18.04.2019 | Forschung | Geist & Gesellschaft

Lehren und Lernen in der Schule verbessern

Im April gründen zwei Fakultäten der Universität Bern das Interfaculty Centre for Educational Research (ICER). Das ICER wird zwei Grossprojekte im Bereich Bildungsforschung in der Schweiz koordinieren – eines davon ist die viel beachtete PISA-Studie. ICER-Leiterin Andrea Erzinger erzählt im Interview von den Herausforderungen der Projekte.

Interview: Lisa Fankhauser

Frau Erzinger, das ICER wird von der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät WISO und der Phil.-hum. Fakultät gegründet. Wieso diese interdisziplinäre Zusammenarbeit?
Andrea Erzinger: Die Projekte, die das ICER koordiniert – sogenannte Large-Scale-Assessments LSA –, bieten aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven ein grosses Potenzial für die interdisziplinäre sozialwissenschaftliche Forschung. Denn belastbare theoriegeleitete Befunde zum Lernen in der Schule sind rar. Erkenntnisse können das Lehren und Lernen in der Schule verbessern und somit systematisch zur Qualitätsentwicklung beitragen. Die LSA generieren Indikatoren zur Beobachtung von Struktur, Funktion, Produktivität und Chancengleichheit in Bildungssystemen. Zudem tragen sie zuverlässige wissenschaftliche Daten zusammen, die die Untersuchung von bildungspolitisch relevanten Fragestellungen ermöglichen. Es werden also Informationen zu Faktoren, welche etwas über die Qualität von Bildungssystemen aussagen, produziert. Gerade in diesem Bereich überschneidet sich die Interessenlagen verschiedener wissenschaftlicher Perspektiven, die an der Universität Bern in verschiedenen Fakultäten organisiert sind.

Inwiefern?
Die Phil.-hum. Fakultät hat am Institut für Erziehungswissenschaft einen Schwerpunkt im Bereich der schulischen und ausserschulischen Bildungsforschung. Die Entwicklung von individuellen, kognitiven und nicht-kognitiven Kompetenzen, schulischen und beruflichen Laufbahnentwicklungen sowie die Unterrichts- und Schulentwicklungsforschung sind hier von besonderem Interesse. Aber auch die WISO-Fakultät hat durch das Institut für Soziologie inhaltliche Anknüpfungspunkte an die empirische Sozialforschung und die soziologische Bildungsforschung.

Können Sie etwas über die beiden Grossprojekte am ICER erzählen?
Am ICER wird einerseits die «Überprüfung des Erreichens der Grundkompetenzen (ÜGK)» und andererseits PISA – Programme for International Assessment – koordiniert. Beide Studien sind Bestandteile des Schweizer Bildungsmonitorings, das den kontinuierlichen und systematischen Prozess der Erfassung, Auswertung und Darstellung von Informationen, die Aussagen zur Bildungssituation und -qualität in einem Bildungssystem ermöglicht. Ziel ist die Beschreibung von Leistungen der Schülerinnen und Schüler und von Eigenschaften der Bildungssysteme sowie die Erklärung bestehender Unterschiede, um die nötigen Grundlagen für die Weiterentwicklung des Bildungssystems bereitzustellen. Die Bildungsforschung unterstützt die Bildungspolitik auf der Grundlage der Ergebnisse in ihrer Steuerungsfunktion. Damit können die Qualität von Schule und Unterricht sowie die Ergebnisse des Bildungssystems insgesamt verbessert werden.

Was wird in den Studien genau untersucht?
Die nationalen Bildungsziele der Schweiz sehen vor, dass alle Schülerinnen und Schüler zu einem bestimmten Zeitpunkt ihrer Schullaufbahn bestimmte Grundkompetenzen erreichen. Die ÜGK untersucht das Erreichen der Grundkompetenzen: Überprüft werden die von den Schülerinnen und Schülern erworbenen Grundkompetenzen in ausgewählten Fächern – Mathematik, Schweizer Schulsprachen und erste Fremdsprachen – jeweils zu Ende des 4., 8. und 11. Schuljahrs. Die standardisierten Leistungstests werden durch einen Fragebogen für Schülerinnen und Schüler zu individuellen, schulischen und familiären Aspekten ergänzt. PISA ist eine internationale Vergleichsstudie, die seit 2000 alle drei Jahre die Kompetenzen Jugendlicher in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften erfasst. Ziel ist die Messung der «Literacy», die über die Kenntnisse in den einzelnen Fächern hinausgehend auch die Fähigkeit beinhaltet, Wissen und Erfahrungen zu reflektieren und bei der Bewältigung alltäglicher Herausforderungen anzuwenden. Dabei wird gefragt, wie gut 15-Jährige auf die Anforderungen der heutigen Gesellschaft vorbereitet sind.

Welches sind die Ziele und Herausforderungen des ICER?
PISA ermöglicht als internationale Vergleichsstudie ein Ranking, ein Benchmarking und ein Monitoring im Vergleich mit anderen Ländern sowie zwischen der deutsch-, der französisch- sowie der italienischsprachigen Schweiz. Dabei werden übergeordnete Kompetenzen erfasst, jedoch keine schulischen Fachleistungen, abgestimmt auf Lehrplan und Zielstufe. Deshalb wurde in der Schweiz mit der ÜGK ein nationales Bildungsmonitoring aufgebaut, welches die Besonderheiten des Bildungssystems – Stichwort Föderalismus – explizit berücksichtigt. Vor diesem Hintergrund ist die grosse Herausforderung des ICER, die ÜGK weiterzuentwickeln und eine adäquate Begleitforschung zu konzeptualisieren. Dabei wird angestrebt, Ursache-Wirkungszusammenhänge in Schulsystemen aufzudecken, um zur Verbesserung des Lehrens und Lernens in der Schule beizutragen. Zudem sollen die Projekte zur Qualitätskontrolle und -sicherung systematisch in die nationale und internationale Forschungslandschaft eingebunden und bei der Durchführung mit anderen Universitäten, Hochschulen und Forschungsinstitutionen zusammengearbeitet werden. Auch wird angestrebt, die erhobenen Daten verstärkt für Forschung und Lehre an den Hochschulen, aber auch für Bildungspolitik und -administration nutzbar zu machen.

Wie ist das ICER organisiert? Und wie wird es finanziert?
Die wissenschaftliche Leitung begleitet Projekte auf der strategischen Ebene und ist für die wissenschaftliche Einbindung national und international sowie für die strategische Weiterentwicklung verantwortlich. Diese wird durch eine Geschäftsstelle und ein Datenmanagement unterstützt. Das ICER hat einen uni-internen Beirat, der die ICER-Leitung beim Aufbauprozess unterstützt. Zudem gibt es einen wissenschaftlichen Beirat mit internationalen Expertinnen und Experten, welche die ICER-Leitung vor dem Hintergrund internationaler Entwicklungen berät. Finanziert wird das ICER grösstenteils durch Kooperationsvereinbarungen mit der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren EDK zur Umsetzung und zur kontinuierlichen wissenschaftlichen Koordination der ÜGK und von PISA 2021. Für die Begleitforschung ist geplant, zusätzliche Drittmittel zu akquirieren.

Ist eine Zusammenarbeit mit weiteren Organisationen – etwa Pädagogischen Hochschulen – geplant?
Das ICER kann auf die bereits etablierten Strukturen und Prozesse bei der ÜGK sowie bei PISA aufbauen, diese erweitern und dabei von der Expertise der Institutionen, die bisher mit der Durchführung der beiden Projekte betraut waren, profitieren. Zudem ist eine enge Zusammenarbeit mit Institutionen aus allen Schweizer Sprachregionen zentral, da die Projekte in den drei Schulsprachen durchgeführt werden. Bei Projekten mit dem Anknüpfungspunkt an Schulen ist insbesondere die Verknüpfung mit der Forschung an Pädagogischen Hochschulen wichtig. Diese stellen im Bereich der Fachdidaktik wichtige Expertise zur Verfügung, welche die Fachkompetenzen an den Universitäten ergänzt.

Zur Person

Dr. Andrea Erzinger ist Direktorin des Interfaculty Centre for Educational Research (ICER). Sie hat an der Universität Zürich Pädagogik, Privatrecht und Politikwissenschaft studiert und am Institut für Erziehungswissenschaft (Universität Zürich) promoviert.

Kontakt:

Dr. Andrea Erzinger
Universität Bern, Interfaculty Centre for Educational Research (ICER)
E-Mail: andrea.erzinger@icer.unibe.ch

Interfaculty Centre for Educational Research (ICER)

Das Interfaculty Centre for Educational Research (ICER) der Universität Bern wurde von der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät und der Phil.-hum. Fakultät gegründet. Am ICER wird einerseits die «Überprüfung des Erreichens der Grundkompetenzen (ÜGK)» und andererseits PISA (Programme for International Assessment) koordiniert. Beide Studien sind Bestandteile des Schweizer Bildungsmonitorings.

ZUR AUTORIN

Lisa Fankhauser arbeitet als Redaktorin Corporate Publishing bei der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern. Sie ist Themenverantwortliche «Interkulturelles Wissen».