18.09.2019 | Forschung | Geist & Gesellschaft

«Jugendliche sagen vermehrt Kartoffle statt Härdöpfu»

Wie verändern sich schweizerdeutsche Dialekte mit der Zeit? Diese Frage erforscht Adrian Leemann mit seinem Team ab diesem Herbstsemester als SNF-Eccellenza-Professor am Center for the Study of Language and Society (CSLS) der Universität Bern. Er stellt fest, dass sich Dialekte aus grossen Städten ausbreiten und Einflüsse aus dem Hochdeutschen zunehmen.

Interview: Lea Muntwyler

«uniaktuell»: Sie haben für Ihr Forschungsprojekt «Language Variation and Change in German-speaking Switzerland» eine «Eccellenza Professorial Fellowship» des Schweizerischen Nationalfonds SNF erhalten. Worum geht es in dem Projekt?
Adrian Leemann: In diesem 5-Jahres Projekt untersuche ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen Péter Jeszenszky, Carina Steiner, Melanie Studerus und Jan Messerli, wie sich schweizerdeutsche Dialekte in den letzten 70 Jahren verändert haben. Dazu erheben wir Sprachmaterial von rund 1000 Sprechenden aus unzähligen Ortschaften und vergleichen diese mit Daten aus den 1950er Jahren.

Setzen Sie bei der Datenerhebung auch auf digitale Medien? Welche Herausforderungen und Chancen birgt die Digitalisierung für die Sprachwissenschaft?

Big oder mass data und web-scraping sind zurzeit in aller Munde. Grosse Datenmengen erlauben Analysen, die bisher nicht möglich waren. Mit grossen Datensätzen zu arbeiten, heisst aber nicht zwingend «bessere» Resultate – oftmals ist die Datenbasis verzerrt: zum Beispiel mehr Daten von jungen Personen oder Leuten aus urbanen Regionen. Es ist auch möglich, dass wichtige Metadaten fehlen, wie Daten zum Mobilitätshintergrund der Sprecherinnen und Sprecher. Das macht es schwierig, im Anschluss sinnvolle Rückschlüsse zu den gefundenen Mustern machen zu können.

Jede Methode bringt Vor- und Nachteile mit sich. Apps sind beispielsweise spannend, weil diese grossflächiges Datensammeln von typischerweise eher jungen Personen zulassen. Beides wurde in der Forschung zu Dialekten bisher stark vernachlässigt. Apps können aber ungeeignet sein, wenn es darum geht, kontrollierte Daten zu erheben. In unserem neuen Projekt kombinieren wir beides: grossflächiges und kontrolliertes Datensammeln von rund 1000 Personen aus der gesamten Deutschschweiz.

Sie haben früher auch schon die sehr erfolgreiche Dialäkt Äpp entwickelt, mit der Nutzende herausfinden können, wo ihr Dialekt geographisch anzusiedeln ist. Die Auswertungen der Daten aus der Dialäkt Äpp zeigen Sprachveränderungen und -entwicklungen in der Schweiz auf. Wie verändert sich das Schweizerdeutsche?

Da gibt es verschiedene Tendenzen. Dialekte aus grossen Städten wie Zürich, Bern und Basel scheinen sich auszubreiten. Die Berner Varianten «Miuch» oder «Zwöuf» beispielsweise breiten sich in Richtung Oberland, aber auch in die Zentralschweiz aus. Gleichzeitig sind deutliche Einflüsse aus dem Hochdeutschen festzustellen. Vor allem Jugendliche verwenden mehr Wörter wie «Pfütze» oder «Kartoffle» statt «Glungge» oder «Härdöpfu».

Sie prognostizieren also, dass sich das Hochdeutsche und Berndeutsche in der Schweiz weiter ausbreiten werden. Warum? Gehen regionale Dialekte dadurch verloren?

Grössere Städte wie Zürich, Bern und Basel sind wirtschaftliche Motoren; sie bieten Arbeitsplätze für umgebende Regionen. Leute pendeln täglich, beispielsweise von Schwyz nach Zürich. Wenn sie am Arbeitsplatz in Zürich verstanden werden möchten, brauchen Schwyzer oftmals nicht das traditionelle Wort «Bäck» für den Apfelüberrest, sondern gleichen sich dem Zürcher «Bütschgi» an. Dies kann zu einer Veränderung in der Sprache der Schwyzer führen. Generell ist ein Verlust von regionaler Diversität festzustellen. Dies wird auch in vielen anderen europäischen Ländern festgestellt, wie zum Beispiel in Grossbritannien, Deutschland oder Holland.

Im Vergleich zum Ausland haben Dialekte in der Schweiz ein hohes Prestige. Weshalb?

Diese Situation scheint im deutschsprachigen Europa einzigartig zu sein: weder in Deutschland noch in Österreich geniessen Dialekte einen so hohen Stellenwert. In der Schweiz herrscht eine Art selbstverständliche Verwendung des Dialekts. Jeder spricht mit jedem Dialekt: der Politiker mit dem Bäcker, die Lehrerin mit dem Pfarrer. Darin scheint sich etwas Urdemokratisches zu widerspiegeln. Nach dem 2. Weltkrieg galt der Gebrauch von Dialekt als Teil der «Geistigen Landesverteidigung», was sicher zur Beliebtheit der Dialekte beigetragen hat. Anfangs der 60er Jahre kam die Dialektwelle dann in die Medien. Heute finden wir den Swatch Jahresbericht und den Blick am Abend auf Schweizerdeutsch.

Sie untersuchen auch das Prestige der verschiedenen Schweizer Dialekte untereinander. Gibt es eine Rangliste der beliebtesten Dialekte? Was trägt zur positiven Bewertung bei?

Wenn man Personen auf der Strasse nach dem «beliebtesten Dialekt» fragt, wären wohl Berndeutsch, Walliserdeutsch und Bündnerdeutsch weit oben auf der Liste. Typischerweise sind dies Dialekte, die mit positiven Assoziationen verbunden sind – man hört Berndeutsch in den Wanderferien im Oberland, in den Sportferien im Winter fährt man ins Graubünden – alles (meist) positive Erfahrungen. Dies beeinflusst unser Bild einer Sprechergruppe und deren Dialekt. Spielt man den Passanten auf der Strasse aber verschiedene Dialekte vor und fragt zum Beispiel nach deren Prestige oder danach, wie kompetent der Dialekt klingt, so kommt Zürichdeutsch wahrscheinlich am besten weg. Die Art der Befragung der «Beliebtheit» ist bei solchen Untersuchungen zentral.

Wenn es einer weiss, dann Sie: Reden die Berner wirklich langsamer als die Zürcher oder Basler?

Das ist in der Tat der Fall. Wir haben dies mit verschiedenen Methoden untersucht und kamen jedes Mal zum selben Schluss: Berner, besonders die Emmentaler, sprechen langsam. Tendenziell werden hier die Vokale gedehnter ausgesprochen, was dazu führt, dass langsamer gesprochen wird. Weshalb diese regionalen Unterschiede in der Sprechgeschwindigkeit existieren, wissen wir noch nicht genau – könnte auch ein Zusammenhang zur möglicherweise langsameren Berner Gehgeschwindigkeit bestehen? Schlussendlich wird Sprache auch – wie das Gehen – durch Muskelbewegungen produziert.

Sie setzen sich als preisgekrönter Forscher für andere Jungtalente ein und leiten derzeit ein eigenes Forschungsteam. Welche Herausforderungen erleben Nachwuchsforschende heute?

Ich finde es äusserst wichtig, den Nachwuchs zu fördern. Eine wissenschaftliche Karriere ist für viele (leider) unattraktiv – das Präkariat, dass man längerfristig auf befristeten Stellen hängen bleibt, ist bekannt. Zudem wird der Markt stetig kompetitiver – Drittmittelgelder einzuwerben wird meiner Erfahrung nach schwieriger. Trotzdem versuche ich, dem Nachwuchs die wissenschaftliche Forschung durch meine Begeisterung zum Thema schmackhaft zu machen. Sprache ist etwas, das die Leute bewegt und emotional behaftet ist. Sonst würden Sie jetzt dieses Interview nicht lesen.

ZUR PERSON

Prof. Dr. Adrian Leemann hat 2009 in Bern promoviert. Anschliessend war er Postdoc an den Universitäten Zürich (2011-2014) und Cambridge (UK, 2014-2016). 2017-2019 war er Assistenzprofessor für Sprachvariation und -wandel an der University of Lancaster (UK). Nun arbeitet er als Professor (SNSF Eccellenza) am Center for the Study of Language and Society (CSLS) der Universität Bern. Prof. Leemann interessiert sich für Sprache und Gesellschaft, (forensische) Phonetik, Dialekte und innovative Methoden der Linguistik.

Kontakt:

Prof. Dr. Adrian Leemann

Center for the Study of Language and Society (CSLS)

Telefon direkt: +41 31 631 51 39

Email: adrian.leemann@csls.unibe.ch

 

Zur Autorin

Lea Muntwyler arbeitet als Redaktorin bei Media Relations in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.