26.03.2018 | Universität | Gesundheit & Medizin

«Maurice E. Müller hat die Welt der Chirurgie auf den Kopf gestellt»

Am 28. März 2018 wäre Maurice E. Müller 100 Jahre alt geworden. An der Gedenkfeier der Universität Bern und der Insel Gruppe AG blickten die Anwesenden zurück auf das umfassende Lebenswerk des grossen Visionärs, Pioniers der orthopädischen Chirurgie und Zauberkünstlers.

Von Ivo Schmucki

Das Ziel von Maurice E. Müller war es, das Leiden seiner Patientinnen und Patienten zu lindern», sagte Christian Leumann, Rektor der Universität Bern bei der Begrüssung vor über 100 Gästen im Chirurgie-Hörsaal am Inselspital Bern. Maurice E. Müller setzte über 40 Jahre lang Meilensteine in der Unfallchirurgie und revolutionierte die Chirurgie des Bewegungsapparates. Dies zu einer Zeit, in der Knochenbrüche noch eine grosse medizinische Herausforderung darstellten. «1945 zahlte die Suva bei Oberschenkelbrüchen in 70% der Fälle Dauerrenten. Maurice E. Müller erkannte, dass es hier bessere Lösungen geben muss», sagt Christian Leumann.

«Er hatte den richtigen Riecher»

Dass Maurice E. Müller tatsächlich bessere Lösungen mitentwickelt hat, erfuhr das Publikum im Referat von Professor Klaus-Arno Siebenrock, Direktor der Universitätsklinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie. «In den 40er-Jahren wurden Brüche und Gelenkerkrankungen konservativ behandelt, mit Gips oder Schienen.» Maurice E. Müller habe dann von ersten Knochenfixationen erfahren und wollte sehen, wie das funktioniert. «Er hatte den richtigen Riecher», stellte Siebenrock fest. Müller konzipierte einen externen Fixateur, bei dem Schrauben von ausserhalb des Körpers in den Knochen getrieben werden, um den Knochen zur Heilung zu zwingen. «Er hat mit dieser revolutionären Idee der Osteosynthese die Welt der Chirurgie auf den Kopf gestellt. Und trotz vieler Kritiker und Skeptiker liess er sich nicht beirren.»

Für Müller sei klar gewesen, dass sich Patientinnen und Patienten nach der operativen Verbindung von Knochenfragmenten möglichst früh wieder bewegen sollten. «Life is motion and motion is life», so das Credo. Das galt auch für die Leute mit einer der zahlreichen Hüftprothesen, die Müller entwickelte. Seine Expertise in diesem Bereich brachte ihm sogar eine Audienz beim Papst ein, der eine schlecht funktionierende Hüftprothese hatte und Müller um Beurteilung bat. Klaus-Arno Siebenrock erzählte: «Man sagt, Müller habe dem Papst die Leviten gelesen und ihm geraten, mehr zu trainieren. Ich glaube, der Papst hat nur genickt.»

Ein Unternehmer auf vielen Ebenen

Jean-Pierre Jeannet, emeritierter Professor für Global Strategy and Marketing vom International Institute for Management Development (IMD) in Lausanne und des Babson College in Massachusetts, ging in einem zweiten Vortrag auf Maurice E. Müller als Unternehmer ein. Einen grossen Teil davon widmete er der AO, der Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen, die Müller 1958 gemeinsam mit Kollegen gründete. «Maurice E. Müller war nicht nur business entrepreneur, sondern auch social entrepreneur. Die AO wurde als nicht gewinnorientierter Verein gegründet, mit dem einzigen Zweck, die Operationen zugunsten der Patientinnen und Patienten zu verbessern.» Die Pionierarbeit der AO in der Entwicklung von Instrumenten und von Techniken finden bis heute weltweit Anerkennung und Verbreitung.

Zwischen 1998 und 2005 stiftete Müller einen grossen Teil seines Vermögens für das Zentrum Paul Klee in Bern. Der Wechsel vom Unternehmer zum Mäzen habe nichts an seiner Einstellung geändert, sagte Jeannet: «Auch bei seinen philanthropischen Unternehmungen war er genauso involviert wie zuvor bei der AO.» Die Fondation Maurice E. Müller förderte nicht nur das Zentrum Paul Klee, sondern weltweit die biomedizinische und orthopädische Forschung, Ausbildung und Evaluation mit rund 250 Millionen Franken. An der Universität Bern wurden mit Mitteln aus dieser Stiftung das Institut für evaluative Forschung in der orthopädischen Chirurgie sowie das Institut für chirurgische Technologie und Biomechanik gegründet.

Eine weitere Begabung von Maurice E. Müller war die Zauberkunst, was an diesem Abend gleich mehrere Redner erwähnten. Müllers Genauigkeit sei ihm auch hier zugutegekommen, wie Jean-Pierre Jeannet erklärte: «Dank seiner Beobachtungsgabe und Fingerfertigkeit meisterte er Kartentricks in kürzester Zeit. Er hat nicht nur hingeschaut, er hat auch gesehen.»

Der Hörsaal wird zum Auditorium

Die Gedenkfeier stand anschliessend im Zeichen des Pioniergeists von Maurice E. Müller. Vier Nachwuchsforschende präsentierten ihre Dissertationsprojekte und zeigten so, dass Müllers Gespür für Innovation heute in Bern fortgeführt wird.

Marc Stadelmann vom Institute for Surgical Technology and Biomechanics ISTB
Marc Stadelmann vom Institute for Surgical Technology and Biomechanics ISTB
Corinne Zurmühle von der Universitätsklinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie am Inselspital Bern
Corinne Zurmühle von der Universitätsklinik für Orthopädische Chirurgie und Traumatologie am Inselspital Bern
Raluca Sandu vom ARTORG Center for Biomedical Engineering Research
Raluca Sandu vom ARTORG Center for Biomedical Engineering Research

Rektor Christian Leumann und Uwe E. Jocham, Verwaltungsrats- und Direktionspräsident Insel Gruppe AG, enthüllten zum Abschluss eine Büste von Maurice E. Müller und führten die feierliche Umbenennung des chirurgischen Hörsaals 2 in «Auditorium Maurice E. Müller» durch.

Zur Person

Teaser

Maurice E. Müller wurde für seine Pionierleistungen auf dem Gebiet der orthopädischen Chirurgie weltbekannt. Er setzte über 40 Jahre lang Meilensteine in der Traumatologie und revolutionierte die Chirurgie des Bewegungsapparates – unter anderem mit der Entwicklung der Hüfttotalprothese. Maurice E. Müller war aber nicht nur ein brillanter Chirurg, sondern auch ein Visionär und ein grosszügiger Mäzen. Bern wurde durch ihn zu einem weltweit anerkannten Zentrum der orthopädischen Chirurgie.

Maurice E. Müller wurde am 28. März 1918 in Biel geboren und wuchs dort auf. Am 10. Mai 2009 starb er im Alter von 91 Jahren.

Zum Autor

Ivo Schmucki arbeitet als Redaktor bei Corporate Communication an der Universität Bern.