26.11.2019 | Universität | Umwelt & Materie

Exoplanetenforschung: Ein aufsteigender Stern am Wissenschaftshimmel

Die Suche nach ausserirdischem Leben in der modernen Weltraumforschung und ihre Bedeutung für das Leben auf der Erde: es sind keine bescheidenen Themen, die das Hans-Sigrist-Symposium 2019 bestimmen. Anlass ist die Auszeichnung des niederländischen Astronomen Prof. Dr. Ignas Snellen mit dem hochdotierten Preis der Hans-Sigrist-Stiftung. Kevin Heng, Direktor des Centers for Space and Habitability (CSH) der Universität Bern und Organisator des Symposiums gibt im Interview einen Vorgeschmack auf die hochkarätige Veranstaltung.

Interview: Nina Jacobshagen / Übersetzt aus dem Englischen

Herr Heng, der Hans-Sigrist-Preis wird an einen Exoplanetenforscher verliehen. Was bedeutet das für Sie?
Kevin Heng: Es ist das erste Mal in der Geschichte des Hans-Sigrist-Preises, dass die Auszeichnung an das Forschungsgebiet der Exoplanetenforschung geht. Für mich ist das ungeheuer spannend, weil es eine junge, aber schnell wachsende Forschungsdisziplin ist, die nun Beachtung findet. Kurz gesagt, befasst sich die Exoplanetenforschung mit Planeten, die um Sterne ausserhalb unseres Sonnensystems kreisen.

Weshalb wurde Ignas Snellen als Preisträger gewählt?
Weil selbst der nächste Exoplanet viele Lichtjahre von uns entfernt ist, können wir sie nur erkunden, indem wir Signale messen, die wir in ihrer Atmosphäre finden. Ignas Snellen ist ein Pionier auf dem Gebiet der Fernerkundung. Er konnte als Erster zeigen, dass sich Moleküle mit hochmodernen bodengestützten Teleskopen eindeutig identifizieren lassen. Ignas Snellen ist einer der führenden Wissenschaftler für die nächste Phase der Exoplanetenforschung: Da wir jetzt Exoplaneten erkunden können, wollen wir auch wissen, wie sie beschaffen sind. Snellens Forschungsarbeit ebnet den Weg, um in Zukunft ausserhalb unseres Sonnensystems sogenannte Biosignaturen nachweisen zu können – also Zeichen, die auf Leben hindeuten können.

Für das Hans-Sigrist-Symposium war der Genfer Astronom Michel Mayor als Referent vorgesehen. Er kann aber nicht kommen, weil ihm zusammen mit Didier Queloz in Stockholm der Nobelpreis für die Entdeckung des ersten Exoplaneten verliehen wird. Was bedeutet dieser Nobelpreis für die Exoplanetenforschung?
Zum einen ist an der Zeit, die Exoplanetenforschung wie gesagt als eigenes Forschungsgebiet anzuerkennen: Es unterscheidet sich von der Planetologie, da sich diese nur mit Himmelskörpern innerhalb unseres eigenen Sonnensystems befasst. Zum anderen wird mit dem Nobelpreis für Michel Mayor und Didier Queloz anerkannt, dass die Schweiz auf diesem Gebiet führend ist. Mich persönlich haben Michel und Didier dazu inspiriert, in die Schweiz zu kommen.

Am Hans-Sigrist-Symposium wird auch Professor Raphael Sznitman einen Vortrag halten: Er ist Direktor des ARTORG der Universität Bern, einem Forschungszentrum auf dem Gebiet der Biomedizintechnik, und spricht über Medizin im Zeitalter Künstlicher Intelligenz. Was hat Exoplanetenforschung mit Medizin und Künstlicher Intelligenz zu tun?
Am besten hören Sie sich Raphael Sznitmans und auch Brice-Olivier Demorys Vortrag [Programm siehe Infobox unten] einfach selbst an. Ich verrate nur, dass wissenschaftliche Forschungsgebiete, die sich für Laien oft als sehr verschieden darstellen, hinsichtlich Methoden und Ideen tatsächlich viel gemeinsam haben. Die Gesellschaft sollte Forschung wie ein Anlageportfolio sehen: Investieren Sie nicht nur in kurzfristig «nützlicher» Forschung, sondern auch in langfristig «unnützer» Forschung. Denn es ist häufig unvorhersehbar, wie sich die verschiedenen Disziplinen noch gegenseitig beeinflussen werden.

Darum wird es auch in Ihrem eigenen Vortrag am Hans-Sigrist-Symposium gehen: “On Abraham Flexner’s The Usefulness of Useless Science”. Verraten Sie darüber ein bisschen mehr?
Die «unnütze Forschung» von heute wird oft zu einer bahnbrechenden Technologie von morgen: Als zum Beispiel James Clerk Maxwell seine Ideen zur Elektrizität entwickelte, wurden sie als «unnütz» abgewiesen. Der Pädagoge und Wissenschaftsreformer Flexner hat betont, dass diejenige Forschung am wirkungsvollsten ist, die rein aus Neugier betrieben wird – und nicht auf Profit und kommerziellen Erfolg aus ist. Ich werde über die historische Entwicklung hinter Flexners Ideen sprechen und was ihn dazu brachte, Gründungsdirektor des weltbekannten Institute for Advanced Study (IAS)* zu werden. Ich selbst hatte das Privileg, drei Jahre am IAS verbringen zu können. Diese Zeit hat meine Vorstellungen von Lehre, Forschung und Wissenschaftsmanagement tiefgreifend beeinflusst.

In welcher Weise wirkt sich dieser Einfluss auf Ihre Führung vom Center for Space and Habitability aus?
Mein Führungsstil als Direktor des CSH ist geprägt von den Aussagen zweier weiterer Direktoren des IAS. Robert Oppenheimer, auch als «Vater der Atombombe» bekannt, sagte: «Was auch immer wir nicht wissen: wir teilen es einander mit.» Und Peter Goddard sagte: «Wir tun alles, was in unserer Macht steht, damit Sie keine Entschuldigung dafür haben, etwas Interessantes nicht zu tun.» Wenn Sie mich fragen, was das CSH von anderen Forschungszentren unterscheidet: Ich glaube fest daran, dass der konstante Austausch zwischen Forschenden dann zu wegweisenden Erkenntnissen führt, wenn sie frei sind, ihrer Neugier über die oft künstlichen Grenzen zwischen den Forschungsdisziplinen hinaus zu folgen. Mein Job als Direktor ist, meine Forschenden gegen Verwaltungslasten abzuschirmen und ihnen intellektuelle Freiheit zu gewähren, sodass sie ihr Potenzial voll entfalten können.  

* Das IAS wurde 1930 als privates Forschungsinstitut in Princeton, New Jersey (USA), gegründet, und diente vielen später gegründeten Forschungsinstituten als Vorbild. Bekannt ist das IAS auch als letzte Arbeitsstätte von Albert Einstein.

Hans-Sigrist-Preis und Hans-Sigrist-Symposium

Mit dem Hans-Sigrist-Preis werden alljährlich Forscherinnen und Forscher aus dem In- und Ausland für hervorragende wissenschaftliche Leistungen ausgezeichnet. Der Preis erfolgt in Anerkennung geleisteter Forschungsarbeiten und zur Unterstützung zukünftiger Forschungsvorhaben in einem vom Stiftungsrat zu Beginn jedes akademischen Jahres bestimmten Fachgebiet. 

Das Hans-Sigrist-Symposium am Freitag, 6. Dezember 2019 steht unter dem Stern der Exoplanetenforschung: Anlass ist die Auszeichnung des niederländischen Astronomen Prof. Dr. Ignas Snellen mit dem hochdotierten Preis der Hans-Sigrist-Stiftung, die an der Universität Bern angesiedelt ist. «The Search for Extraterrestrial Life» heisst die Keynote von Ignas Snellen.

Programm Hans-Sigrist-Symposium 2019 (PDF, 80KB)

Verliehen wird der Hans-Sigrist-Preis jeweils am Dies academicus der Universität Bern, der dieses Jahr am Samstag, 7. Dezember, 10 Uhr im Casino Bern am Casinoplatz 1 in Bern stattfindet. Die Medieneinladung zum Dies academicus folgt.

Über Kevin Heng

Prof. Dr. Kevin Heng (41 Jahre) ist Astrophysiker und seit 2016 Direktor des Center for Space and Habitability (CSH), dem weltweit führenden, interdisziplinären Weltraumforschungszentrum der Universität Bern. Kevin Heng ist Mitglied des zentralen Forschungsteams der CHEOPS Space Mission der Europäischen Weltraumorganisation ESA und Projektleiter der PlanetS National Center of Competence in Research (NCCR). Zusammen mit dem Nobelpreisträger Didier Queloz gründete er die Exoplanets conference series.

 

 

Kontakt

Prof. Dr. Kevin Heng
Center for Space and Habitability (CSH)
Gesellschaftsstrasse 6, 3012 Bern
Telefon: +41 31 631 59 18
E-Mail: kevin.heng@csh.unibe.ch

Zur Autorin

Nina Jacobshagen arbeitet als Redaktorin Corporate Publishing in der Abteilung Kommunikation & Marketing der Universität Bern.