14.12.2018 | Universität | Geist & Gesellschaft

«Wer die Familien nicht ehrt, ist der motivierten Mitarbeitenden nicht wert»

Der universitäre Gleichstellungspreis «Prix Lux» geht 2018 in die Medizinische Fakultät. Chefarzt Mihai Constantinescu und sein Team der Abteilung für Plastisch-rekonstruktive Chirurgie am Inselspital Bern erhalten den Preis für ihre Teamleistung, die Vereinbarkeit von Familie und Karriere zu gelebtem Alltag gemacht zu haben.

Von Karin Beyeler

Vizerektorin Silvia Schroer begrüsste die Anwesenden anlässlich der Preisverleihung im Kuppelraum des Uni-Hauptgebäudes: «Der Prix Lux soll Personen und Taten ins rechte Licht rücken». Während die heutige Welt eher «überbeleuchtet» sei, habe es in antiken Kulturen ganz anders ausgesehen. Ausser Öllampen gab es keine Beleuchtung – so wurde ein Licht zum Ausdruck des Willkommen-Seins, es gab Orientierung und signalisierte, «dass da Menschen sind». Mit dem diesjährigen Preisträger und seinem Team wird das medizinische Feld ins Licht gerückt. Die Anzahl der weiblichen Studierenden an der Medizinischen Fakultät beträgt 56 Prozent, auf Stufe Professur sind es nur noch 16 Prozent. Die Preisvergabe zeige aber, dass auch im medizinischen Feld sehr viel möglich sei.

Elternschaft und medizinische Karriere

Rektor Christian Leumann überreichte den Preis in Form eines leuchtenden Buches und hielt die Laudatio auf den Preisträger und sein Team. Seit Mihai Constantinescu 2013 als Chefarzt die Abteilungsleitung übernahm, hat sich der Frauenanteil kontinuierlich erhöht – das Geschlechterverhältnis veränderte sich von 1 zu 7 auf 1 zu 1. Gab es damals keine Oberärztinnen an der Abteilung, sind es heute deren vier. An der Abteilung sind mehrere Teilzeitangestellte auf Stufe Oberarzt/Oberärztin beschäftigt, die dennoch die gleichen hochkomplexen Operationen durchführen wie ihre Kolleginnen und Kollegen. Die Flexibilität im Umgang mit Elternschaft ist gross: So sind unbezahlte Urlaube nach dem Mutterschaftsurlaub möglich, und Eltern von kranken Kindern können bei Betreuungsengpässen zu Hause bleiben. Mutterschaft beziehungsweise Elternschaft ist hier kein Killerkriterium für eine medizinische Karriere. Die Selbstverständlichkeit, mit der in dieser Abteilung Chancengleichheit gelebt und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglicht wird, habe die Jury überzeugt, führte Christian Leumann aus.

Erfolgsrezept für Gleichstellung: die Zutaten

Nachdem Mihai Constantinescu gemeinsam mit einem Teil seines Teams den Gleichstellungspreis entgegengenommen hatte, wandte er sich selbst mit einer Rede ans Publikum. Er sei im Vorfeld der Veranstaltung von verschiedener Seite gefragt worden, was denn nun das Erfolgsrezept für Gleichstellung sei. Auf der Zutatenliste, die Mihai Constantinescu den Anwesenden verriet, stehen das Arbeitsumfeld, das Team, der Chef und der Output. Das Arbeitsumfeld am Inselspital sei sehr divers, Mitarbeitende aus 90 Nationen, unterschiedlichen Alters und mit verschiedenen Religionen und verschiedenen sexuellen Orientierungen und Geschlechtsidentitäten seien hier vertreten – über das ganze Inselspital betrachtet seien 75 Prozent der Mitarbeitenden Frauen. Bei der Zutat «Team» schaute Mihai Constantinescu zurück und verglich die Phase zwischen 2002 und 2012 mit derjenigen seit seinem Antritt als Chefarzt 2013. Bis 2012 habe es in der Abteilung keine Oberärztinnen oder Oberärzte in Teilzeit gegeben und nur vier Personen unter den Ärzten und Ärztinnen seien Eltern geworden. In den letzten Jahren seien nun drei Oberärztinnen je in einem 60-Prozent-Pensum angestellt worden und im selben Zeitraum hätten zehn Kinder von Ärztinnen und Ärzten das Licht der Welt erblickt. Neben diesen Zahlen machten aber vor allem folgende Qualitäten sein Team aus: «Meine Mitarbeitenden sind motiviert, hochkompetent, flexibel, selbstverantwortlich und kommunikativ stark». Es herrsche in der Abteilung ein grosses gegenseitiges Vertrauen, was unerlässlich sei, um einander gegenseitig vertreten zu können und als Team Höchstleistungen zu bringen.

Grosstanten und Grossmütter als Vorbilder

Bei der Zutat «Chef» erzählte Mihai Constantinescu von eigenen Erfahrungen und seinem persönlichen Umfeld. Er sei 53 Jahre alt, mit einer Ärztin verheiratet und Vater einer dreijährigen Tochter. «Meine eigene Gleichstellungserfahrung speist sich aus Tradition und frühkindlicher Prägung», so Constantinescu. Er habe neun Grosstanten und Grossmütter vorzuweisen, die ein Studium absolviert hätten, darunter waren Juristinnen, Pharmazeutinnen, Sprachwissenschaftlerinnen sowie eine Medizinerin und eine Sozialwissenschaftlerin. Seine Eltern seien Diplom-Ingenieure und hätten beide stets 100 Prozent gearbeitet. Vor diesem Hintergrund sei es für ihn ganz selbstverständlich, dass Frauen das Gleiche leisten können wie Männer.

Die Zutat «Output» zeige, dass trotz Mutterschaftsurlauben, Teilzeitangestellten und viel beruflicher Flexibilität das Führen einer erfolgreichen Klinik möglich sei – die wirtschaftlichen Resultate der Klinik für plastische und Handchirurgie könnten sich sehen lassen.

Wie backen wir Gleichstellung?

Zum Schluss gab Mihai Constantinescu noch die konkreten Backanleitungen für Gleichstellung: Wichtig sei eine grosse Selbstverständlichkeit, Gleichstellung müsse vor allem gelebt werden. Zudem müsse Gleichstellung auch für Väter gelten, «schliesslich wollen auch sie ihre Kinder kennenlernen, bevor sie zur Hochzeit eingeladen werden». Er sei überzeugt, dass berufliche Höchstleistungen nur gelingen können, wenn die Balance zwischen Arbeit, Familie und eigener Gesundheit gegeben sei. Ganz im Sinne von: «Wer die Familien nicht ehrt, ist der motivierten Mitarbeitenden nicht wert».

PRIX LUX

Der Gleichstellungspreis der Universität Bern «Prix Lux» prämiert Engagement für die Chancengleichheit. Für den Preis nominiert werden können Personen oder Einheiten, die sich für die Gleichstellung im Bereich «Gender und Diversität» an der Universität Bern engagieren. Die dabei angewandten Massnahmen sollen eine Diskussion zu Gleichstellungsthemen anregen, innovativ, originell und nachhaltig sein sowie Transferpotential aufweisen. Die Preisverleihung fand am 12. Dezember im Uni-Hauptgebäude statt. Die nächste Ausschreibung für den Preis erfolgt im Frühjahrsemester 2019.

ABTEILUNG FÜR DIE GLEICHSTELLUNG VON FRAUEN UND MÄNNERN

Die Universität Bern bekennt sich zur Gleichstellung von Frauen und Männern. Sie fördert mittels effektiver Gleichstellungsinstrumente und Karrieremodelle den Erfolg von Frauen und Männern im Wissenschaftsbetrieb. Die Universität Bern verfügt deshalb über eine Kommission sowie eine Abteilung für Gleichstellung. Die Abteilung für Gleichstellung (AfG) der Universität Bern bietet zu diesem Zweck verschiedene Kurse, Workshops, Mentoringprogramme, Coachings und Beratung an.

ZUR AUTORIN

Karin Beyeler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Abteilung für Gleichstellung der Universität Bern und war Mitglied der Jury.