26.02.2018 | Universität |

UniPress: Arbeitsmenschen am Anschlag

Wir Schweizerinnen und Schweizer arbeiten viel und gerne. Doch die Bedingungen für die Schweizer Berufstätigen haben sich verschlechtert, wie die neue Ausgabe des Wissenschaftsmagazins UniPress zeigt.

Von Timm Eugster und Marcus Moser

Die Wirtschaft läuft, die Arbeitslosigkeit ist tief – und trotzdem machen sich die Schweizerinnen und Schweizer vermehrt Sorgen um ihre berufliche Laufbahn: Werde ich nach der Umstrukturierung noch einen Job haben? Was stellt die Digitalisierung mit meiner Branche an? Wie dringend muss ich mich weiterbilden? Der Arbeitspsychologe Daniel Spurk untersucht diese zunehmende «Laufbahnunsicherheit» – und die Folgen für alle, die sie stark verspüren: Geringeres Wohlbefinden, schlechtere Gesundheit, sinkende Leistungsfähigkeit. Gleichzeitig kann diese Verunsicherung auch eine Chance sein, sich neu zu orientieren.

Die Freiräume im Job sinken

Traditionell sind die Arbeitsbedingungen in der Schweiz gut. Doch es ist ein rasanter Wandel in Gang. So haben etwa die Freiräume für die Schweizer Berufstätigen in den letzten Jahren abgenommen. Der Handlungsspielraum, wie, wann und mit wem eine Aufgabe ausgeführt wird, sinkt genauso wie die Möglichkeit, an der Arbeit eigene Ideen umzusetzen. Dies ist doppelt fatal: Mitarbeitende mit geringem Handlungsspielraum sind nicht nur weniger gesund, sondern auch weniger innovativ. Wie der Freiraum im Job wieder erhöht werden kann, zeigen die Arbeitspsychologen Achim Elfering und Sibylle Galliker auf.

Eltern behindern Berufseinstieg

Doch Freiheit ist nicht in jedem Fall positiv. Das zeigt die Studie von Carolin Rapp vom Institut für Politikwissenschaft: Die typischen junge Arbeitslosen in der Schweiz haben Eltern, die ihren jugendlichen Kindern bei der Berufswahl alle Freiheit lassen und sie gleichzeitig materiell rundum versorgen. Diese Entscheidungsfreiheit wird von den Jugendlichen oft als mangelnde elterliche Unterstützung erlebt, die Folge ist Orientierungslosigkeit bis hin zu psychischen Problemen.

Ist der Mensch nur Mensch durch Arbeit?

Der Druck, unter dem wir moderne Arbeitsmenschen stehen, ist auch eine Folge des Bedeutungsverlusts der Religionen, argumentiert der Theologe Andreas Wagner: Fällt die Religion als Quelle von Sinn und als Weg zur Erlösung aus, wird die Arbeit immer mehr zum Lebenszweck – oder gar zum Kriterium für Lebensberechtigung.

Sterben als gesellschaftliche Reifeprüfung

Das Lebensende ist Thema im UniPress-Gespräch mit Steffen Eychmüller, Professor für Palliativmedizin. Die Zahlen sind beeindruckend: Gemäss den Szenarien des Bundesamtes für Statistik steigt der Anteil der 65-jährigen und älteren Menschen von aktuell rund 18 Prozent auf über 27 Prozent im Jahr 2040. Die Zahl der Todesfälle wird entsprechend bis ins Jahr 2040 um zirka 50 Prozent zunehmen. «Beim Sterben steht unsere Gesellschaft vor einer Reifeprüfung» kommentiert Steffen Eychmüller.

Der Professor für Palliativmedizin plädiert für eine neue Ars moriendi, eine zeitgemässe Kunst zu sterben. Unsere Gesellschaft habe für die Absicherung des Lebensanfangs in den letzten Jahrzehnten in medizinischen, materiellen und sozialen Hinsichten sehr viel getan ­– und damit die Schrecken bei der Geburt erfolgreich überwunden. Ganz im Gegensatz zu den Schrecken beim Tod. Aber auch da gäbe es eine Möglichkeit zur Minderung der Ängste: mit Palliative Care.

Steffen Eychmüller erläutert die Möglichkeiten und aktuellen Grenzen der Palliativmedizin im UniPress (und im Podcast zum Hören). Die Fragen bleiben: Welchen Wert darf und soll die Verletzlichkeit und das Lebensende in unserer heutigen Gesellschaft haben? Und wie viel darf würdiges Sterben kosten?

UniPress Gespräch als Podcast

Das Gespräch mit Steffen Eychmüller als Podcast.

Zum Podcast

ZU DEN AUTOREN

Timm Eugster arbeitet als Redaktor bei Corporate Communication an der Universität Bern.

Marcus Moser leitete bis Ende 2017 Corporate Communication und arbeitet heute als Geschäftsleiter des Forum für Universität und Gesellschaft FUG.