28.03.2018 | Studium | Umwelt & Materie

Warum nicht Naturwissenschaftlerin?

Weibliche Studierende sind in vielen naturwissenschaftlichen Fächern immer noch in der Minderzahl. Seit 2000 findet deswegen an der Universität Bern jedes Jahr ein Schnuppertag speziell für Mittelschülerinnen statt, damit sie sich von den Naturwissenschaften vor Ort überzeugen können. Forschende aus den Fächern Chemie, Geologie, Informatik, Mathematik und Physik bieten dabei jeweils Einblick in ihre Fachbereiche.

Von Regula Gesemann

Der Dekan der naturwissenschaftlichen Fakultät, Prof. Gilberto Colangelo, begrüsste die zahlreichen Mittelschülerinnen mit einer persönlichen Geschichte: Seinem Grossvater war es bereits in den Zwanzigerjahren ein wichtiges Anliegen, dass Frauen und Männer die gleichen Chancen erhalten sollten. So studierten vier der fünf Töchter naturwissenschaftliche Fächer. Die Mutter von Colangelo wurde Ingenieurin und arbeitete in ihrem Beruf, während sie ihre vier Kinder aufzog.

Forschung ist wie ein Krimi

Nach der Begrüssung begaben sich die Schülerinnen in die Fachbereiche. In der Geologie befragte Jörg Hermann, Professor für Petrologie, wie ein Kriminalinspektor eine Schülerin zu deren Vortag: Wo sie gewesen sei, wie warm es gewesen sei und wer mit dabei gewesen sei. Ähnlich mache er es mit den Steinen, die er quasi auch befrage: Wie heiss war es für sie im Erdinneren? Woraus bestehen sie genau? Fragen seien das wichtigste Element in der Wissenschaft, nur die ewige Neugierde bringe Forschende weiter. Herrmann erklärte den Schülerinnen, welche Übersetzungstools es braucht, um die nötigen Informationen aus den Steinen herauszulesen. Geologen nutzen Feldbeobachtungen, analytische Geräte, Experimente und Modellierungen. Was ein Geologiestudium zudem attraktiv mache, seien Exkursionen auf denen die Studierenden ihr theoretisches Wissen in der Natur anwenden könnten. 

Masterstudierende und Doktorierende stellten anschliessend ihre persönlichen Forschungsprojekte vor, die so spannende Titel wie «Von der Erdkundungstour von Bergflüssen mit Drohnen bis zum 3D Modell», «Spurensuche im Grundwasser: Charakteristiken in unserem Wasser» oder «Der Rutschung bei der Moosfluh auf der Spur» tragen. 

Zum Abschluss hatten die Schülerinnen die Gelegenheit, mit den Studierenden und Doktorierenden über deren persönliche Erfahrungen zu sprechen.

Wertvolle Inputs von berufstätigen Frauen

Am Mittag stellten sich Berufsfrauen aus den Naturwissenschaften vor. Die Informatikerin Muriel Helmers sagte, dass es nicht nötig sei, schon vor dem Studium ein Informatikcrack zu sein. Ihr habe das Studium viel Freude bereitet, insbesondere die Arbeit in einem Team, das eine Animation für das historische Museum erstellte. Auch ihre Masterarbeit über Handschrifterkennung sei ein spannendes Projekt gewesen. Nach dem Studium arbeitete sie an den unterschiedlichsten Orten (Post, UNO Genf und Kathmandu, Clinical Trials Unit beim Inselspital Bern). Sie habe nie das Gefühl gehabt, als Frau benachteiligt zu werden. Im Gegenteil: Auf Jobsuche sei sie eher bevorzugt worden, da es in der Informatik nur wenige Frauen gibt. Ein spannender Moment war, als es um den Wechsel in eine Führungsposition ging: «Ursprünglich wollte ich kein Team übernehmen, da ich nur Teilzeit arbeite. Mein Chef ermunterte mich jedoch, es trotzdem zu versuchen. Mittlerweile führe ich ein Team von 10 Mitarbeitenden.»

Die Geologin Luca Abbühl blickt auf ein Studium zurück mit vielen Erlebnissen, wie beispielsweise einem Aufenthalt auf einem Forschungsschiff in Grönland. Erste Berufserfahrungen sammelte sie bei der Baubegleitung auf der AlpTransit Baustelle in Sedrun. An ihrem Beruf schätzt sie den Mix aus Büroarbeiten und draussen in der Natur zu sein. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei kein Problem: «In der Geologie ist es gut möglich, als Mutter das Pensum auf 50% zu reduzieren. Wobei es vorteilhaft ist, vorher 80-100% gearbeitet zu haben, um Erfahrung zu gewinnen.» Sie riet den Schülerinnen, sich am Anfang des Studiums noch wenig Gedanken darüber zu machen, wohin es nach dem Studium gehen könnte. Es gebe viele Berufsmöglichkeiten.

Die Physikerin Sumita Pommerol-Chakraborty arbeitet bei Thales Alenia Space in Zürich, wo sie Komponenten für Satelliten baut und testet, unter anderem auch Teleskope, die einmal zum Mars fliegen sollen. Sie schätzt die flexiblen Arbeitszeiten und die abwechslungsreiche Tätigkeit zwischen Büro und Labor. Ihr Tipp an die Schülerinnen: «Haltet durch beim Grundlagenfach Mathematik und lasst euch in eurer Studienwahl nicht verunsichern.» 

Am Ende der Veranstaltung meldeten die Schülerinnen zurück, dass sie insbesondere die Gespräche über persönliche Erfahrungen mit den Studierenden hilfreich fanden. Aber auch der Einblick in den Berufsalltag der Naturwissenschaftlerinnen sei sehr informativ und motivierend gewesen.

SCHNUPPERTAG NATURWISSENSCHAFTEN FÜR MITTELSCHÜLERINNEN

Am 22. März 2018 besuchten rund 90 Mittelschülerinnen aus der Deutschschweiz die naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Bern. Sie kamen um zu erfahren, wie ein naturwissenschaftliches Studium an der Universität Bern aussieht. Insbesondere stand auch die Situation von Frauen in den Naturwissenschaften im Vordergrund.

Zwar ist die Zahl der Studentinnen und Doktorandinnen in den Fächern Chemie, Geologie, Informatik, Mathematik und Physik in den letzten Jahren auf 30-40% angestiegen. Der Sprung in die weitere wissenschaftliche Karriere bleibt jedoch noch aus. Ziel des Schnuppertags ist es, mit gängigen Klischees aufzuräumen und den jungen Frauen Mut zu machen, sich für ein naturwissenschaftliches Fach zu entscheiden.

Zur Autorin

Regula Gesemann ist zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit am Institut für Geologie der Universität Bern und koordiniert den Schnuppertag für Mittelschülerinnen für die naturwissenschaftliche Fakultät.