21.12.2018 | Personen | Gesundheit & Medizin

Resistente Keime in Schweizer Gewässern und in Geflügelfleisch

Forschende der Universität Bern haben die erste Hochrechnung zur Anzahl Todesfälle durch Antibiotika-resistente Bakterien in der Schweiz geliefert. Im Interview erläutert Dr. Michael Gasser vom Institut für Infektionskrankheiten (IFIK) die Herausforderungen im Umgang mit resistenten Keimen.

Interview: Nathalie Matter

2015 kam es hierzulande zu ungefähr 7’156 Infektionen mit Antibiotika-resistenten Bakterien, die 276 Tote und 7’400 verloren gegangene Lebensjahre zu Folge hatten. Proportional zur Bevölkerungszahl sind diese Werte klar unter dem EU-Mittelwert, aber auch deutlich über den Werten vieler nordeuropäischer Länder. Die meisten Fälle in der Schweiz waren den Darmbakterien Escherichia coli zuzuschreiben, welche gegenüber sogenannten Cephalosporinen der dritten Generation, resistent sind. Dies haben Forschende des Schweizerischen Zentrums für Antibiotikaresistenzen (anresis.ch) am Institut für Infektionskrankheiten der Universität Bern gemeinsam mit Genfer Kollegen herausgefunden. Die Forschenden passten dafür eine umfassende Methode vom Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten auf Schweizerische Verhältnisse an. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift «The Lancet Infectious Diseases» publiziert.

Herr Gasser, was ist das wichtigste Ergebnis Ihrer Studie?
Wir konnten erstmals Angaben zur Anzahl Todesfälle in der Schweiz liefern, die auf Antibiotikaresistenzen zurückgehen. Zudem konnten wir zeigen, dass die Methode des Europäischen Zentrums für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten auch für ein nicht EU-Land anwendbar ist. Damit möchten wir auch weitere Staaten ermutigen, solche Modellberechnungen vorzunehmen und auf Grund der Resultate entsprechend gezielte Massnahmen zur Bekämpfung von Antibiotikaresistenzen zu formulieren.

Waren Sie von den Ergebnissen überrascht?
Die Resultate entsprachen in etwa unseren Erwartungen, allerdings konnten wir die Daten bisher nie in dieser Breite analysieren. In einer 2013 publizierten Studie errechneten wir für das Jahr 2011 total 131 Todesfälle nur auf Grund des häufigsten Resistenzproblems – nämlich Resistenz des Darmkeims Escherichia coli auf das Antibiotikum Cephalosporin. Die neu entwickelte Methode errechnet für diese Resistenz im Jahr 2015 nun eine Zunahme auf 156 Todesfälle pro Jahr; diese Steigerung um 20% ist durch die generelle Zunahme der Resistenzen in den letzten vier Jahren gut erklärbar.   

Warum sind gerade Escherichia coli in der Schweiz besonders resistent? Woher stammt der resistente Keim?
Escherichia coli sind natürlicherweise im Darm vorkommende Bakterien und gehören seit jeher zu den häufigsten Krankheitserregern. So sind sie zum Beispiel für rund 70% der Blasenentzündungen verantwortlich. Jede antibiotische Therapie begünstigt die Selektion resistenter Erreger, und weil sie als Darmkeime häufig mit Antibiotika in Kontakt kommen, sind sie einem besonders hohen «Überlebensdruck» ausgesetzt. Nebst der Entstehung neuer Resistenzen spielt bei E. coli auch die Übertragung von Resistenzen zwischen den Bakterien eine zunehmend wichtige Rolle. Das heisst: genetisches Material, welches bestimmte Resistenz-Eigenschaften «programmiert», kann unter Bakterien gleicher oder unterschiedlicher Arten ausgetauscht werden.

In Ländern wie Indien, in verschiedenen südostasiatischen Ländern, aber auch in Süd- und Südost-Europa sind die Resistenzraten um ein Vielfaches höher als hierzulande. Durch den normalen Tourismus, durch den Medizintourismus sowie durch den Import von Produkten aus diesen Ländern können sich diese Erreger verbreiten. Gerade Darmbakterien können sich auch über Kontakte zwischen Menschen, Tieren und über die Umwelt weiter verbreiten. So wurden gegenüber Cephalosporinen resistente E. coli auch bereits in Schweizer Gewässern sowie in hohen Mengen im rohen Geflügelfleisch nachgewiesen.

Warum ist die Kontaminierung in unserem Pouletfleisch so hoch?
Im Ausland werden teilweise immer noch Cephalosporine und andere Antibiotika, welche für den Menschen unverzichtbar sind, in der Geflügelmast verwendet, daher bilden sich entsprechend resistente Bakterien. Diese können dann einerseits im Importfleisch in die Schweiz gelangen. Andrerseits werden aber auch Eier und Eintagsküken, welche die resistenten Bakterien bereits in sich tragen, importiert, gemästet und hier geschlachtet. Während der industriellen Schlachtung dieser Hühner kommt es dann häufig zu einer Kontamination des Fleisches. Um die aktuelle Situation zu entschärfen, wären entlang der gesamten Nahrungskette und insbesondere bei der Schlachtung Optimierungsmassnahmen notwendig.     

In nordeuropäischen Ländern gibt es weniger Antibiotika-Resistenzen als in der Schweiz. Was machen die Skandinavier besser als wir?
Mehrere Gründe spielen hier ein Rolle: Einerseits grenzt die Schweiz an Länder wie Italien oder Frankreich, welche vergleichsweise hohe Resistenzraten aufweisen. Andererseits besteht in skandinavischen Ländern seit längerer Zeit ein Bewusstsein für eine verhältnismässige und sachgerechte Verwendung von Antibiotika. Durch zahlreiche Initiativen wurden Politikerinnen, Ärzte und Patientinnen sensibilisiert. Seit vielen Jahren haben skandinavische Länder strenge Gesetze, insbesondere was die Anwendung von Antibiotika in der Landwirtschaft betrifft. All diese Massnahmen haben dazu geführt, dass der Verbrauch von Antibiotika auf einem tiefen Niveau gehalten werden konnte und sich relativ wenige Resistenzen bilden und ausbreiten konnten. Weitere Faktoren, die eine Verbreitung von resistenten Bakterien bremsen könnten, sind die tieferen Temperaturen in den nördlicheren Breitengraden sowie die niedrigere Bevölkerungsdichte.

Wie lassen sich die zunehmenden Antibiotikaresistenzen am besten bekämpfen?
Der Antibiotikakonsum ist einer der wichtigsten, beeinflussbaren Trigger für die Resistenzentwicklung. Daher zielen viele Massnahmen darauf ab, diesen zu reduzieren. Es geht darum, einerseits Neuinfektionen zu verhindern, zum Beispiel durch Impfungen und optimiertes Hygienemanagement in Spitälern, in der Landwirtschaft und bei der Verarbeitung von Lebensmitteln, und andererseits den umsichtigen Gebrauch von Antibiotika zu fördern.

Auch müssen für die Forschung geeignete Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit dringend benötigte neue Antibiotika entwickelt werden können – und damit man die unterliegenden Mechanismen besser verstehen kann.

Was ist dabei die grösste Herausforderung?
Das Problem der zunehmenden Antibiotikaresistenzen betrifft Menschen, Tiere, die Landwirtschaft und die Umwelt. Es lässt sich also nicht durch Massnahmen in einem Bereich lösen. Zudem können sich in einer globalisierten Welt resistente Keime sehr rasch verbreiten. Ich denke, dass eine internationale Koordination der nötigen Massnahmen in allen Bereichen wohl die grösste Herausforderung darstellt – ähnlich wie beim Klimawandel.

In der Schweiz hat der Bundesrat mit der Nationalen Strategie gegen Antibiotikaresistenzen (StAR) ein Massnahmenpaket formuliert, das all diese Bereiche umfasst. Ein wichtiger Pfeiler dieser Strategie ist die Überwachung der aktuellen Resistenzlage, welche das Schweizerische Zentrum für Antibiotikaresistenzen anresis.ch vornimmt. Damit kann mit geeigneten Massnahmen auf gefährliche Entwicklungen reagiert und die Wirkung dieser Massnahmen überprüft werden.

Welchen Beitrag leistet das Institut für Infektionskrankheiten?
Das Institut für Infektionskrankheiten (IFIK) der Universität Bern ist vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) mandatiert, das Schweizerische Zentrum für Antibiotikaresistenzen anresis.ch zu führen. Das IFIK beteiligt sich an der Finanzierung und stellt seine Infrastruktur und Fachwissen zur Verfügung. Es besteht zudem ein reger Wissensaustausch zwischen den Forschenden von anresis.ch und den anderen Forschungsgruppen des IFIK, der Universität Bern und dem Inselspital. anresis.ch beobachtet sowohl die Resistenzsituation als auch den Antibiotikaverbrauch in der Schweiz kontinuierlich. Das heisst, es analysiert und interpretiert diese Daten und stellt die aufbereiteten Informationen Fachpersonen sowie der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung.

Was fasziniert Sie an Ihrer Arbeit bei anresis.ch?
Wir setzen uns dafür ein, dass sich die Antibiotikaresistenz-Situation in der Schweiz verbessert – wir beschäftigen uns aber auch mit globalen, epidemiologischen Entwicklungen und interessieren uns dafür, was auf der molekularen Ebene abläuft. Es ist diese Breite und Vielfältigkeit, welche ich an meiner Arbeit besonders schätze. Zudem sind all diese Entwicklungen sehr dynamisch und die Arbeit ist zu einem hohen Grad interdisziplinär. Das heisst, wir arbeiten in einem inspirierenden internationalen Umfeld mit verschiedensten Personen aus den Bereichen Public Health, Statistik, Informatik und Biomedizin zusammen.

ZUR PERSON

Dr. Michael Gasser ist Epidemiologe am IFIK und bei anresis.ch für die Auswertung und Interpretation von Antibiotikaresistenzdaten aus der Schweiz zuständig.

Kontakt: Dr. Michael Gasser, Institut für Infektionskrankheiten IFIK, Universität Bern, und anresis.ch
Email: michael.gasser@ifik.unibe.ch

ÜBER DAS IFIK

Das Institut für Infektionskrankheiten kombiniert Dienstleistungen, Lehre und Forschung unter einem Dach und deckt die gesamte Breite der Mikrobiologischen Diagnostik ab. Als einziges universitäres Institut in der Schweiz vereint es in der Lehre, der Forschung und der Diagnostik alle mikrobiologischen Spezialdisziplinen (wie die Parasitologie, Bakteriologie oder Virologie) unter einem Dach. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen, Infektionen des Zentralen Nervensystems sowie Gesundheit und Infektionen von Darmbakterien.

 

ÜBER ANRESIS.CH

Anresis.ch ist das Schweizerische Zentrum für Antibiotikaresistenzen und wird vom IFIK im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) geführt. Es ist ein regionales und nationales Überwachungssystem und Forschungsinstrument für Antibiotikaresistenzen und Antibiotikakonsum im Humanmedizinischen Bereich. anresis.ch wurde im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramm 49 «Antibiotikaresistenz» des Schweizerischen Nationalfonds entwickelt. Seit 2016 wird das Projekt durch das Bundesamt für Gesundheit und das Institut für Infektionskrankheiten der Universität Bern finanziert.

Publikation:
Gasser, M., Zingg, W., Cassini, A., Kronenberg A., and the Swiss Centre for Antibiotic Resistance (2018): Attributable deaths and disability-adjusted life-years caused by infections with antibiotic-resistant bacteria in Switzerland. The Lancet Infectious Diseases (published online November 15, 2018). DOI: 10.1016/S1473-3099(18)30708-4.

 

ZUR AUTORIN

Nathalie Matter arbeitet als Redaktorin bei Media Relations.