12.10.2018 | Studium | Geist & Gesellschaft

Museen in Europa und Asien – ein interkontinentaler Austausch

In welche Richtung entwickeln sich Museen und Kunstinstitutionen in Europa und China? Studierende der Kunstgeschichte und Architektur der Universitäten Bern und Hamburg sowie der Tongji University Shanghai beschäftigten sich diesen Sommer in einem internationalen Austauschprogramm mit dieser Frage.

Von Anouk Wüthrich

Bern – Berlin – Hamburg – Shanghai – Peking. Dies waren die Stationen des Scherbarth Art History Programs 2018. Bereits zum zweiten Mal nahmen die Universitäten Bern und Hamburg sowie die Tongji University Shanghai am Scherbarth-Austauschprogramm – finanziert von der Berner Scherbarth-Stiftung – teil. Während drei Wochen tauschten sich 28 Studierende der Kunstgeschichte und Architektur in Europa und China zum Schwerpunkt Museen und Sammlungen aus. Der Fokus lag auf der Entwicklung öffentlicher und privater Kunstinstitutionen in der Schweiz, Deutschland und China. Gemeinsam sollten die Teilnehmenden ein kritisches Verständnis für die Modelle in den jeweiligen Ländern sowie deren Einbindung in historische und zeitgenössische Diskurse erarbeiten.

Grüessech – von Shanghai nach Bern und Berlin

Das Austauschprogramm startete Mitte Juli in Bern mit dem Besuch der chinesischen Gäste in der Bundesstadt. Die Studierenden aus Shanghai verbrachten zusammen mit den Berner Studierenden eine Woche in Bern und der näheren Umgebung. Nach dem Auftakt im Bundeshaus und einer Stadtführung standen Besuche in verschiedenen Kunstinstitutionen Berns an. Neben grösseren Museen wie dem Kunstmuseum Bern und dem Zentrum Paul Klee erhielt die Gruppe auch einen Einblick hinter die Kulissen der Swiss Federal Art Collection.

Ein besonderes Erlebnis war der Privatempfang von Uli Sigg auf seinem Schloss Mauensee in der Nähe von Luzern. Sigg gilt weltweit als bedeutendster Sammler chinesischer Gegenwartskunst. Er hiess die Gruppe auf seinem Schloss, wo Teile der Sammlung ausgestellt sind, willkommen und führte sie durch das Haus. Die Gespräche mit Uli Sigg über seine Sammeltätigkeit waren insbesondere auch im Hinblick auf die Neueröffnung des M+ Museum in Hongkong im nächsten Jahr, welchem Sigg einen Grossteil seiner Sammlung vermacht hat, aufschlussreich.

In Berlin, der nächsten Station des Austauschprogramms, besuchte die Gruppe etwa die Baustelle des Humboldtforums – ein Projekt, das seit Jahren mit Spannung erwartet wird und im Anschluss der Besichtigung kontrovers diskutiert wurde. Wie geht man im historisch belasteten Neubau des Berliner Schlosses mit Ausstellungsräumen und Ausstellungskonzepten um? Und wie wird die Übernahme einer bestehenden Sammlung neu inszeniert? Nach dem Wochenende in Berlin fuhren die chinesischen Studierenden für eine weitere Woche nach Hamburg.

Ni hao – von Bern nach Shanghai

Im August reisten die Berner und Hamburger Studierenden nach Shanghai. Ob sich die bisherigen Beobachtungen zu den europäischen Institutionen auf China übertragen liessen? Während acht Tagen besuchten sie in Shanghai täglich mehrere Museen und Galerien, wie etwa die Shanghart Gallery, die seit den 1990ern von einem Schweizer Galeristen erfolgreich geführt wird.

Gespannt waren alle auf ein neuartiges Ausstellungskonzept, die «Shanghai K11 Art Mall»: Eine Kunstinstitution, die sich in einer Mall befindet. Doch wer sich in dieser Mall ein kritisches Ausstellungskonzept erhoffte, das zum Beispiel die Grenzen zwischen Kunst und Konsum aufzulösen versuchte, hatte sich getäuscht. Die Ausstellungsräume machen nur ein Stockwerk der Mall aus, befinden sich im Untergeschoss und zeigen Kunstwerke im altbekannten Ausstellungsmodus. Wer K11 nicht kennt, tummelt sich in der «Shanghai K11 Art Mall» wie in jeder anderen chinesischen Riesen-Mall.

Grosse Fassaden – nichts dahinter?

Über die Tage zeichnete sich ein Muster ab, das auch in der letzten Woche des Austauschs in Peking augenscheinlich war: Die Museen sind sich in ihrer gigantischen Grösse und eindrücklichen Architektur gleich. Hinter den imposanten Fassaden trifft man jedoch stets auf die gleichen Konzepte. Zum einen liegt der Fokus auf der Bildung des Menschen – eine Rhetorik, die der Museologie bereits als veraltet gilt. Zum anderen scheint es, dass der Kunst in China ein gewisser Trendstatus zukommt – «Meisterwerke» und immer imposantere Museumsbauten sollen die Massen anziehen. Die Frage nach Diversität und Nachhaltigkeit scheint dabei aber nicht berücksichtigt zu werden.

Unabhängige Kunsträume

Neben den Grossbauten existieren in den alten Stadtvierteln Pekings jedoch auch kleinere «Independent Artspaces», etwa der «i:project space». Das Ziel der beiden deutschen Gründerinnen ist es, lokalen sowie internationalen Künstlerinnen und Künstlern eine unabhängige Plattform für ihre Kunstproduktion und eine damit verbundene Ausstellung bieten zu können.

Man kann gespannt sein, wie sich die verschiedenen Museen und Kunstinstitutionen in der Schweiz, in Deutschland sowie in China entwickeln werden. Mit dem Austauschprogramm wurde erfolgreich ein internationales Netzwerk geschaffen, um diese Entwicklungen gemeinsam mit zu verfolgen und zu diskutieren. Der Austausch soll weitere drei Jahre fortgeführt werden.

Zur Autorin

Anouk Wüthrich studiert Kunstgeschichte und Germanistik und arbeitet als Hilfsassistentin am Institut für Kunstgeschichte der Moderne und Gegenwart an der Universität Bern.