30.01.2019 | Forschung | Geist & Gesellschaft

Erinnern, um zu lernen

Am Montag, 28. Januar 2019, lud die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA), zum internationalen Holocaust-Gedenktag im Yehudi Menuhin Forum in Bern ein. Die Universität Bern fungierte als Patronin. Im Vorfeld des Anlasses traf ein Forscher der Universität Bern auf zwei Holocaust-Zeitzeugen. «uniaktuell» hat die Begegnung aufgezeichnet.

Von Lea Muntwyler

An einem grauen Nachmittag trifft Dr. Daniel Gerson, Lehrbeauftragter für moderne jüdische Geschichte an der Universität Bern, auf die beiden Holocaust-Überlebenden Bronislaw Erlich und Mark Varshavsky. Die Begegnung wurde anlässlich des internationalen Holocaust-Gedenktags 2019 organisiert, um die wertvollen persönlichen Erinnerungen von zwei der wenigen letzten Zeitzeugen festzuhalten. «Ich könnte Ihnen tage- und nächtelang von meinen Erfahrungen erzählen», scherzt Bronislaw Erlich, der trotz der Schwere des Themas seinen Humor behält.

Mit Fotografien seiner Familie im Gepäck – insbesondere auf das Bild seines Bruders in russischer Uniform ist er stolz – erzählt der 96-jährige Mann von seinem bewegten Leben. Daniel Gerson stellt Fragen und kitzelt Details aus Erlichs Leben heraus. Die beiden sprechen auch über das heutige Polen, das Erlich bestens kennt. Ein Foto von Herrn Erlich mit Polens Präsidenten Duda beweist dies. Die Fotografien finden sich auch in Erlichs Biografie «Ein Überlebender berichtet».

«Ich lebe – das ist wichtig»

Bronislaw Erlich wurde 1923 in einem jüdischen Quartier in Warschau geboren. Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1939 änderte sich sein Leben schlagartig. «Sie erliessen Verordnungen und Befehle mit dem Ziel, den Juden die Existenz zu entziehen», erzählt er. Seine Familie erkannte dies schnell: «Uns war klar, dass über uns ein Todesurteil verhängt worden war». Gemeinsam mit seiner Schwester flüchtete er als 17-Jähriger in den von der Sowjetunion besetzten Osten Polens. Seine Eltern und der jüngste Bruder blieben in Warschau zurück – er sollte sie nie mehr wiedersehen.

Es folgte eine Odyssee durch Polen und die Sowjetunion: Erlich lebte auf Bauernhöfen, in einem Sammellager und später auch in einem Gefängnis. Schliesslich traf er 1942 durch einen Glücksfall einen Bekannten, der ihm eine gefälschte christliche Geburtsurkunde ausstellte. Mit dieser wurde er als «Arier», wie er mit einem Lächeln bemerkt, nach Thüringen in Deutschland zur Zwangsarbeit geschickt. «Niemand hat mich verraten, dabei müssen sie alle gewusst haben, dass ich eine falsche Identität benutzte. Sie erwiesen sich als wahre Christen», erzählt Bronislaw Erlich über seine Kollegen. Die gefälschte Geburtsurkunde hat ihm das Leben gerettet. «Ich lebe – das ist wichtig», erklärt der 96-Jährige. Ab Kriegsende arbeitete er für die amerikanische Armee, zuerst bei der Essensausgabe und später als Übersetzer. Noch heute schwärmt er vom reichhaltigen, amerikanischen Essen. Der Hunger der Kriegsjahre ist ihm in furchtbarer Erinnerung geblieben. So vermutet Erlich, dass seine Eltern verhungert sind. 1948 kehrte er schliesslich nach Polen zurück, wanderte 1958 für zwei Jahre nach Israel aus, bevor er sich 1976 in der Schweiz niedergelassen hat. Auch heute noch besucht der rüstige Rentner Schulen, um von seinen Erlebnissen zu berichten. «Ich habe den Holocaust überlebt, aber die Trauer wird mich bis zum Ende meines Lebens begleiten», schliesst er seine Erzählung.

Mark Varshavsky trifft etwas später zum Gespräch ein. Erlich und er kennen sich, sie tauschen sich über gemeinsame Bekannte aus. Varshavsky wurde 1933 in der Ukraine geboren. Acht Jahre später wurde er mit seiner Familie und Hunderten anderen Jüdinnen und Juden nach Kasachstan evakuiert, zusammengepfercht in einem Güterwagen. Die Reise dauerte 23 Tage, während der die Flüchtenden von Bomben der deutschen Luftwaffe angegriffen wurden und ihre wertvollsten Habseligkeiten verloren. Die Erinnerung an diese Flucht ist bei Varshavsky trotz seines hohen Alters noch sehr lebendig. «Mein Vater wurde eingezogen und galt fortan als verschollen. Ich habe ihn nie wiedergesehen», berichtet er weiter. Bis 1944 lebte er im damals unterentwickelten Kasachstan. «Keine Schule, schlechte Hygiene und Krankheiten», fasst Varshavsky die Lebenssituation seiner Familie zusammen. Bei der Rückkehr in die Ukraine traf die Familie in ihrer geplünderten Wohnung auf einen «Kollaborateur», der sich zunächst weigerte, die Wohnung freizugeben. So lebte man unfreiwillig auf engstem Raum zusammen. In der alten Heimat entdeckte Varshavsky seine Leidenschaft und Berufung: Das Cello. Auch als Cellist und Dirigent erlebte er Antisemitismus. «Ich erinnere mich noch gut an die antisemitistischen Wellen in Russland in den Jahren 1948 und 1971», sagt der 85-jährige. Und auch heute sei das Thema Antisemitismus leider noch aktuell.

Erinnern, um zu lernen

Die Universität Bern ist neben anderen PartnerInnen Patronin des internationalen Holocaust-Gedenktags, der die Erinnerung an den Holocaust lebendig hält. Daniel Gerson beschäftigt sich in seiner Forschung am Institut für Judaistik mit Erinnerungskulturen an den Holocaust und hat schon viele Gespräche mit Holocaust-Überlebenden geführt. «Das Leiden und Überleben der Opfer geht weiter, auch nach deren Befreiung», sagt der Forscher. Der internationale Gedenktag für den Holocaust sei ein Zeichen für die internationale Anerkennung der Bedeutung des Holocausts. Dass allerdings «erneut Schatten über Europa» ziehen, erwähnt unter anderem auch der deutsche Botschafter, Dr. Karl Norbert Riedel, an der späteren Gedenkfeier.

«Dear fellow humans»

Etwa 200 geladene Gäste finden sich zur offiziellen Gedächtnisfeier im Menuhin Forum ein. Herr Erlich und Herr Varshavsky werden neben dem Künstler Fishel Rabinowicz als Holocaust-Überlebende besonders begrüsst. Reden des israelischen Botschafters Jacob Keidar, des italienischen Botschafters Marco del Panta, des amerikanischen Botschafters Edward T. McMullen und von Nationalratspräsidentin Marina Carobbio Guscetti geben der Feier einen hochoffiziellen Rahmen. Im Anschluss begrüsst Dr. Herbert Winter, Präsident der Schweizerischen Föderation Jüdischer Gemeinden, die Gäste mit folgenden Worten: «Dear fellow humans – liebe Mitmenschen». Jüdinnen und Juden sei das Menschsein während des Holocausts verwehrt worden, hält er fest. Dazu passt auch das Gedicht von Primo Levi, «Se questo è un uomo» («Ist das ein Mensch?»), das später verlesen wird. Im Anschluss wird die Bühne den drei Zeitzeugen überlassen. Mark Varshavsky spielt Cello, Bronislaw Erlich erzählt seine Lebensgeschichte und Fishel Rabinowicz berichtet über seine künstlerische Tätigkeit.

Nach der Gedächtnisfeier wird die Ausstellung «Holocaust Artist» von Fishel Rabinowicz eröffnet. Mit seiner «Holocaust-Kunst» verarbeitet er seine Erfahrungen als Holocaust-Überlebender und vermittelt mit hebräischen Symbolen und Buchstaben seine Erinnerungen. «In den Bildern finden sich meine schlaflosen Nächte, Albträume und Traumata wieder», beschreibt er.

Bronislaw Erlich, Fishel Rabinowicz und Mark Varshavsky – die drei Holocaust-Überlebenden – haben ihre traumatischen Erfahrungen künstlerisch umgesetzt: literarisch in einer Biografie, in der Komposition von Streichmusik, in bildender Kunst. Als Kunst sind sie auch späteren Generationen noch zugänglich und lassen uns teilhaben an den Erinnerungen einer bald vergangenen Generation – damit wir aus ihren Erfahrungen lernen und sich diese nie wiederholen.

Internationaler Holocaust-Gedenktag

Der internationale Holocaust-Gedenktag findet jährlich am 27. Januar statt. Er wurde im Jahr 2005 zum 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau durch eine Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen eingeführt. Der Kern der Resolution besteht darin, das Gedenken an die Opfer des Holocausts zu ehren, über die Geschichte des Holocausts aufzuklären und dazu beizutragen, zukünftige Akte des Völkermords zu verhindern. Italien hat 2019 den Vorsitz der International Holocaust Remembrance Alliance IHRA, welche Regierungen und ExpertInnen vereint, um die Erinnerung an den Holocaust lebendig zu halten. Die Schweiz hatte den Vorsitz 2017/2018 inne.
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Zur Autorin

Lea Muntwyler ist Hochschulpraktikantin in der Abteilung Kommunikation und Marketing an der Universität Bern.