09.05.2018 | Forschung | Gesundheit & Medizin

Der Nachlass von Albert Hofmann: Auf den Spuren von LSD

Vor 75 Jahren entdeckte Albert Hofmann die halluzinogene Wirkung von LSD. Der Nachlass des LSD-Entdeckers befindet sich an der Universität Bern. «uniaktuell» hat Beat Bächi, der den Nachlass beforscht, am Institut für Medizingeschichte besucht.

Von Ivo Schmucki

Wer nicht genau hinschaut, erkennt nichts Spektakuläres: Eine einzige Rollregaleinheit im Archiv des Instituts für Medizingeschichte füllen die Ordner und sauber gestapelten Kartonschachteln mit dem Nachlass von «LSD-Vater» Albert Hofmann. Einer, der aber genau hinschaut, ist Beat Bächi. Seit 2015 beforscht er am Institut für Medizingeschichte den Nachlass im Rahmen eines SNF-Forschungsprojekts. Für ihn ist der Nachlass von Albert Hofmann nicht nur die Geschichte einer Person, sondern der Ausgangspunkt zum Ursprung von Lysergsäurediethylamid, kurz LSD.

Vorträge, Korrespondenz, Selbstversuche

Im ersten Augenblick überrascht es, dass der Nachlass von Albert Hofmann an der Universität Bern liegt. Denn Hofmann war bis zu seiner Pensionierung 1971 mehr als 40 Jahre in Basel beim Novartis-Teilkonzern Sandoz angestellt. «Den Nachkommen von Albert Hofmann war es wichtig, dass mit dem Nachlass Forschung betrieben wird», sagt Beat Bächi. An der Universität Bern ist diese Bedingung erfüllt. So wurde der Nachlass 2013 an das Institut für Medizingeschichte übergeben.

«Es war nicht nur ein Berg Papier. Das Material war von den Nachkommen schon sehr gut geordnet worden. Jetzt ist es hier neu verschlagwortet und verschachtelt», erwähnt Bächi. Der Nachlass umfasst Publikationen, Manuskripte, berufliche sowie private Korrespondenzen. «Auch viele der ersten Selbstversuche mit LSD sind sehr gut dokumentiert.» Persönliche Bilder gibt es hingegen keine. Besonders interessant für die Forschung sind die zahlreichen Vorträge, findet Beat Bächi: «Darunter sind auch solche zu speziellen Themen, wie zum Beispiel LSD als chemischer Kampfstoff.»

«Albert Hofmann war eher bünzlig»

Die vielen Dokumente im Nachlass geben auch Aufschluss über Albert Hofmann als Person. Der weltoffene Übervater, als den ihn die Hippies sehen, sei er nicht gewesen: «Er war wohl eher etwas bünzlig», sagt Bächi. Albert Hofmann war immer dagegen, LSD der breiten Masse zugänglich zu machen. «Seiner Meinung nach ist LSD als Droge etwas für die kulturelle Elite.» Das gilt auch für LSD als Kampfstoff: Er sei nicht etwa gegen Soldaten einzusetzen, sondern gegen den Führungsstab.

Was Beat Bächi an LSD aber noch mehr interessiert als der Entdecker, ist die Substanz. Es gebe ohnehin bereits genug Literatur zu Albert Hofmann selbst. «Ich mache statt einer Biografie der Person eine Biografie des Stoffes.» So handelt die Geschichte seiner Forschung auch nicht von Blumen und Hippies, sondern von Bauern im Emmental und vom Luzerner Hinterland. Ausgehend vom Nachlass folgte Bächi den Spuren des LSD zurück zu seinen Anfängen und gelangte so schliesslich zum Mutterkorn-Anbau auf verschiedenen Bauernbetrieben. Mutterkorn ist ein Pilz, der Roggenähren befällt. Aus dem Pilz kann Lysergsäure gewonnen werden, aus der Albert Hofmann erstmals LSD gewann.

Roggen stand am Anfang der Saatgut-Rechte

«Sandoz besass einen eigenen Gutshof, der das Saatgut züchtete und an die Bauern vertrieb, die den Mutterkorn-Roggen in deren Auftrag anbauten», beschreibt Beat Bächi die damalige Situation. Den vom Gutshof bezogenen Roggen durften die Bauern ausschliesslich für den Mutterkorn-Anbau für Sandoz verwenden. Dieses System hat Auswirkungen bis heute: «Es gab damals zwar noch keine Patente auf lebende Organismen. Aber anhand der Roggenzucht ist die ganze Diskussion um die Eigentumsrechte an Saatgut entstanden.» Die Anfänge von LSD haben also zumindest entfernt einen Zusammenhang mit dem Geschäftsmodell von grossen Saatgut-Multis wie Monsanto. Um diese ganzen Zusammenhänge einzuordnen, hat sich Beat Bächi zwar vom Nachlass losgelöst, aber: «Die Geschichte von pharmazeutischen Stoffen beginnt meist erst in den Fabriken. Hier hat es sich gelohnt, weiter zurückzublicken.»

LSD für Workaholics

Die Geschichte des LSD ist laut Beat Bächi auch die Geschichte der Umdeutung und Umnutzung eines Stoffes: «Zu Beginn wurde LSD nur in der Psychiatrie verwendet. Die Hippie-Droge kam erst später.» Dann war LSD lange von der Bildfläche verschwunden. Und nun wandelt es sich erneut. Microdosing heisst ein neuer Trend, bei dem Substanzen wie LSD in minimalen Dosen eingenommen werden, um eine leistungssteigernde Wirkung zu erzielen. Das erstaunt Bächi: «Es ist eine unglaubliche Transformation. Von einem Stoff mit einem gegenkulturellen Element zu einer zutiefst kapitalistischen und arbeitsfördernden Substanz.» Es sei aber der Beweis dafür, dass ein Stoff seine Nutzung nicht determiniere.

LSD ist in der Schweiz seit 1971 verboten – auch zu therapeutischen und Forschungszwecken. Seit einigen Jahren werden aber wieder Studien zugelassen, etwa an den Universitäten Basel und Zürich. Beat Bächi ist es ein Anliegen, dass auch der Nachlass des LSD-Entdeckers weiter beforscht wird: «Mein Forschungsprojekt läuft 2019 aus. Bisher haben sich erst wenige mit dem Nachlass befasst. Er soll auch weiterhin als historische Quelle genutzt und beforscht werden.»

ZUR PERSON

Dr. sc. Beat Bächi ist seit 2015 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Medizingeschichte der Universität Bern. Sein Forschungsprojekt «Vom Mutterkorn zu LSD» wird vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanziert. Zuvor war Beat Bächi unter anderem Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Archiv für Agrargeschichte in Bern, Co-Leiter einer Nachwuchsforschungsgruppe am Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) an der Universität Bielefeld sowie Lehrbeauftragter am Departement für Informationstechnologie und Elektrotechnik an der ETH Zürich, wo er auch promovierte.

Kontakt

Dr. sc. Beat Bächi
Universität Bern
Institut für Medizingeschichte
Telefon: +41 31 631 84 86
Mail: beat.baechi@img.unibe.ch

DAS INSTITUT FÜR MEDIZINGESCHICHTE

Das Institut für Medizingeschichte der Universität Bern ist eine akademische Lehr- und Forschungsinstitution, die auch grössere Sammlungsbestände betreut. Die Lehre wird vor allem an der Medizinischen Fakultät erteilt und hat zum Ziel, aus historischer Perspektive zur kritischen Reflexion und zum Verständnis der heutigen Medizin beizutragen. Eine Bibliothek, ein wachsendes Archiv und eine grössere Objektsammlung dienen Forschung und Lehre und stehen der breiteren Öffentlichkeit zur Verfügung.

Zum Autor

Ivo Schmucki arbeitet als Redaktor bei Corporate Communication an der Universität Bern.