27.02.2018 | Universität | Geist & Gesellschaft

Integration in und neben der Turnhalle

In den Sporthallen am Zentrum für Sport und Sportwissenschaft der Universität Bern fliesst diese Woche nicht nur bei den Studierenden der Schweiss: 30 geflüchtete Menschen sind zu Besuch, um sich gemeinsam zu bewegen und Kontakte zu knüpfen.

Von Ivo Schmucki

Vor dem Spielen gibt es ein kurzes Einlaufen und Stretching. Die 30 Geflüchteten, die sich am diesem Montagmorgen in der Halle 3 des Zentrums für Sport und Sportwissenschaft (ZSSw) eingefunden haben, geniessen die körperliche Betätigung sichtlich. Sie werden die ganze Woche am Institut für Sportwissenschaft (ISPW) zu Gast sein. Möglich ist das dank dem Einsatz des ISPW, der PH Bern und der Fachschaft Sportwissenschaft, die gemeinsam mit dem Integrationsprojekt co-opera des Schweizerischen Arbeitshilfswerk SAH Bern die Projektwoche auf die Beine gestellt haben.

Die gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen

«Ich hatte eigentlich nicht erwartet, dass es klappen würde», sagt Jonas Abplanalp, Teamleiter bei co-opera und Mitorganisator der Projektwoche. Umso erfreuter war er, als er vom ISPW eine positive Rückmeldung zur Zusammenarbeit für eine Projektwoche «Bewegung und Sport» mit Geflüchteten erhielt. Beim Institut habe man die Anfrage als tolle Gelegenheit wahrgenommen, erklärt Vitus Furrer, der am Fachdikaktikzentrum Sport der PHBern doktoriert und die Projektwoche seitens ISPW organisiert. Man könne ein interessantes Projekt unterstützen und auch Verantwortung übernehmen bei der Integration von geflüchteten Menschen in der Schweiz. «Und die Integration und Inklusion im und durch Sport gehört zu den Forschungsthemen am Institut», so Furrer weiter.

Zu den Zielen der Woche erklärt Jonas Abplanalp: «Um den Kopf freizubekommen, gibt es nichts Besseres als Bewegung». Viele der Geflüchteten seien aufgrund ihrer Vergangenheit einer grossen psychischen Belastung ausgesetzt. Sich in einem anderen Umfeld aufzuhalten und sich willkommen zu fühlen, sei daher sehr wichtig: «Man sieht es an ihren Gesichtern, sie freuen sich sehr.»

Sportliche aus aller Welt

Der Sport ist auch in den Herkunftsländern der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Projektwoche ein verbindendes Element. «Ich mache sehr gerne Sport und freue mich auf diese Projektwoche», sagt ein tibetischer Teilnehmer. Zum Sport in seiner Heimat berichtet er: «Steintragen oder Pferderennen sind bei uns sehr beliebt, vor allem bei Männern.» In Eritrea mache man dieselben Sportarten wie in der Schweiz, sagt ein anderer Teilnehmer. «Nur Skifahren kann man bei uns natürlich nicht», fügt er lachend an. Sein Land habe eine grosse Sporttradition. Er berichtet stolz von Radprofi Daniel Teklehaimanot, der als erster Afrikaner in der Geschichte das gepunktete Bergpreiswertungstrikot an der Tour de France trug und von Marathonläufer Tadesse Abraham, der als Flüchtling aus Eritrea in die Schweiz kam und seit seiner Einbürgerung für die Schweiz an den Start geht.

Aber nicht überall ist das Sporttreiben gleich einfach. «Um in meinem Heimatland in einen Sportverein zu kommen, braucht es einen Ausweis», erklärt ein syrischer Teilnehmer. Den hätten bei weitem nicht alle. Die Idee der Projektwoche findet er gut, bewerten mag er aber noch nicht: «Wir haben gerade erst begonnen, ich urteile am Schluss.»

Am Montagmorgen ergattern die Teilnehmenden bei einer Stafette Scrabble-Steine und versuchen damit möglichst viele deutsche Wörter zu legen.
Am Montagmorgen ergattern die Teilnehmenden bei einer Stafette Scrabble-Steine und versuchen damit möglichst viele deutsche Wörter zu legen.

Austausch auch ausserhalb der Turnhalle

Die Programmpunkte bis Ende Woche sind vielfältig. Die Geflüchteten erhalten zum Beispiel eine Einführung im Kraftraum und nehmen mit den Bachelor-Studierenden an sportpraktischen Veranstaltungen teil. Das Echo der Dozierenden sei sehr positiv gewesen, so Vitus Furrer: «In alle Veranstaltungen, bei denen wir angefragt haben, können wir Teilnehmende schicken.» Zudem stehe jeden Morgen eine Turnhalle zur Verfügung. Dort sollen die Geflüchteten mit den Studierenden in Kontakt treten.

«Sie sollen aber nicht nur nehmen, sondern auch etwas bieten», merkt Jonas Abplanalp an. Die Geflüchteten halten während der Woche kleinere Vorträge über den Sport in ihren Heimatländern und kochen am Donnerstag für die Studierenden und Mitarbeitenden am Institut. «Wir möchten auch ausserhalb des Sports Austausch generieren», sagt Furrer. Zudem sei es wichtig, die Selbständigkeit der Geflüchteten zu fördern, sagt Jonas Abplanalp. Ein eigenes Programm zu haben und sich den Tag selber einteilen zu müssen, sei für viele neu. Eines ist ihm besonders wichtig: «Es wäre schön, wenn sie sich in dieser Woche als Teil der Institution fühlen und auch so wahrgenommen werden.»

PROJEKTWOCHE «BEWEGUNG UND SPORT MIT GEFLÜCHTETEN»

Vom 26. Februar bis 2. März 2018 führt co-opera gemeinsam mit dem Institut für Sportwissenschaft (ISPW), der PH Bern und der Fachschaft Sportwissenschaft eine Projektwoche für Geflüchtete zum Thema «Sport und Bewegung» durch. Das Ziel ist, den Teilnehmenden einen Einblick in verschiedene Sportarten und den Austausch mit Schweizerinnen und Schweizern zu ermöglichen.

Den Teilnehmenden soll ermöglicht werden, in und neben der Sporthalle mit Studierenden in Kontakt zu treten. Studierende aller Fakultäten sind während der ganzen Woche jeweils vormittags eingeladen, sich am ZSSw mit den Geflüchteten auszutauschen und sich gemeinsam zu bewegen.

CO-OPERA

Co-opera ist ein Projekt des Schweizerischen Arbeitshilfswerk SAH Bern zur beruflichen Integration von anerkannten Geflüchteten mit Ausweis B oder F und vorläufig Aufgenommenen. Im co-opera planen und realisieren die Teilnehmenden ihren Berufseinstieg und erweitern in Kursen ihre Sprach- und Handlungskompetenzen. Durch kurze Praktikumseinsätze und gezielte Projekteinblicke findet auf der einen Seite eine berufliche Orientierung und auf der anderen Seite ein Anknüpfungspunkt zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben statt.

Zum Autor

Ivo Schmucki arbeitet als Redaktor bei Corporate Communication an der Universität Bern.