricht dagegen?
Verkäufe von Kirchen kommen vor, vor allem bei kleineren Gemeinschaften wie etwa den Methodisten oder der Neuapostolischen Kirche. Bei den Landeskirchen (evangelisch-reformiert, römisch-katholisch und christkatholisch) sind sie seltener, was damit zu tun hat, dass deren Gebäude, die ja oft dorf- oder stadtbildprägend sind, von der Gesamtgesellschaft in Anspruch genommen werden. Sie beispielsweise an Private zu verkaufen, wie es in St. Gallen geschehen ist, kommt schlecht an. Kirchen sollten in öffentlichem Besitz bleiben. Letztlich gehören sie der Gesellschaft.

Wer soll in den Dialog einbezogen werden, wenn es um die Umnutzung von Kirchen geht?
Bei den Gebäuden der drei Landeskirchen ist es sinnvoll, bei Umnutzungsvorhaben die Öffentlichkeit miteinzubeziehen: das Quartier, das Dorf, die Stadt. Die öffentliche Hand als Partnerin bietet Garantien für langfristige Lösungen erweiterter Nutzungen. Und nur mit dem Einbezug der Öffentlichkeit bleiben die Kirchen öffentliche Gebäude.

Wer ist eher gegen Kirchenumnutzungen? Wer ist eher dafür?
Es gibt Fälle, wo eine Kirchgemeinde für den Abriss ihrer Kirche stimmte, danach aber Leute aus dem Dorf sich dagegen wehrten. Das lässt sich zwar nicht verallgemeinern, aber es zeigt, dass Kirchen auch für Leute, die nie mehr einen Gottesdienst besuchen, einen Wert haben: als die sprichwörtliche Kirche im Dorf, als Ort, den man mit Werten in Verbindung bringt, die einem, auch wenn man nicht mehr Mitglied einer Kirche ist, noch etwas bedeuten. Hohe Akzeptanz geniessen erweiterte Nutzungen oder Mischnutzungen, bei denen die Kirchen im Besitz der Kirchgemeinden bleiben, jedoch von anderen mitgenutzt werden können.  

Bewährt hat sich die Übergabe von Kirchen zur Nutzung durch andere religiöse Gemeinschaften.
Bewährt, weil damit die Kirche - ihrer ursprünglichen Funktion entsprechend - weiterhin und primär als Gottesdienstraum dient. Die kirchliche Gastfreundschaft hat eine lange Tradition. Als die Hugenotten als Glaubensflüchtlinge nach Bern kamen, wurde ihnen die ehemalige Dominikanerkirche, die heutige Französische Kirche, zur Verfügung gestellt. Heute sind es andere Migrantengemeinden, denen man die Kirchen zur Mitnutzung überlässt. 

Gibt es hier Vorbehalte oder gar Grenzen?
Einen Vorbehalt gibt es gegenüber nichtchristlichen Glaubensgemeinschaften, etwa den Muslimen, wobei es in Deutschland schon ein paar Beispiele von Kirchen gibt, die heute als Moscheen genutzt werden. Theologisch gibt es dagegen kaum Argumente, es ist eher eine Frage des Abwägens von finanziellem Nutzen und politischem Schaden. Einen anderen Vorbehalt gibt es gegenüber Freikirchen, die sich ja bewusst von den Landeskirchen abgrenzen. 

Die Mantelnutzung gilt als zukunftsweisendes Modell auch für sakrale Bauten.
Es gibt in Basel das Beispiel einer Kirche, die man, weil kunsthistorisch unbedeutend, abreissen durfte. Man hat die freiwerdende Parzelle für eine grössere Überbauung genutzt, in die man – neben einem Kindergarten und Alterswohnungen – auch einen Gottesdienstraum und weitere kirchliche Räume integrierte. Zukunftsweisend ist an diesem Modell, dass die Kirche dem Ort erhalten bleibt, gleichzeitig die Kosten aber auf mehrere Schultern verteilt werden.

Kirchen reisst man nicht einfach so ab. Warum nicht?
Die meisten Kirchen kann man nicht abreissen, weil sie geschützt sind, wobei der Schutzstatus zum Ausdruck bringt, dass es Gebäude von historischer und öffentlicher Bedeutung sind. Noch einmal: Kirchen sind öffentliche Räume, die der ganzen Gesellschaft gehören. Ein zweiter Grund ist, dass die Gesellschaft Orte wie Kirchen weiterhin braucht: Orte, an denen andere Gesetzmässigkeiten gelten, an denen alle willkommen sind, so, wie sie sind.

Wie wird sich das Problem entwickeln?
Ich gehe davon aus, dass das Thema noch nicht seinen Zenit erreicht hat. Es wird in der Schweiz in den kommenden Jahrzehnten zu weiteren Umnutzungen von Kirchen, Kapellen und Klöstern kommen. Doch bin ich zuversichtlich, dass man – wie bisher auch schon – von Fall zu Fall angemessene und sinnvolle Lösungen finden wird. Unsere Gesellschaft wandelt sich. Die Umnutzungsthematik ist Teil dieses Wandels. Sich der Thematik zu stellen heisst, die Zukunft der Gesellschaft mitzugestalten.

Das Interview wurde schriftlich geführt. Es ist bereits im Themenheft zur Veranstaltungsreihe Kirchen zwischen Macht und Ohnmacht (PDF, 9.6 MB) des Forums für Universität und Gesellschaft erschienen.

Zur Person

Prof. Dr. Johannes Stückelberger, Kunsthistoriker, ist seit 2010 Dozent für Religions- und Kirchenästhetik an der Theologischen Fakultät der Universität Bern. Nach dem Studium in Basel und München war er Assistent in Basel und lehrte danach an den Universitäten Genf, Freiburg und Taipei. In einem vom SNF geförderten Forschungsprojekt analysierte er jüngst die Sakraltopographien von acht Schweizer Städten in ihrer Transformation von 1850 bis heute.

Er ist der Initiant des Schweizer Kirchenbautags.

 

Kontakt:

Prof. Dr. Johannes Stückelberger
Universität Bern
Institut für Praktische Theologie
E-mail: johannes.stueckelberger@theol.unibe.ch

Schweizer Kirchenbautag 2019: Moderner Kirchenbau in der Schweiz

Infolge des starken Bevölkerungswachstums sowie einer zunehmenden konfessionellen Durchmischung gab es in der Schweiz nach 1950 einen riesigen Bedarf an neuen Kirchen: Über 1000 Kirchen wurden in der Schweiz in dieser Zeit gebaut. Sie sind das Thema des Dritten Schweizer Kirchenbautags am Freitag, 30. August 2019 an der Universität Bern. Anlässlich der Tagung wird eine neue Datenbank online gehen, in der die über 1000 Kirchen, Kapellen und Klöster, die seit 1950 in der Schweiz gebaut wurden, erfasst sind. Die Tagung richtet sich an Personen, die von Amtes wegen oder aus anderen Gründen mit modernen Kirchen befasst sind bzw. sich dafür interessieren.

Der Schweizer Kirchenbautag widmet sich aktuellen Fragen zum Kirchenbau in der Schweiz. Er fördert den Austausch zwischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern aus Kirche, Denkmalpflege und Öffentlichkeit. Organisatorisch ist der Schweizer Kirchenbautag an das Kompetenzzentrum Liturgik an der Theologischen Fakultät der Universität Bern angegliedert. Finanziert wird er ausschliesslich mit Drittmitteln von Sponsoren.

Zum Autor

Marcus Moser ist Geschäftsleiter des Forums für Universität und Gesellschaft.