09.02.2018 | Forschung | Geist & Gesellschaft

Auf der Suche nach Lösungen für religiöse Konflikte

Die Theologin Katharina Heyden und der Rechtswissenschaftler Martino Mona koordinieren gemeinsam die neue Interfakultäre Forschungskooperation IFK «Religious Conflicts and Coping Strategies» der Universität Bern. «uniaktuell» hat mit ihnen über religiöses Konfliktpotenzial und die Herausforderungen von interdisziplinärer Forschung gesprochen.

Von Ivo Schmucki

Obwohl religiöse Konflikte die täglichen Nachrichten füllen, gibt es bisher kein überzeugendes Modell, das die Rolle von Religion in politischen und sozialen Konflikten beschreibt. Das will die Interfakultäre Forschungskooperation «Religious Conflicts and Coping Strategies» ändern. Zwölf verschiedene Gruppen erforschen in den nächsten vier Jahren vergangene und aktuelle religiöse Konflikte und Bearbeitungsstrategien. Damit wollen sie ein differenziertes Verständnis für die verschiedenen Faktoren von religiösen Konflikten erreichen und adäquate Lösungsstrategien erarbeiten.

«uniaktuell»: Sie erforschen in Ihrer IFK die Rolle von Religion in politischen und sozialen Konflikten. Was ist das Neue an Ihrer Fragestellung?
Katharina Heyden und Martino Mona: Bisher hat sich die Forschung häufig auf die Frage beschränkt, ob Religionen in Konflikten für ökonomische und politische Zwecke missbraucht werden oder aber, ob Religionen selbst Konfliktpotentiale aufweisen. Wir gehen davon aus, dass Religionen Konflikte sowohl verursachen und verschärfen als auch positiv beeinflussen können. Es ist daher wichtig zu verstehen, unter welchen historischen und politischen Bedingungen Religionen ihre konfliktverursachenden Potentiale entfalten und unter welchen sie zur positiven Transformation von Konflikten beitragen. Wir werden untersuchen, wie in der Vergangenheit mit religiösen Konflikten umgegangen wurde und warum bestimmte Lösungsstrategien erfolgreich oder gerade nicht erfolgreich sind.

Warum kann Ihre Forschungsfrage nur fächer- respektive fakultätsübergreifend beantwortet werden?
Konfliktforschung kann nur mit interdisziplinären und vergleichenden Methoden zielführend betrieben werden. Das gilt ganz besonders für Konflikte mit religiösen Komponenten – wir können sie nur dann umfassend verstehen, wenn wir zwischen den religiösen Binnenperspektiven und der soziologischen und kulturwissenschaftlichen Perspektive wechseln. Wenn hingegen nebeneinander und nicht miteinander geforscht wird, entwickeln beide Seiten eigene Terminologien und abgeschottete Diskurse, die konstruktive Dialoge und tragfähige Lösungsansätze erschweren oder gar verunmöglichen.

Wie wird die Zusammenarbeit konkret aussehen?
Die tägliche Forschungsarbeit wird in den interdisziplinären Forschungsgruppen von je drei bis sechs Forschenden geleistet. Diese werden jeweils von mindestens zwei Professorinnen oder Professoren unterschiedlicher Fächer geleitet. Im Antrag haben wir diese Art der Zusammenarbeit «grassroots interdisciplinarity» genannt. Alle Doktorierenden und Postdocs treffen sich darüber hinaus im Semester zu einem wöchentlichen Jour fixe. Höhepunkte werden die vier Jahreskonferenzen sein, die auch die Sichtbarkeit der IFK in der Stadt Bern verstärken werden.

Wo liegen die Herausforderungen des fach- respektive fakultätsübergreifenden Arbeitens in Ihrer spezifischen Frage?
Die Komplexität des Themas und das interdisziplinäre Vorgehen machen die verschiedenen Teilprojekte sehr divers. Das kann dazu führen, dass das gemeinsame Ziel etwas aus den Augen verloren geht. Um dies zu verhindern, haben wir einerseits Wert auf einen gemeinsamen theoretischen Zugang und die einheitliche Verwendung der zentralen Konzepte «Religion» und «Coping» gelegt. Zum anderen füllen die Leiterinnen und Leiter der Teilprojekte jährlich einen Fragebogen aus, der Angaben über das Voranschreiten der Projekte, Teilergebnisse, Schwierigkeiten und weiterführende Kooperationsmöglichkeiten enthält.

Wie würden Sie das bestmögliche Ergebnis beschreiben?
Im Idealfall können wir nach vier Jahren ein historisch und empirisch fundiertes Modell vorlegen, das die Rolle von Religion in Konflikten differenziert beschreibt. Auf dieser Grundlage könnten dann Tools zur Analyse von religiösen Konflikten entwickelt werden.

Welchen Nutzen könnten Ihre Forschungsergebnisse für die Gesellschaft haben?
Aktuell erleben wir eine Debatte über die «Rückkehr des Religiösen» im öffentlichen Raum und den gleichzeitigen Bedeutungsverlust der Religionen in modernen, westlich geprägten Gesellschaften. Weil unsere IFK einen wichtigen Beitrag zu dieser Debatte liefert, ist sie von grundsätzlicher gesellschaftlicher Bedeutung. Unsere Analysetools sollen der politischen Öffentlichkeit nicht nur helfen, die tatsächlichen religiösen Dimensionen besser zu verstehen, sondern auch wirksame und kontextspezifische Lösungen – nicht zuletzt im Umgang mit religiös fundamentalistischem Terrorismus – zu entwickeln.

Inwiefern orientiert sich Ihre Fragestellung an der Strategie der Universität Bern?
Mit dieser IFK unterstreicht die Universität Bern den dringenden Bedarf an zielgerichteter interdisziplinärer Forschung im Hinblick auf gangbare Lösungen für religiöse Konflikte. Die IFK ist eng verbunden mit der strategischen Planung der Universität Bern. Zum einen baut sie auf dem ausgezeichneten Ruf der Universität Bern im Bereich «Interkulturelles Wissen», einem der fünf Themenschwerpunkte, auf. Zum anderen ist die Erarbeitung von Lösungsstrategien auch eingebettet in einen weiteren Themenschwerpunkt der Universität Bern: «Politik und Verwaltung».

Worauf freuen Sie sich am meisten bei der Interfakultären Forschungskooperation?
Auf einen inspirierenden Austausch mit jungen Forschenden aus aller Welt und geschätzten Kolleginnen und Kollegen der verschiedensten Fächer. Auf lebhafte Diskussionen, die – angesichts des ernsten und kontroversen Themas – mit Sorgfalt, Scharfsinnigkeit, Empathie und der nötigen Prise Humor geführt werden. Und auf die vielen Spaziergänge zwischen UniTobler, UniS und VonRoll in den kommenden vier Jahren.

Katharina Heyden

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Katharina Heyden ist seit 2014 ausserordentliche Professorin für Ältere Geschichte des Christentums und der Interreligiösen Begegnungen an der Universität Bern. Das Studium der evangelischen und katholischen Theologie mit Abstechern in Judaistik, Islamwissenschaft sowie christliche Archäologie und Kunst absolvierte sie in Berlin, Jerusalem und Rom. Katharina Heyden wurde an der Universität Jena promoviert und habilitierte sich in Göttingen. Von 2012 bis 2017 war sie als erste und einzige Theologin Mitglied der «Jungen Akademie». An der Theologischen Fakultät Bern ist Katharina Heyden Koordinatorin des Studienprogramms «Interreligiöse Studien». Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören multireligiöse Orte und Religionsdialoge in Antike und Mittelalter, die Hermeneutik christlicher Geschichtsschreibung besonders der Kreuzzüge, die Auseinandersetzungen um personale und energetische Gottesbilder in Byzanz, die Geschichte des Mönchtums und der Seelsorge sowie christliche Ikonographie. In Publikationen und Vorträgen legt sie Wert auf einen methodisch sorgfältigen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Katharina Heyden ist ordinierte Pfarrerin und predigt im Berner Münster. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen im Berner Oberland.

Kontakt

Prof. Dr. Katharina Heyden
Universität Bern
Institut für Historische Theologie
Telefon: +41 31 631 80 66
katharina.heyden@theol.unibe.ch

Martino Mona

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Martino Mona ist ordentlicher Professor für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Bern. Er hat an den Universitäten Fribourg, Paris, Oxford und Bern Philosophie und Kunstgeschichte sowie Rechtswissenschaften an den Universitäten Bern, Basel und an der Harvard Law School studiert. Neben dem Studium hat er als Journalist und in der Rechtsberatung gearbeitet. Martino Mona promovierte an der Universität Basel mit einer rechtsphilosophischen Arbeit im Bereich der Migrationsethik und habilitierte sich an der Universität Bern mit einer Monographie zur Einwilligung im Strafrecht. Er arbeitete sowohl an der Universität Bern als auch an der Universität Basel als wissenschaftlicher Assistent, Oberassistent und Lehrbeauftragter. Ab 2007 war er als Assistenzprofessor für Strafrecht und Rechtsphilosophie an der Universität Bern tätig. In der Lehre engagiert sich Martino Mona hauptsächlich im Bereich der allgemeinen und theoretischen Grundlagen des Strafrechts und in der Rechtsphilosophie. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Methode und Argumentation im Recht, prozedurale Gerechtigkeitstheorien, das Verhältnis von Moral und Strafrecht und die Strafrechtsvergleichung. Martino Mona ist verheiratet, Vater von fünf Kindern und lebt mit seiner Familie in Bern.

Kontakt

Prof. Dr. Martino Mona
Universität Bern
Institut für Strafrecht und Kriminologie
Telefon: +41 31 631 39 76
martino.mona@krim.unibe.ch

DIE INTERFAKULTÄREN FOSCHUNGSKOOPERATIONEN IFK

Mit den Interfakultären Forschungskooperationen IFK lanciert die Universität Bern Netzwerkprojekte, die jeweils 8 bis 13 Forschungsgruppen aus verschiedenen Fakultäten umfassen und die spezifisch gefördert werden. Pro IFK müssen mindestens zwei Fakultäten beteiligt sein. Drei Projekte wurden in einem kompetitiven Verfahren bewilligt.

Die IFK orientieren sich an den fünf strategischen Themenschwerpunkten der Universität Bern gemäss der Strategie 2021: Gesundheit und Medizin, Nachhaltigkeit, Politik und Verwaltung, Materie und Universum sowie Interkulturelles Wissen. Gefördert werden die Forschungskooperationen während vier Jahren mit je 1,5 Millionen Franken pro Jahr. Die IFK lehnen sich an die Gefässe der Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS bzw. NCCR) des Schweizerischen Nationalfonds an.

Zum Autor

Ivo Schmucki arbeitet als Redaktor bei Corporate Communication an der Universität Bern.