05.04.2018 | Personen | Gesundheit & Medizin

Besuch eines alten Bekannten

Der Nobelpreisträger Sir Paul Nurse kam Ende März an die Universität Bern, um mit der Biochemischen Vereinigung Bern BVB ihr 100-jähriges Jubiläum zu feiern. In seinem Vortrag erinnerte er sich an seinen Forschungsaufenthalt in den 1970er-Jahren am damaligen Institut für Mikrobiologie der Universität Bern.

Von Ivo Schmucki

«Professor Sir Paul Nurse ist ein wunderbares Beispiel für jemanden, der sich ein Leben lang passioniert einer einzigen Sache widmet. Sein grosses Wissen hilft uns heute dabei, den Krebs besser zu verstehen.» So lauteten die Begrüssungsworte von Vizerektor Forschung Daniel Candinas an den Genetiker und Zellbiologen Sir Paul Nurse. Paul Nurse, Nobelpreisträger für Physiologie oder Medizin, widmete den Grossteil seiner Forschung der Zellreproduktion. Die Techniken zur genetischen Charakterisierung von Spalthefe (eine Gattung der Hefepilze), die für seine Forschung grundlegend sind, erlernte er in den 1970er-Jahren in Bern.

Bevor der Nobelpreisträger aber selbst ans Mikrofon im vollbesetzten Hörsaal am Departement für Chemie und Biochemie trat, galt die Aufmerksamkeit dem Jubiläum der Biochemischen Vereinigung Bern.

Eine Vereinigung, die ihrer Zeit voraus war

Der BVB-Präsident Dimitrios Fotiadis konnte bei seinem Rückblick auf 100 Jahre Biochemische Vereinigung Bern auf einen reichhaltigen Fundus an Dokumenten vergangener Tage zurückgreifen. «Die 1918 gegründete Biochemische Vereinigung Bern hat den Zweck, Naturwissenschaftlerinnen und Ärzte mit kompetenten Persönlichkeiten aus der Biochemie zusammenzubringen», zitierte Fotiadis aus einem alten Tätigkeitsbericht. «Aber wenn ich heute an ein BVB-Seminar gehe, sehe ich jedes Mal auch viele Studierende», merkte er an. «Heute müssten wir das Dokument erfreulicherweise ergänzen.»

Die BVB besteht aus rund 80 Forschenden der Universität Bern sowie Mitarbeitenden von Firmen und der kantonalen und eidgenössischen Verwaltung. Dass die Vereinigung bereits ein Jahrhundert alt wird, ist erstaunlich. Denn die biomedizinische Forschung, die heute zu den Themenschwerpunkten der Universität Bern gehört, war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nicht weit verbreitet. Die BVB wurde auch mit der Absicht gegründet, die Biochemie besser zu etablieren und in die medizinische Forschung zu integrieren.

Damals wie heute fördert die BVB den Austausch von wissenschaftlichem und technischem Wissen. Dazu engagiert sich die Vereinigung in der Organisation und finanziellen Unterstützung wissenschaftlicher Vorträge von Gastreferierenden an der Universität Bern. So auch bei einem Vortrag des spanisch-US-amerikanischen Biochemikers Severo Ochoa im Jahr 1958. Laut der Ankündigung, aus der Dimitrios Fotiadis an der Jubiläumsveranstaltung vorlas, spreche dieser «ein gut verständliches Englisch». Im darauffolgenden Jahr wurde Ochoa der Nobelpreis für Physiologie oder Medizin verliehen. Wie für Paul Nurse war für ihn der Aufenthalt in Bern also ein gutes Vorzeichen.

Ein kleines Gen bringt grosse Ehre

Sir Paul Nurse hielt an der Jubiläumsveranstaltung ein wissenschaftliches Referat mit dem Titel «Controlling the Cell Cycle, how it started in Bern». Darin thematisierte er seine grosse wissenschaftliche Leidenschaft – den Zellzyklus. Dieser Prozess beschreibt, wie sich Zellen, die kleinsten lebenden Einheiten jedes Lebewesens, teilen und fortpflanzen. Paul Nurse entdeckte bei Experimenten mit Spalthefe ein einzelnes Gen, das als zentraler Regulator die gesamte Zellteilung steuert. Die Entdeckung hat unser Verständnis für die Zellreproduktion weit vorangebracht. Die Zellteilung ist nicht nur das Fundament für das Wachstum von Lebewesen, sondern auch für die unkontrollierte Verbreitung von Krebszellen. Deshalb spielen die Erkenntnisse von Sir Paul Nurse auch bei der Entwicklung von neuen Krebstherapien eine wichtige Rolle.

Seine Errungenschaften machten Paul Nurse zu einem hochdekorierten Wissenschaftler. 2001 wurde ihm der Nobelpreis verliehen. Daneben erhielt er unter anderem auch die Copley-Medaille der britischen Royal Society und den Albert Lasker Award. Letzterer zählt zu den höchsten medizinisch-wissenschaftlichen Auszeichnungen der USA und wird auch inoffiziell als «amerikanischer Medizin-Nobelpreis» bezeichnet. 1999 wurde er zum Ritter des Vereinigten Königreichs geschlagen und darf sich seither «Sir» nennen. Nurse war Präsident der britischen Royal Society und 15 Jahre lang Mitglied des Council for Science and Technology, der die britische Regierung und das Kabinett in Fragen der Wissenschaft und Innovation berät. Aktuell ist er Direktor des Francis Crick Institute in London, ein grosses Forschungsinstitut auf dem Gebiet der Biomedizin mit über 1500 Mitarbeitenden.

Profitieren vom grossen Wissensschatz

An seinem Vortrag in Bern zeigte Paul Nurse, dass er nicht nur ein erfolgreicher Wissenschaftler, sondern auch ein dankbarer Mensch ist. Er blickte zurück auf die Anfänge seiner Forschung. Direkt nach seinem Studium in Birmingham und Doktoratsabschluss in Norwich, kam er zusammen mit seiner Frau 1973 (und später 1979 noch einmal) für einen Forschungsaufenthalt nach Bern. «In die Schweiz zu kommen, war sehr aufregend. Busse und Züge fuhren immer pünktlich und in der Migros gab es viel bessere Lebensmittel als in Birmingham», sagte Sir Paul Nurse. Bei Professor Urs Leupold am damaligen Institut für Mikrobiologie, dem heutigen Institut für Zellbiologie, erlernte er die Techniken zur genetischen Charakterisierung von Spalthefe. Die Techniken sollten sich später als grundlegend für seine Forschung zum Zellzyklus herausstellen.

Seinem damaligen Förderer, Urs Leupold, widmete Nurse auch den grössten Dank. Zweimal pro Woche habe er während zwei Stunden ein Einzeltutorium bei Leupold gehabt. «Der Institutsleiter opferte vier Stunden pro Woche, um mir etwas beizubringen. Und er hatte selbst nichts davon. Ich ging nach sechs Monaten wieder ohne an einem seiner Projekte mitgearbeitet zu haben.» Das zeuge von seiner enormen Grosszügigkeit.

In der abschliessenden Fragerunde nutzen Forschungskolleginnen, Weggefährten und Studierende die Gelegenheit, um vom grossen Wissensschatz eines Nobelpreisträgers zu profitieren. Es zeigte sich, dass selbst Paul Nurse noch nicht alle Geheimnisse um die Zellreproduktion gelüftet hat. Die wissenschaftlichen Vorträge der Biochemischen Vereinigung Bern könnten aber dazu beitragen, in Zukunft die eine oder andere Lücke zu schliessen.

Zur Person

Sir Paul Nurse ist Direktor des Francis Crick Institute in London und war Präsident der britischen Royal Society, Chief Executive von Cancer Research UK und Präsident der Rockefeller University in New York. Neben dem Nobelpreis, der ihm gemeinsam mit Leland H. Hartwell und Tim Hunt verliehen wurde, erhielt er auch den Albert Lasker Award sowie die Royal und Copley Medal der Royal Society. Er wurde 1999 in den Adelsstand erhoben, 2003 in die französische Légion d'honneur aufgenommen und war 15 Jahre lang Mitglied des Council for Science and Technology, der die britische Regierung und das Kabinett in Fragen der Wissenschaft und Innovation berät. Aktuell ist er einer von sechs Forschenden des EU Scientific Advice Mechanism (SAM).

DIE BIOCHEMISCHE VEREINIGUNG BERN BVB

2018 feiert die Biochemische Vereinigung Bern (BVB) ihr 100-jähriges Bestehen. Sie besteht aus rund 80 aktiven Forschenden der Medizinischen, der Philosophisch-naturwissenschaftlichen sowie der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern. Zu den weiteren Mitgliedern zählen Mitarbeitende von Firmen sowie der kantonalen und eidgenössischen Verwaltung.

Die Tätigkeit der Vereinigung umfasst insbesondere die Organisation und finanzielle Unterstützung wissenschaftlicher Vorträge von Gastreferentinnen und -referenten aus dem In- und Ausland im Bereich Life Sciences an der Universität Bern. Dies fördert den Austausch von wissenschaftlichem und technischem Wissen und bietet sowohl für Hochschul- als auch Industriewissenschaftlerinnen und -wissenschaftler entsprechende Netzwerkmöglichkeiten.

ZUM AUTOR

Ivo Schmucki arbeitet als Redaktor bei Corporate Communication an der Universität Bern.