16.03.2018 | Personen | Geist & Gesellschaft

«Bern hat mich verführt!»

Die Schriftstellerin und Filmemacherin Xiaolu Guo ist die neunte Friedrich Dürrenmatt Gastprofessorin für Weltliteratur an der Universität Bern. Zum Auftakt ihres Gastsemesters las die gebürtige Chinesin am 13. März in der Burgerbibliothek Bern aus verschiedenen Texten und gewährte Einblicke in ihre filmische Arbeit.

Von Vera Jordi

«Nach dieser Einführung werdet ihr mich für einen intellektuellen Superstar halten», ergreift Xiaolu Guo erstmals das Wort, «aber ehrlich, ich bin nur eine kleine Chinesin, die versucht, zu schreiben.» Die einleitenden Worte von Moderator und Gesprächspartner Prof. Oliver Lubrich scheinen Guo zunächst in Verlegenheit zu bringen, ebenso wie die aufmerksame Stille und die vielen Augen, die im gut gefüllten Hallersaal der Burgerbibliothek auf sie gerichtet sind. Bald schon aber sprudeln die Worte nur so aus ihr heraus und sie erzählt, welche Verbindung sie zur Schweizer Hauptstadt hat: «Bern ist für mich wahnsinnig exotisch und hat mich auf Anhieb verführt. Als ich vor ein paar Jahren zum ersten Mal hier war und an der Aare entlangspaziert bin, habe ich mir gewünscht, eines Tages für eine Weile hier zu leben und zu arbeiten.»

Im Frühling 2018 geht dieser Wunsch für Guo also in Erfüllung. Als sie die Einladung der Universität Bern erhält, ist das für sie ein Zeichen. Bestens vorbereitet – sie habe schon lange heimlich Dürrenmatts Werke studiert – sagt sie zu. Diese Episode aus Guos Leben könnte aus einem Hollywood-Drehbuch stammen. Doch Guos Weg hin zu einer erfolgreichen Autorin, der sie zuletzt nach Bern geführt hat, war steinig und schwer: Ihre Kindheit verbrachte sie grösstenteils in einem Fischerdorf bei ihren Grosseltern, später lebte sie mit ihren Eltern in einer Industriestadt. Ihr Alltag war geprägt von Einsamkeit, Gewalt und Missbrauch. Trotzdem setzte sie durch, dass sie eine höhere Schule besuchen durfte und ergatterte darauf einen Studienplatz an der Pekinger Filmakademie. Mit knapp dreissig Jahren reiste sie nach London, wurde als Flüchtling dort aufgenommen und erhielt ein Stipendium an der nationalen Filmschule.

Zwischen zwei Identitäten

In London angekommen, musste sich die junge Frau allein durchschlagen und fing an, eine völlig fremde Sprache zu lernen. Drei Jahre später veröffentlichte sie ihren ersten Roman Stadt der Steine – auf Englisch. «Ich habe die erste Hälfte meines Lebens auf Chinesisch geschrieben», erklärt Guo, «und seit 15 Jahren schreibe ich fast ausschliesslich in meinem holprigen Englisch. Mit diesen beiden Sprachen habe ich auch zwei literarische Stimmen entwickelt.» Diese Entwicklung sei jedoch für sie unumgänglich gewesen, fügt sie an und zitiert den Philosophen Lugwid Wittgenstein: «Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt».

Lern- und wissbegierig machte sich Xiaolu Guo daran, London in all seinen Facetten zu erkunden und sich in ihre neue Welt zu integrieren, sie für sich zu erobern. Dazu seien Veränderungen des eigenen Denkens und Handelns nötig, wodurch sie – und in gewisser Weise alle Migrantinnen und Migranten – auch eine neue Identität entwickelte. Die Veränderung des eigenen Ichs sei denn auch eine besondere Herausforderung für Kunstschaffende wie sie. Wie kann ein Autor oder eine Autorin in einem neuen Umfeld seine intellektuelle und emotionale Integrität wahren? Diese und ähnliche Fragen beschäftigen Guo durch sämtliche englischsprachige Werke hindurch und sind auch Gegenstand des Seminars über Migrationsliteratur, welches sie aktuell an der Universität Bern unterrichtet.

«Ich würde auch Popsongs schreiben, wenn ich singen könnte»

Neben den fünf englischsprachigen Romanen, die sie seit 2005 veröffentlicht hat, hat sich die Autorin auch mit Dokumentar- und Spielfilmen international einen Namen gemacht: She, a Chinese handelt von der Geschichte der jungen Li Mei, welche sich in England ein Leben aufzubauen versucht. Für diesen Spielfilm wurde Guo 2009 mit dem Goldenen Leopard des Locarno Filmfestivals ausgezeichnet. Für Interessierte ist im Mai ein Filmabend in Bern geplant (siehe Infobox).

An der Auftaktveranstaltung zeigt Guo jedoch einen anderen ihrer Filme: UFO in her Eyes. Dabei kann das Publikum aus der Perspektive der chinesischen Staatspolizei die Ermittlungen gegen eine Bäuerin mitverfolgen, die angeblich ein Ufo gesichtet hat. Zeitgleich lernt man die Präsidentin der kommunistischen Kommune kennen, welche aus diesem Ereignis Profit zu schlagen erhofft: Ein Ufo, das könnte Touristen und Medien anziehen und viel Geld einbringen. Auf diese Weise schafft Guo eine Mischung aus Komödie und Satire des chinesischen Staates. Folglich erstaunt es kaum, dass Xiaolu Guo in ihrem Heimatland kein gern gesehener Gast ist. Um die Dreharbeiten zum Film realisieren zu können, musste sie einerseits europäische Geldgeber finden und andererseits die chinesischen Behörden austricksen.

Vorlage für den Spielfilm war der gleichnamige Roman, der im ungewöhnlichen Stil von Polizeiberichten verfasst ist. Dass Guo dazu von Berichten des FBI abgekupfert hat, welche sie googelte, sorgt für einen weiteren Lacher an diesem Abend. Mit ihrer offenen und geradlinigen Art vermag sie aber nicht nur zu unterhalten, sie trifft auch erfrischend ehrlich den Nagel auf den Kopf. Diese Charakteristika widerspiegelt auch Guos Gesamtwerk, welches von Dokumentar- und Kurzfilmen über Essays und Romane reicht. Die Form des Erzählens sei sekundär, erklärt sie. Ihr ginge es einzig darum, immer wieder neue Geschichten mitzuteilen: «Ich würde auch Popsongs schreiben, wenn ich singen könnte!»

Filmabend «She, a Chinese»

An einem Filmabend am Mittwoch, 9. Mai 2018, wird in Anwesenheit von Regisseurin Xiaolu Guo der Film «She, a Chinese» gezeigt. Die Veranstaltung findet im Kino Rex, Schwanengasse 9, 3011 Bern, ab 18.30 Uhr statt.

Zur Person

Teaser

Xiaolu Guo, 1973 im Süden Chinas geboren, wurde als 20-Jährige an der Pekinger Filmakademie aufgenommen. Später studierte sie an der National Film and TV School in London, wo sie seit 2002 lebt und arbeitet. Zunächst machte sich Xiaolu Guo mit Kurz- und Dokumentarfilmen einen Namen. Mit ihrem achten Film, She, a Chinese gewann sie 2009 den Goldenen Leoparden am Filmfestival von Locarno. Auch als Schriftstellerin ist Guo international erfolgreich: In ihrem Debütroman Stadt der Steine (2005) erzählt sie die Geschichte einer jungen Frau in Peking, die zwischen kulturellen Traditionen und dem Wunsch nach einem neuen Leben hin- und hergerissen ist. Es folgten die Romane Kleines Wörterbuch für Liebende (2008), Ein Ufo, dachte sie (2009), Ich bin China (2015) und zuletzt die Autobiographie Es war einmal im Fernen Osten (2017). Xiaolu Guo schreibt auf Englisch und auf Chinesisch, ihre Werke erschienen in 27 Sprachen.

Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur für Weltliteratur

Der Name Friedrich Dürrenmatt steht für eine vielseitige Weltliteratur in Bern: Der aus dem Kanton stammende Schriftsteller, der an der Universität Bern studierte, verfasste Prosatexte und Essays sowie Arbeiten für Theater und Radio, die in zahlreichen Zusammenhängen und Sprachen wahrgenommen wurden.

Im Herbst 2013 wurde an der Universität Bern die Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur für Weltliteratur eingerichtet. Sie dient der Vermittlung zwischen Wissenschaft und Literatur, Theorie und Praxis, Universität und Öffentlichkeit. Seit dem Frühjahr 2014 unterrichtet in jedem Semester eine internationale Autorin oder ein internationaler Autor als Gast des Walter Benjamin Kolleg an der Universität Bern. Sie oder er gibt eine Lehrveranstaltung, die sich an alle Studierenden der Philosophisch-historischen Fakultät richtet. Zusätzlich zu den Seminaren oder Vorlesungen der Friedrich Dürrenmatt Gastprofessoren werden universitäre und öffentliche Veranstaltungen in Bern sowie an anderen Orten in der Schweiz angeboten.

Die Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur für Weltliteratur wird verwirklicht mit Unterstützung der Stiftung Mercator Schweiz. Sie wird gefördert durch die Burgergemeinde Bern.

Die anglo-chinesische Autorin Xiaolu Guo ist die neunte Friedrich Dürrenmatt Gastprofessorin. Ihre Vorgänger waren im Frühjahr 2014 David Wagner (Berlin), im Herbst 2014 Joanna Bator (Warschau), im Frühjahr 2015 Louis-Philippe Dalembert (Haiti), im Herbst 2015 Wendy Law-Yone (Burma), im Frühjahr 2016 Fernando Pérez (Kuba), im Herbst 2016 Wilfried N’Sondé (Kongo), im Frühjahr 2017 Juan Gabriel Vásquez (Kolumbien) und im Herbst 2017 Josefine Klougart (Dänemark).

Kontakt:

Prof. Dr. Oliver Lubrich
Institut für Germanistik
Länggassstrasse 49
3012 Bern
Tel.: +41 31 631 83 11
oliver.lubrich@germ.unibe.ch

Zur Autorin

Vera Jordi ist Projektassistentin von Prof. Oliver Lubrich am Institut für Germanistik.