09.04.2018 | Universität | Geist & Gesellschaft

«Schweizer Geschichte hat auch mit asiatischer und afrikanischer Geschichte zu tun»

Die Schweiz war und ist eines der am stärksten globalisierten Länder der Welt. Warum diese Tatsache in vielen historischen Darstellungen der Schweiz kaum eine Rolle spielt, diskutieren Historikerinnen und Kulturwissenschaftler an einem Symposium am 19. und 20. April an der Universität Bern. Im Interview mit «uniaktuell» spricht Professor Christof Dejung über die Notwendigkeit eines «neuen Blicks».

Interview: Maria Meier

Das Symposium «Von der Kolonisierung zur Globalisierung» verlangt, dass wir Schweizer Geschichte neu denken sollen. Warum braucht es eine neue Schweizer Geschichte?
Traditionellerweise denken wir Schweizer Geschichte als rein zeitliche Entwicklung – überspitzt gesagt vom Rütlischwur bis zur Gegenwart. Dass diese Sichtweise ungenügend ist, zeigen neuere Studien, die nahelegen, dass wir die europäische Geschichte nicht ohne die Verflechtung mit der übrigen Welt verstehen können. Das gilt auch für die Schweiz. Wenn wir uns also fragen, welche Beziehungen die Schweiz zur aussereuropäischen Welt hatte, können wir Schweizer Geschichte nicht mehr nur in ihrer zeitlichen sondern auch in ihrer räumlichen Dimension denken. Sie hätte dann auch etwas mit asiatischer oder afrikanischer Geschichte zu tun. Das wiederum hätte direkte Implikationen für die Gegenwart. Wir könnten nicht mehr so tun, als ob uns das, was in anderen Erdteilen passiert, nichts angehe.

Wie würde eine Geschichte der Schweiz aussehen, die die globalen und interkulturellen Verflechtungen der Schweiz besser miteinbezieht?
Europa – und damit die Schweiz – ist keineswegs der Geburtsort aller modernen Errungenschaften, wie man lange annahm. Vieles davon ist das Resultat von vormodernen Globalisierungseffekten. So ist beispielsweise die Entwicklung der modernen Medizin, der Astronomie, der Algebra oder der Philosophie ohne die Übernahme von Wissen aus der islamischen Welt undenkbar. Solche Themen würden in einer Geschichte der Schweiz aus globalhistorischer Perspektive mehr Gewicht erhalten.

Haben Sie weitere Beispiele?
Bekannt ist etwa die Beteiligung von Schweizer Handelsunternehmen am transatlantischen Sklavenhandel. Es wäre sicher falsch zu behaupten, die Schweiz sei nur deshalb so reich geworden, weil sie die aussereuropäische Welt ausbeutete. Aber viele Schweizer Unternehmer erwirtschafteten im Handel mit den Kolonien tatsächlich grosse Vermögen. Zudem gibt es Hinweise, dass die Entwicklung des europäischen Kapitalismus wesentlich deshalb zustande kam, weil norditalienische Kaufleute im Mittelalter von asiatischen und muslimischen Kaufleuten Praktiken wie die der doppelten Buchführung übernahmen.

Weshalb waren die globalen Verflechtungen für die Schweiz so zentral?
Die Schweiz war eines der ersten Länder auf dem europäischen Kontinent, das sich industrialisierte. Da die Märkte vieler europäischer Staaten wegen einer protektionistischen Wirtschaftspolitik verschlossen waren, mussten Schweiz Unternehmer ihre Produkte in Asien, Afrika oder Amerika absetzen. In wirtschaftlicher Hinsicht war die Schweiz deshalb besonders früh und stark globalisiert. Ansonsten ist die Schweiz aber eher ein europäischer Normalfall, obwohl sie anders als verschiedene europäische Nachbarn keine Kolonien besass. Unabhängig vom Kolonialbesitz waren die meisten Staaten eng mit der aussereuropäischen Welt verflochten.

Das Symposium ist Ihre erste öffentliche Veranstaltung an der Universität Bern seit dem Sie im Februar 2018 die Professur für Neueste Geschichte angetreten haben. Warum dieses interdisziplinäre und interuniversitäre Format?
Die Tagung ist eine gemeinsame Veranstaltung des Historischen Instituts und des Interdiziplinären Zentrums für Geschlechterforschung IZFG der Universität Bern sowie der ETH Zürich. Wir arbeiten aus unterschiedlicher Perspektive zu ähnlichen Themen, unsere Ansätze ergänzen sich deshalb sehr gut. Darüber hinaus war uns vor allem wichtig, dass auch die Geschlechterperspektive berücksichtigt wird. Gerade die aktuellen Islam- und Migrationsdebatten zeigen ja, dass bei der Wahrnehmung von scheinbar fremden Kulturen Geschlechterzuschreibungen eine zentrale Rolle spielen – man denke etwa an die ganze Diskussion um das Burkaverbot.

Wen möchten Sie mit dem Symposium sonst noch erreichen?
Wichtig ist uns vor allem der Kontakt mit Politikerinnen und Vertretern der NGOs. Wir forschen ja nicht im Elfenbeinturm. Wir möchten, dass unsere Forschungen Anstösse zu politischen Debatten geben. Umgekehrt möchten wurde auch von Leuten aus dem Feld der Politik oder dem der Wirtschaft Anregungen erhalten und auf allfällige blinde Flecken hingewiesen werden. Umso enttäuschender fand ich, dass es uns trotz einiger Anstrengungen nicht gelungen ist, Vertreter von Wirtschaftsverbänden an die Tagung zu bringen. Die Wirtschaft verpasst gerade wieder einmal eine fundamentale Geschichtsdebatte. Wie kurzsichtig – und kostspielig – eine solche Strategie sein kann, hat man ja vor nicht allzu langer Zeit bei der Frage der nachrichtenlosen Vermögen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs auf Schweizer Banken erfahren können.

Was möchten Sie Ihren Geschichtsstudierenden sonst noch mitgeben?
Zuerst natürlich die Begeisterung für Geschichte und das Bewusstsein, dass die Vergangenheit wichtig für unsere Gegenwart ist. Dann aber auch, wie wichtig methodisch sauberes Arbeiten und theoretische Genauigkeit ist. Das ist gerade bei emotional stark aufgeladenen Themen wie der Kolonialgeschichte oder der Geschichte der Sklaverei unerlässlich. Blosse Empörung oder moralische Zeigfingerpädagogik sind dabei eher kontraproduktiv. An der Tagung wird es auch darum gehen, die Grenzen der präsentierten Ansätze zu erkennen. Es kann nicht alles globalhistorisch erklärt werden, und nicht alle europäischen Akteure waren rassistisch oder kulturimperialistisch – auch wenn viele es waren. Solche Ambivalenzen auszuhalten, ist eine der schwersten – und zugleich spannendsten – Aufgaben, vor der Historikerinnen und Historiker stehen.

Zur Person

Christof Dejung ist Historiker mit Schwerpunkt Sozial- Wirtschafts- und Kulturgeschichte sowie Global Studies. Er hat an der Universität Zürich studiert und promoviert. Nach diversen Forschungs- und Gastaufenthalten in Konstanz, Göttingen und London sowie Vertretungsprofessuren in Berlin, Freiburg i. Br. und Konstanz weilte er als Marie Curie Senior Research Fellow an der University of Cambridge. Seit Februar 2018 ist er ordentlicher Professor für Neueste allgemeine Geschichte an der Universität Bern. (Er trat die Nachfolge von Prof. em. Dr. Stig Förster an.)

In seiner Forschung verbindet Christof Dejung die europäische Geschichte zwischen 1800 und 1945 mit der Geschichte transnationaler und globaler Verflechtungen. Gegenwärtig arbeitet er an einem Projekt zu den kolonialen Wurzeln der deutschen Volkskunde zwischen den 1850er und den 1930er Jahren sowie an einem Forschungsvorhaben zur Globalgeschichte der Mittelklassen im Zeitalter des Imperialismus.

Forschungsschwerpunkte:

  • Europäische Geschichte 1800-1945
  • Globalgeschichte
  • Geschichte des Imperialismus
  • Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte
  • Wissensgeschichte
  • Theorie und Methodik der Geschichtswissenschaften

Kontakt
Prof. Dr. Christof Dejung
Historisches Institut, Neueste Allgemeine Geschichte
Postfach
Länggassstrasse 49
3012 Bern
Telefon +41 31 631 80 90
Email: christof.dejung@hist.unibe.ch

Symposium: «Von der Kolonisierung zur Globalisierung – Weshalb wir Schweizer Geschichte neu denken sollten»

Zum Auftakt des Symposiums am Donnerstag, 19. April, um 18.15 Uhr spricht die US-amerikanische Anthropologin und Historikerin Prof. Dr. Ann Laura Stoler in der Keynote Lecture «‹Interior Frontiers›. Dangerous concepts in our times» über das fortwirkende Erbe des europäischen Imperialismus in der globalisierten Gegenwart.

Am Freitag, 20. April, von 9 bis 17.30 Uhr finden drei Panels zur Rolle der Schweiz im internationalen Sklavenhandel, zur Schweizer Migrationsgeschichte und zur Entwicklungshilfe aus postkolonialer Perspektive statt. Abschliessend diskutieren an einem Roundtable Vertreter und Vertreterinnen aus Wissenschaft und Politik über die Frage, welche Schweizer Geschichte wie erzählt werden soll.

Historisches Institut der Universität Bern

Die Geschichtswissenschaft gehörte von Anfang an zum Fächerkanon der 1834 eröffneten Universität Bern. Das Historische Institut bildet zusammen mit dem Institut für archäologische Wissenschaften das Departement für Geschichte und Archäologie. Es verknüpft den Ansatz einer erneuerten politischen Geschichte mit Erkenntnissen aus der Kultur- und Geschlechtergeschichte sowie der Wirtschafts-, Sozial- und Umweltgeschichte.

Interdisziplinäres Zentrum für Geschlechterforschung IZFG

Das IZFG bündelt als disziplinenübergreifendes Netzwerk die Gender-Kompetenzen der Universität Bern. Es arbeitet als Kompetenzzentrum für inter- und transdisziplinäre Geschlechterforschung an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Praxis. Professorinnen und Professoren aus unterschiedlichen Fächern und Fakultäten engagieren sich für das Zentrum und Studierende mit verschiedenen disziplinären Hintergründen absolvieren hier ihr Studium in Geschlechterforschung.

Zur Autorin

Maria Meier ist Hochschulpraktikantin bei Corporate Communication an der Universität Bern.