30.08.2018 | Studium |

Elternsein und studieren ist kein Widerspruch

Ein Kind zu haben und gleichzeitig an einer Universität zu studieren, schliesse sich nicht aus, sind Hannah Plüss und Julia Albrecht überzeugt. «uniaktuell» hat die beiden jungen Frauen nach ihren Erfahrungen im Alltag zwischen Vorlesungssaal, Büro und Kita gefragt.

Von Mila Erni

Gibt es den optimalen Zeitpunkt für die Familiengründung? Nein, findet Julia Albrecht, Assistentin und doktorierende Mutter am Institut für Sportwissenschaft der Universität Bern: «Den perfekten Zeitpunkt, auf den viele vielleicht warten, den gibt es nicht. Wenn man es wirklich will, dann ist es auch der richtige Moment.»

Julia Albrecht kommt ursprünglich aus Heidelberg. Sie studierte in Köln und kam im September 2015 nach Bern, um zu doktorieren. Im Herbst 2017 kam ihr Sohn Emil zur Welt. Sie arbeitet 60 Prozent und schreibt nebenher ihre Dissertation. Der elf Monate alte Emil wird an drei Tagen in der Woche in einer städtischen Kita betreut. Die restliche Zeit versuchen Julia Albrecht und ihr Partner gleichberechtigt zu organisieren. Ohne ein Kind wären Arbeit und Alltag besser planbar, findet sie. Das sei für sie der grösste Unterschied zwischen dem Alltag von doktorierenden Eltern und demjenigen von Doktorierenden ohne Kind. Oft geschehe Unvorhersehbares. Zum Beispiel, dass Emil krank werde und nicht in der Kita bleiben könne. Das bestimmte dann im Alltag, wie viel Zeit sie für ihre Dissertation oder Arbeit aufwenden könne.

Julia Albrecht doktoriert am Institut für Sportwissenschaft der Universität Bern und hat einen elf Monate alten Sohn. © Universität Bern, Video: Ivo Schmucki

Mit einem Kind ist man zur Effizienz gezwungen

Hannah Plüss kennt die Situation: «Mit einem Kind ist man zur Effizienz gezwungen. Wenn ich weiss, dass sich jemand die Zeit genommen hat, auf meine Tochter aufzupassen, damit ich arbeiten kann, dann tue ich das auch und schiebe es nicht auf.» Hannah Plüss studiert Sozialwissenschaften und Spanisch an der Universität Bern, arbeitet als Protokollführerin beim Staatssekretariat für Migration und ist Mutter der sechsjährigen Maylla. Hannah Plüss lernte ihren Mann in Peru kennen, wurde mit 21 Jahren Mutter und begann zwei Jahre darauf ihr Studium. Die Tochter ist nun im Kindergarten und Hannah Plüss beginnt im Herbstsemester mit dem Master in Latin American studies.

Jung Eltern zu werden, hat viele Vorteile

Es sei nicht einfach, mitten in der beruflichen oder wissenschaftlichen Laufbahn Mutter zu werden, meint Julia Albrecht. «Aber wenn man jünger ist, ist man auch viel entspannter, was das angeht.» Ein Vorteil beim Doktorat sei, dass man sich die Zeit relativ frei einteilen könne. «Arbeit, Doktorat und Familie sind vereinbar, aber man muss für seine Rechte einstehen.» So hat Julia Albrecht etwa das Recht, Zeit zum Stillen oder Milch Abpumpen zu verwenden. «Es beschwert sich niemand, wenn ich das mache oder zwischendurch nach Hause gehe, aber ich habe deswegen nicht weniger Arbeit.» Man müsse sich daran gewöhnen, dass man neben der Elternrolle nicht mehr überall genauso viel leisten könne wie vorher. Seit sie Emil hat, nehme sie es aber auch gelassener, wenn sich beispielsweise ihr Doktorat nun etwas in die Länge zieht.

Hannah Plüss hatte die Ausbildung noch vor sich, als sie ihr Kind bekam. Sie ist überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war, jung Mutter zu werden: «In diesem Alter hat man weniger den Anspruch, alles alleine zu schaffen. Ich musste keine Laufbahn unterbrechen und hatte keine Angst, etwas zu verpassen.» Finanziell wäre es aber ohne die Unterstützung der Eltern, die Maylla auch oft betreuen, nicht gegangen. Als junge Mutter bekam sie unterschiedliche Wertvorstellungen zu spüren: «Ich hatte immer das Gefühl, in der Schweiz sei man relativ frei darin, wie man leben möchte. Dann kriegst du Kinder und plötzlich gibt es sehr viele Leute, die dir sagen wollen, was du tun und lassen sollst. Das fand ich manchmal einschränkend.» Ihr persönliches Umfeld reagierte allerdings sehr positiv und unterstützend, was sie als sehr befreiend empfand. Sich im Studium zu organisieren, sei ihr leicht gefallen: «Ich habe mit den Angeboten der KIHOB, der Stiftung Kinderbetreuung im Hochschulraum Bern, und auch mit der Flexibilität der Dozierenden sehr gute Erfahrungen gemacht.»

Hannah Plüss studiert Sozialwissenschaften und Spanisch an der Universität Bern und hat eine sechsjährige Tochter. © Universität Bern, Video: Ivo Schmucki

«Ich schätze es, dass ich beides haben kann»

Was ist ein besonders «guter Tag» im Leben einer doktorierenden oder studierenden Mutter? «Ich geniesse es sehr», sagt Julia Albrecht, «wenn ich einen Tag im Büro für mich arbeiten kann und Emil in der Kita zufrieden ist. Er ist da gut aufgehoben und wenn ich ihn abends abhole, dann freue ich mich und schätze es, dass ich beides haben kann: Kind und Beruf.» Der Ausgleich zwischen Haushalt, Beruf, Studium und Kind ist auch für Hannah Plüss wichtig. Sie hat den Eindruck, im Vergleich zu Müttern in ihrer Umgebung weniger in einem «Mikrokosmos» zu leben, in dem das Elternsein den grössten Raum einnimmt.

Anderen Studierenden und Doktorierenden, die sich überlegen, ein Kind zu bekommen, empfiehlt Julia Albrecht, mit der Familiengründung nicht zu warten. Wenn man sich in der Partnerschaft sicher sei und es die finanziellen Möglichkeiten erlaubten, sei vieles rundherum anpassbar. Ohne Kinderbetreuungsangebote wäre es ihrer Meinung nach allerdings nicht möglich. Hannah Plüss und Julia Albrecht sehen beide hauptsächlich Vorteile darin, jung Eltern zu werden. Hannah Plüss würde sich wünschen, dass «es mehr junge studierende Eltern gäbe und die Akzeptanz und Unterstützung von unterschiedlichen Lebenskonzepten in der Gesellschaft ausgeprägter wären.»

Komplette Interviews

Die kompletten Interviews mit Hannah Plüss und Julia Albrecht finden Sie auf der Microsite «Vereinbarkeit.«

ABTEILUNG FÜR DIE GLEICHSTELLUNG VON FRAUEN UND MÄNNERN

Die Universität Bern bekennt sich zur Gleichstellung von Frauen und Männern. Sie fördert mittels effektiver Gleichstellungsinstrumente und Karrieremodelle den Erfolg von Frauen und Männern im Wissenschaftsbetrieb. Die Universität Bern verfügt deshalb über eine Kommission sowie eine Abteilung für Gleichstellung. Die Abteilung für Gleichstellung (AfG) der Universität Bern bietet zu diesem Zweck verschiedene Kurse, Workshops, Mentoringprogramme, Coachings und Beratung an.

Zur Autorin

Mila Erni ist wissenschaftliche Praktikantin in der Abteilung für die Gleichstellung von Frauen und Männern an der Universität Bern.