23.09.2019 | Forschung | Umwelt & Materie

«Dieser Klima-Sonderbericht ist hochaktuell und nötig»

Der Berner Physiker Thomas Frölicher spielte eine zentrale Rolle beim Bericht des Weltklimarats IPCC über Ozean und Kryosphäre (Eis, Permafrost), der am Mittwoch, 25. September veröffentlicht wird. Im Interview erklärt er seine Aufgabe als Leitautor und spricht darüber, wie er als Binnenlandbewohner dazu kam, Hitzewellen im Meer zu erforschen.

Interview: Kaspar Meuli

Thomas Frölicher, die wichtigsten Fakten zum Klimawandel sind seit Jahren bekannt, weshalb braucht es überhaupt noch weitere Berichte?

Die Ozeane haben meiner Meinung nach in der Klimadebatte bisher zu wenig Beachtung erhalten. Es wird zudem immer deutlicher, dass sich die Klimaerwärmung auf den Meeresspiegelanstieg auswirkt und dass sich mit dem Abschmelzen der Gletscher die Berggebiete verändern. Diese Folgen werden sich in Zukunft immer deutlicher zeigen. Deshalb bin ich überzeugt, dass der Sonderbericht, den wir am 25. September vorstellen, hochaktuell und nötig ist.

Womit befasst sich dieser Bericht genau?

Er fasst auf rund 280 Seiten den aktuellen Wissenstand zu den Themen Ozean und Kryosphäre – also allen eisbedeckten oder dauernd gefrorenen Gebiete der Erde - in einem sich ändernden Klima zusammen. Der Bericht befasst sich einerseits mit Berggebieten, Gletschern und Polargebieten und andererseits mit dem Anstieg des Meeresspiegels und dessen Bedeutung für tiefliegende Küstengebiete und kleine Inselstaaten. Wir beleuchten aber auch die Folgen des Klimawandels auf die Ozeane selbst, auf deren Ökosysteme und auf die Menschen, die von diesen Systemen abhängen. Zudem thematisiert der Bericht Extremereignisse und abrupte Änderungen im Klimasystem, da kommt meine eigene wissenschaftliche Expertise ins Spiel.

Gibt es einen speziellen Grund, weshalb dieser Bericht gerade jetzt veröffentlicht wird?
2016 haben die Vertreter der Regierungen, die den Weltklimarat bilden, beschlossen, dass der IPCC zusätzlich zu den Sachstandsberichten auch drei Sonderberichte verfassen soll. Bei einem davon geht es um den Ozean und die Kryosphäre, beides zentrale Elemente des Erdsystems. Sie sind nicht nur fürs Klima wichtig, sondern auch für den Erhalt des Lebens auf der Erde. Die Ozeane bedecken über 70 Prozent der Erdoberfläche. Und ohne Ozean gäbe es kein höheres Leben. Das marine Phytoplankton ist auch zuständig für etwa 50 Prozent der globalen Primärproduktion von Biomasse und deshalb für die Hälfte der globalen Sauerstoffproduktion auf der Erde. Die Kryosphäre wiederum speichert grosse Vorräte an Süsswasser und ist für das Leben an Land unverzichtbar.

Sie sind Schweizer und haben in Zürich studiert und in Bern promoviert, wie kommt es, dass Sie sich als Binnenlandbewohner ausgerechnet auf Ozeane spezialisiert haben?
Der Ozean scheint tatsächlich für viele Menschen in der Schweiz weit weg zu liegen. Doch auch wir sind auf die Funktion, die er im System Erde erfüllt, angewiesen. Weltweit hängen zig Millionen Menschen direkt vom Zustand des Ozeans ab. Er ist unter anderem für Wetter und Klima verantwortlich, und er ist eine wichtige Ressource für Nahrung und Wasser. Er spielt aber auch in Bereichen wie Energie, Handel, Transport, Freizeit und Tourismus eine wichtige Rolle. Und sein Zustand wirkt sich auf die Gesundheit und das Wohlbefinden unzähliger Menschen aus. Doch im Gegensatz zum Land oder zur Atmosphäre wissen wir noch herzlich wenig über den Ozean. Insbesondere darüber, wie der Klimawandel die biogeochemischen Bedingungen des Ozeans und seiner Ökosysteme beeinflusst. Genau diese offenen Fragen - das Unbekannte also - faszinieren mich.

Wie wird man eigentlich Leitautor eines IPCC-Berichts?
Fachleute aus der ganzen Welt können sich auf eine öffentliche Ausschreibung melden. Aus diesem Pool wählt die Leitung der Arbeitsgruppe II des IPCC, die die Verletzlichkeit des sozio-ökonomischen und des natürlichen Systems durch den Klimawandel untersucht, eine Handvoll Expertinnen und Experten. Das so zusammengestellte Team bestimmt und verfasst gemeinsam die verschiedenen Kapitel des Sonderberichts.

Was genau war Ihre Aufgabe als Leitautor?
Ich durfte gemeinsam mit anderen Expertinnen und Experten das Kapitel über «Extremes, abrupt changes and managing risks» verfassen, also über Extremereignisse, abrupte Veränderungen und den Umgang mit Risiken. Dabei waren wir auf vorhandenes Wissen angewiesen und nutzen soweit wie möglich Studien, die in wissenschaftlich begutachteten Fachzeitschriften publiziert wurden. Als Kapitel-Team mussten wir uns dann auf die Darstellung des zusammengetragenen Sachstands und auf dessen wissenschaftliche Bewertung einigen. Das ist ein intensiver Prozess, bei dem zum Teil auch unterschiedliche Ansichten aufeinanderprallen. Konträre Ansichten, Wissenslücken und Unsicherheiten werden im Bericht aber klar dargestellt.

Zudem wird er durch ein mehrstufiges Begutachtungsverfahren mehrmals geprüft. Die erste Begutachtung erfolgt durch externe wissenschaftliche Fachleute, bei der zweiten sind zudem Experten der Regierungen beteiligt. In einem letzten Schritt wird mit der Erstellung des Berichts auch eine Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger verfasst. Dieser Text wird schliesslich von den Regierungen in einer Vollversammlung Satz für Satz verabschiedet. Diese Vollversammlung, an der ich auch mit dabei war, fand vergangene Woche in Monaco statt. Sie stand unter dem Vorsitz der Wissenschaftler.

Wie wurden die Autoren dieses Sonderberichts ausgewählt, können da alle Spezialisten mitmachen?
Als Leitautor kann man sogenannte «Contributing Authors» beiziehen, die uns bei einem bestimmten Sachverhalt wissenschaftlich unterstützen. So haben wir zum Beispiel beim Thema marine Hitzewellen einen Korallenexperten an Bord geholt, der uns beim Zusammenfassen des Wissens über die Einflüsse von marinen Hitzewellen auf Warmwasserkorallen unterstützt hat. Beim Begutachtungsprozess konnten anschliessend alle Forschenden, auch solche, die nicht direkt am Bericht mitgearbeitet haben, den Text kommentieren.

 

Für eine Forscherkarriere zählen in erster Linie wissenschaftliche Publikationen. Frisst die Arbeit für das IPCC schlicht Zeit, die dann für die eigene Forschung fehlt, oder bringt dieses Engagement Ihre Karriere auch voran?

Dies ist eine gute Frage, die ich erst in ein paar Jahren vollständig werde beantworten können. Persönlich bin ich allerdings der Meinung, dass es nicht ausreicht, sich als Forscher darauf zu beschränken, Daten zu liefern. Wir müssen die Risiken, aber auch die Chancen des Klimawandels thematisieren und sie den Politikerinnen und Politikern verständlich vermitteln. Die Berichte des IPCC spielen dabei eine zentrale Rolle. Die Mitarbeit bei diesem Bericht hat mir auch ermöglicht, mich mit den besten Forschenden aus aller Welt auszutauschen und gemeinsam einen fachlichen Konsens zu erarbeiten. Solche Kontakte sind für meine weitere Forscherlaufbahn von immenser Bedeutung. Aus der Zusammenarbeit haben sich bereits neue Ideen für gemeinsame Forschungsprojekte ergeben.

Der nächste Zustandsbericht des IPCC soll 2021 und 2022 veröffentlicht werden. Arbeiten Sie an diesem Sixth Assessment Report auch mit?

Ich werde als «Contributing Author» dabei sein. Zweimal innert kürzester Zeit als Leitautor mitzuwirken, wäre etwas viel Aufwand. Denn schliesslich bin ich ja an der Universität Bern als Assistenzprofessor tätig und für eine engagierte und motivierte Forschungsgruppe zuständig. Zusammen haben wir grosse Ziele und arbeiten konsequent und mit viel Elan an unseren Projekten.

Woran zum Beispiel?

Mit Hilfe von Klimamodellen und Beobachtungsdaten von Satelliten oder von Treibbojen versuchen wir die Prozesse, die zu Extremereignissen im Ozean führen, besser zu verstehen. Zum Beispiel das Zustandekommen von marinen Hitzewellen.

Noch nie hat sich die Öffentlichkeit derart für den Klimawandel interessiert wie heute. Ändert dieses Interesse etwas an Ihrer Arbeit als Forscher?

Es freut mich natürlich, dass sich die Öffentlichkeit für das Thema interessiert und sich der Klimaproblematik bewusst wird. Das motiviert mich und mein Team Tag für Tag. Ich erhalte nun auch häufiger Einladungen, um mit Menschen über dieses Thema zu sprechen und öffentliche Vorträge zu halten. Was mich jedoch pessimistisch stimmt, ist die Tatsache, dass wir Klimaforscher schon seit langer Zeit aufzeigen, dass der Klimawandel zu einem ernsthaften volkswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problem wird, wenn wir nicht sofort handeln. Doch passiert ist leider immer noch viel zu wenig.

ZUR PERSON

Thomas Frölicher hat an der ETH Zürich Umweltnaturwissenschaften studiert und an der Universität Bern in Physik doktoriert. Danach hat er mehrere Jahre als PostDoc an der Princeton University in den USA und an der ETH Zürich gearbeitet. Seit 2017 ist er SNF-Förderungsprofessor an der Abteilung für Klima- und Umweltphysik der Universität Bern. 2019 wurde Frölicher mit dem Theodor Kocher Preis der Universität Bern ausgezeichnet. Er ist Mitglied des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung und hat als Lead Author massgeblich am IPCC Special Report on the Ocean and Cryosphere in a Changing Climate mitgearbeitet.

Kontakt:

Prof. Dr. Thomas Frölicher

Physikalisches Institut, Klima- und Umweltphysik (KUP)

Telefon direkt: +41 31 631 86 64

Email: froelicher@climate.unibe.ch

 

Bern und der IPCC

Die Berner Klimaforschung verfügt über eine lange Tradition in der Erarbeitung von Berichten des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Die Universität Bern ist weltweit wohl die einzige Institution, die an allen bisher erschienen fünf Sachstandberichten des Weltklimarats in leitender Funktion beteiligt war. Bereits beim ersten Assessment Report des IPCC 1990 spielten die Berner Klima- und Umweltforscher Hans Oeschger und Uli Siegenthaler eine wichtige Rolle. Beim 5. Report, der 2013 und 2014 vorgelegt wurde, war der Berner Thomas Stocker Ko-Vorsitzender der, IPCC-Arbeitsgruppe, die sich mit den wissenschaftlichen und technischen Aspekten der Klimaerwärmung befasst. Das Sekretariat der Working Group I (The Physical Science Basis), die Stocker leitete, war der Universität Bern angegliedert.

Zum Autor

Kaspar Meuli ist Journalist und PR-Berater. Er ist verantwortlich für die Kommunikation des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung.