13.05.2019 | Personen | Geist & Gesellschaft

«Der Streik ist eine Politik der Schwachen»

Mit dem Slogan «Wenn Frau will, steht alles still!» riefen Frauenorganisationen und Gewerkschaften 1991 zum Schweizer Frauenstreik auf. Für den 14. Juni 2019 ist, nach fast dreissig Jahren, erneut Frauenstreik angesagt: «Gleichberechtigung. Punkt. Schluss! Egalité. Point final!» Die Berner Geschichtsprofessorin Brigitte Studer nimmt am Podium der Uni Bern im Vorfeld teil. Im Interview erläutert sie, was es mit dem Frauenstreik auf sich hat und weshalb das Streiken gegenwärtig Hochkonjunktur hat.

Interview: Lilian Fankhauser

Frau Studer, was sollen wir uns unter einem «Frauenstreik» genau vorstellen?
Brigitte Studer: Wortwörtlich meint «Frauenstreik» einen Streik, der von Frauen durchgeführt wird. Doch im Titel steckt auch ein politisches Programm, es geht um Forderungen zur Gleichstellung der Frauen oder, politisch weniger korrekt formuliert, zur Aufhebung der weiblichen Diskriminierungen in der Gesellschaft, auf dem Arbeitsmarkt, im Privaten. Das Kampfmittel «Streik» ist jedoch historisch eng mit einem Lohnarbeitsverhältnis verknüpft. Nach diesem Verständnis können Studentinnen und Hausfrauen gar nicht streiken. Anders sah das die erste Arbeiterinnensekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds Margarethe Faas-Hardegger 1907, die alle Frauen, die «für irgendeinen Herrn» oder «für den Profit von jemand anderem arbeiteten» zum Streiken aufrief. Egal «ob sich dieser Herr Staat, Zunft, Kapitalgesellschaft, Fabrikant, Vorgesetzter oder Ehemann» nennt.

Sie haben sich mit dem Frauenstreik 1991 auseinandergesetzt – was war damals der Auslöser, was waren die zentralen Forderungen?
1991, zehn Jahre nach der Verankerung des Gleichstellungsartikels in der Bundesverfassung, bestand die Lohndifferenz zwischen Frauen und Männern nach wie vor, obwohl dieser Artikel ein direkt einklagbares Individualrecht auf gleichen Lohn für gleiche oder gleichwertige Arbeit enthielt. Die Idee eines Streiks wurde dann von betroffenen Uhrenarbeiterinnen eingebracht. Die zentrale Forderung war daher die Lohngleichheit, doch weitete sich das Spektrum auf alle Aspekte der strukturellen Diskriminierungen aus, die mit der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung im Zusammenhang stehen: auf die unbezahlte weibliche Care-Arbeit, auf die ungleichen Ausbildungschancen für Frauen und Männer, auf die Ernährerehe orientierte Soziale Sicherheit. Daneben richtete sich der Protest gegen die Vermarktung der Frauen als sexuelle Objekte in der Werbung und Pornografie und schliesslich gegen Vergewaltung und Gewalt in der Ehe.

Die Initiantinnen für den diesjährigen Streik hoffen, dass eine Million Frauen am 14. Juni 2019 auf die Strasse gehen. Ist das realistisch?
Es ist optimistisch. Doch um politische Erfolge zu verbuchen, das zeigt die Geschichte, braucht es nicht nur Wirklichkeitssinn, um es mit den Worten des österreichischen Schriftstellers Robert Musil zu sagen, sondern auch Möglichkeitssinn. Die Utopie ist der Motor grosser Veränderungen.

Warum hat der Streik als politisches Druckmittel gegenwärtig Hochkonjunktur?
Der Streik repräsentiert in der politischen Auseinandersetzung in der Regel das letzte Mittel, um einem Anliegen Gehör zu verschaffen. Er ist auch eine politische Praktik der Schwachen im politischen Aushandlungsprozess – das heisst derjenigen, die oft nicht mitreden können oder deren Anliegen nicht gehört werden, wie eben teilweise die Frauen und die Jugendlichen. Der Streik – und das gilt umso mehr für einen grossen, massenhaften Streik – wandelt nun diese Schwäche dank der Besetzung des öffentlichen Raums in Stärke. Forderungen werden sagbar, sichtbar und hörbar. Ein Streik wirkt aber nicht nur auf Aussenstehende potenziell mobilisierend, sondern auch gegen «innen», durch die Erfahrung des Wir-Gefühls im Kollektiv, was das Engagement als lohnend erscheinen lässt.

Zurück zu Ihrer Auseinandersetzung mit dem Frauenstreik 1991. Was fasziniert Sie an der Frauen- und Geschlechtergeschichte?
Das ist eine komplexe Frage. Man wählt ja die eigenen Forschungsfelder nicht einfach nur rational aus. Mein Interesse an der Frauen- und Geschlechtergeschichte ist aus meinem Engagement in der Frauenbewegung enstanden, war aber dann genährt durch viele Lektüren und vor allem die Begegnung mit Frauenhistorikerinnen in London in den 1970er Jahren; noch vor der Zeit, als Frauengeschichte an den Universitäten in der Schweiz zögerlich Eingang in einzelne Lehrveranstaltungen fand. Als sozusagen «dissidente» Wissenschaft entwickelte die Frauen- und Geschlechtergeschichte ein ausgesprochen kritisches Wissenschaftsverständnis und war gleichzeitig inhaltlich hoch innovativ und methodisch-theoretisch offen für neue Ansätze und Interdisziplinarität.

Sie werden Ende Januar 2020 emeritiert – ein guter Moment, auf die über zwei Jahrzehnte an der Universität Bern zurückzuschauen. Was war der Höhepunkt Ihrer Zeit hier?
Institutionell war sicher die Gründung des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung IZFG im Jahr 2001 dank dem Einsatz von Barbara Lischetti ein Höhepunkt. Damit verbunden waren die Vernetzung der damals noch wenigen Genderforscherinnen der Universität Bern und damit auch wichtige persönliche Kollaborationen und Freundschaften.

Sie sind seit vielen Jahren Präsidentin des IZFG. Wie hat sich die Universität Bern in den letzten 15 Jahren punkto Geschlechterforschung verändert?
Geschlecht als Forschungskategorie ist heute allgemein besser integriert, bleibt aber nach wie vor bei vielen Forschenden als Strukturkategorie unterbelichtet. Auch wenn Geschlecht nicht einfach alles determiniert, bleibt es im Zusammenspiel mit anderen Kategorien ein wichtiger gesellschaftlicher Platzanweiser.

Was sind die wichtigsten Forschungsfragen in Ihrem Fachgebiet in den nächsten Jahren – welche Themen werden Sie weiterverfolgen?
Ich denke, dass Macht- und Definitionsfragen wieder aktueller werden: Die Verteilung von Arbeit, Ressourcen, Kompetenzen und Rechten. Ich selber werde weiter in diesen Themenfeldern arbeiten, unter anderem anhand der Biografien von drei Frauen, die in der Schweizer Sozialpolitik eine wichtige Rolle gespielt haben.

Zur Person

Prof. Dr. Brigitte Studer ist seit 1997 ordentliche Professorin für Schweizer und Neuste Allgemeine Geschichte an der Universität Bern.

Kontakt:

Prof. Dr. Brigitte Studer
Universität Bern, Historisches Institut
brigitte.studer@hist.unibe.ch

Mittagspodium: Brennpunkt Frauenstreik. Historische und politische Perspektiven

«Gleichberechtigung. Punkt. Schluss! Egalité. Point final!» Am 14. Juni rufen Frauenorgansiationen zum zweiten nationalen Frauenstreik auf. Weshalb? Was waren die Forderungen 1991, was sind die Forderungen heute? Und was haben die neuen Forderungen des Frauenstreiks mit dem Wissenschaftsbetrieb und ganz konkret mit der Universität Bern zu tun?

Das Mittagspodium aus aktuellem Anlass findet am Montag, 27. Mai, 12.15 Uhr, in der UniS, Raum A201 statt. Teilnehmende: Prof. Dr. Silvia Schroer (Vizerektorin Universität Bern), Prof. Dr. Brigitte Studer (Professorin für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte, Universität Bern) und Dr. Francesca Falk (Oberassistentin, Institut für Zeitgeschichte, Universität Fribourg) statt. Moderation: Andi Geu (Philosoph und Soziologe).

Anmeldung bitte bis Mittwoch, 22. Mai 2019 bei lilian.fankhauser@afg.unibe.ch.

Zur Autorin

Lilian Fankhauser ist Co-Leiterin der Abteilung für die Gleichstellung von Frauen und Männern der Universität Bern.