17.10.2019 | Personen | Geist & Gesellschaft

«Schweizer Geschichte ist zu oft eine Nabelschau»

Zum 60. Geburtstag von André Holenstein führt das Historische Institut der Uni Bern am 1. November 2019 ein Denklabor durch. Der Professor für Schweizer Geschichte befasst sich in seiner Forschung insbesondere mit der Verflechtung der Schweiz mit ihrem Umfeld. Er kritisiert, dass Schweizer Geschichte häufig zu einseitig dargestellt werde.

Interview: Lisa Fankhauser

Herr Holenstein, Sie befassen sich seit langer Zeit mit dem Thema Transnationalität. Was ist darunter zu verstehen?
André Holenstein: Transnationalität befasst sich damit, wie stark Einheiten mit ihrem Umfeld verflochten sind. Nationalstaaten werden also nicht als «abgeschlossen» betrachtet, sondern wir untersuchen ihre Verbindungen mit dem Umfeld. Dieser Ansatz ist für die Schweiz fruchtbar, da unser Kleinstaat immer wie mehr verflochten ist mit dem geopolitischen Umfeld – auch wenn Teile der Schweizer Politik dies nicht wahrhaben wollen. Es gilt deshalb, sich nicht abzuschotten, sondern sich auf die neuen Anforderungen auszurichten.

Wieso interessieren Sie sich insbesondere für Transnationalität?
Das transnationale Thema wurzelt in meiner politischen Sensibilität als Staatsbürger. Mich frappiert dieses Spannungsverhältnis zwischen Grossmacht und Zwergdasein: Einerseits ist die Schweiz extrem global verflochten – wir sind eine Exportnation, haben hohe Einwanderungszahlen, sind ein führender Finanz- sowie Handelsplatz für Rohstoffe. Die Schweiz ist damit eine ökonomische kommerzielle Grossmacht. Und gleichzeitig wollen wir uns überall raushalten und kleinmachen. Sei es durch die Neutralität oder dass wir auch heute nicht EU-Mitglied sind. Das ist ein merkwürdiger Gegensatz zwischen dem, was wir praktisch machen, und für wen wir uns halten.

Können Sie konkrete Beispiele nennen?
Das Bankgeheimnis ist ein gutes Beispiel für diese Kurzsichtigkeit. So sagte der ehemalige Bundesrat Hans-Rudolf Merz 2008, dass man sich am Bankgeheimnis noch «die Zähne ausbeissen werde». Und wo stehen wir heute? Oder das Rahmenabkommen mit der EU: Es ist klar, dass es eine Vereinbarung geben wird. Aber im Innern findet nun ein Ausknobeln von Bedingungen statt. Die Debatte ist zudem sehr unübersichtlich geworden. Mittelfristig ist aber klar: Wollen wir nicht in die EU, müssen wir den bilateralen Weg beibehalten und uns eingestehen, dass gewisse Sachen nicht von uns alleine bestimmt werden.

Wo liegen die Anfänge der Verflechtung?
Zu einem Schub kam es im späten 15. Jahrhundert in Zusammenhang mit den Burgunderkriegen. Nach dem Sieg der antiburgundischen Allianz wurden die Eidgenossen auf einmal auf die grosse Bühne katapultiert – zumindest als militärische Macht. Alle grossen Potentaten waren plötzlich daran interessiert, mit ihnen ins Geschäft zu kommen, sie auf ihre Seite zu ziehen. Die Schweiz war deshalb interessant, weil sie an einer strategisch wichtigen geopolitischen Stelle in Europa liegt und für diese Mächte diversen Nutzen bot – etwa Söldner, Kriegsmaterial oder als Durchgangsraum nach Italien. In der traditionellen Schweizer Geschichte wurde dies lange zu wenig dargestellt, sondern immer der Widerstandsgeist oder die Freiheit betont.

Sie kritisieren, dass Schweizer Geschichte teils fälschlicherweise dargestellt wird…
Es besteht sehr viel Einseitigkeit in der Darstellung der Schweizer Geschichte. Es handelt sich oft um eine Nabelschau, Vieles fehlt. Häufig wird betont, dass wir so geworden sind, wie wir sind, weil wir fleissig waren oder weil wir uns immer für die Freiheit gewehrt haben. Der Fokus liegt so auf den eigenen Leistungen – die Nationalgeschichte ist aber auch in anderen Ländern entsprechend aufgebaut. Es ist mir ein Anliegen, mit meinen Büchern, Medienauftritten oder Vorträgen diesem Missverhältnis in der Darstellung der Nationalgeschichte entgegenzuwirken und zu zeigen, dass wir nicht einfach vom Rütli kommen, sondern eine stark verflochtene Geschichte haben – sei es politisch, kulturell oder auch wirtschaftlich. Seit dem 17. Jahrhundert sind wir beispielsweise eine Exportnation: Ich denke hier an die Genfer Uhren- oder die Seidenindustrie. Auch gab es schon immer Migration: Viele Schweizer Söldner dienten in Frankreich, Spanien oder Holland. Die Schweiz hat also keine hermetische Grenze, sondern es gibt viel Durchlässigkeit und Interdependenz. Dies erlaubt eine realistischere Einschätzung der Vergangenheit und wir verstehen dadurch besser, wo wir heute stehen.

Wie steht es um die Unabhängigkeit der Schweiz?
Wir waren nie unabhängig. Natürlich bestimmen wir in vielen Fragen eigenständig. Aber das Schreckensbild der EU ist dummes Geschwätz – nur Leute, die die EU zu wenig kennen, sprechen so von ihr. Auch in der EU haben die einzelnen Staaten immer noch eigene Kompetenzen, etwa bei der Armee. Innerhalb der Schweiz fand ja mit der Gründung des Bundesstaats auch ein Wandel statt: Kompetenzen wurden von den Kantonen an den Bund abgegeben, weil gewissen Kreisen bewusst wurde, dass der Eisenbahnbau oder das Postwesen nicht auf kantonaler Ebene geregelt werden konnten. Themen wie Mobilität, Globalisierung oder Klimawandel überfordern heutzutage den Nationalstaat. Deshalb sehe ich die Souveränität der Schweiz eher als ein dynamisches Konzept. Es muss auch gesagt werden, dass die Schweiz als Nutzniesserin immer wieder von den friedlichen Prozessen, die sich rund um sie herum abspielten, profitierte. Stichwort Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg: Indirekt wurde auch die Schweiz befreit.

Wagen Sie eine Prognose für die Schweiz?
Es wäre zu wünschen, dass die Schweiz mehr mitredet. Viele Prozesse kann ein Land selber nicht steuern. Die starke Zuwanderung, der hohe Ausländeranteil, Exporte oder die Position als führender Finanzplatz machen unser sehr hohes Wohlstandsniveau aus. Wir leben in einer topmodernen Wirtschafts-, Dienstleistungs- und Kommunikationsgesellschaft. Wer diesen Wohlstand nicht will, muss den Gürtel enger schnallen. Wollen wir alles aus eigener Kraft machen, müssen wir extrem viel investieren – man denke hier nur an die vielen Ärztinnen und Ärzte, deren Ausbildung die deutschen, finnischen oder schwedischen Steuerzahlenden finanziert haben und die dann bei uns arbeiten.

Warum ist das Interesse der Bevölkerung an Schweizer Geschichte so gestiegen?
Da spielen verschiedene Faktoren mit. Meine Vermutung ist, dass dies mit unserer Zeit, mit der Beschleunigung zu tun hat. Da ist das Bedürfnis, zu wissen, wie alles entstanden ist, nur legitim. Zudem sind wir auch selber Zeugen von Veränderungen. Ganz im Gegensatz zu den Menschen im 16. oder 17. Jahrhundert, die oftmals die gleichen Erfahrungen machten – Grosseltern wie deren Enkel. Heute beeinflussen die Digitalisierung und Globalisierung, wie wir leben, und auch das lebenslange Lernen ist zentral. Aus diesen Erfahrungen entsteht bei vielen Menschen das Interesse an der Vergangenheit und ein grosses Bedürfnis nach Orientierung.

ZUR PERSON

André Holenstein ist seit 2002 ordentlicher Professor für ältere Schweizer Geschichte und vergleichende Regionalgeschichte am Historischen Institut der Universität Bern. Sein Lehrstuhl widmet sich der Erforschung und Vermittlung der Geschichte des schweizerischen Raums vom Spätmittelalter bis ins frühe 19. Jahrhundert. Besondere Aufmerksamkeit erfährt die transnationale Betrachtung der Schweizer Geschichte in der «longue durée», die die Geschichte des «Corpus Helveticum» konsequent in grenzüberschreitende, europäische Zusammenhänge einbettet. In Lehre und Forschung sind die Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur der alten Schweiz thematisch gleichermassen vertreten. Ein besonderes Augenmerk gilt der Persistenz vormoderner Institutionen in jener Republik, die als einzige in Europa die politische Flurbereinigung der Revolution und napoleonischen Zeit überdauerte.

André Holenstein hat verschiedene Bücher zur Schweizer Geschichte wie etwa «Schweizer Migrationsgeschichte» (2018) oder «Mitten in Europa» (2014) publiziert.

Kontakt:

Prof. Dr. André Holenstein
Universität Bern, Historisches Institut
E-Mail: andre.holenstein@hist.unibe.ch 

MITTEN IN DER DEBATTE

Am 1. November 2019 führt das Historische Institut mit «Mitten in der Debatte – Verflechtung als «condition d’être» der Schweiz in Vergangenheit und Gegenwart» ein Denklabor zum 60. Geburtstag von André Holenstein durch. André Holenstein zählt zu den Historikern, die nicht nur vorbehaltlose Anerkennung in der Wissenschaftsgemeinde geniessen, sondern auch im gesellschaftlichen Diskurs grosse Resonanz auslösen. Zu seinem 60. Geburtstag würdigt das Denklabor seine Verdienste in beiden Feldern. In seinen Forschungen befasste sich der Jubilar anfänglich mit Herrschaftsordnungen und der Rolle von Untertanen in lokalen Gesellschaften des vormodernen Europas, um sich später der Schweizer Geschichte zuzuwenden. Das Denklabor besteht aus Impulsreferaten sowie einer Podiumsdiskussion.

Programm (PDF, 1.8 MB)

ZUR AUTORIN

Lisa Fankhauser arbeitet als Redaktorin Corporate Publishing bei der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern. Sie ist Themenverantwortliche «Interkulturelles Wissen».