15.12.2020 | Forschung | Umwelt & Materie

«In der Klimaforschung spiegelt sich die Umweltgeschichte»

50 Jahre Klimaforschung: Weil die Jubiläumstagung pandemiebedingt ausfallen musste, hat Klimatologie-Professor Stefan Brönnimann einen Film gemacht. Entstanden ist ein sehr persönliches Portrait über Berner Pionierinnen und Pioniere und ein beeindruckendes Stück Wissenschaftsgeschichte.

Interview: Nicola v. Greyerz

Herr Brönnimann, wie kommt es, dass Sie als Professor für Klimatologie zum Filmemacher wurden?

Dieser Film ist ein typisches COVID-19 Projekt, leider. 2020 feiert das Beobachtungsprogramm BernClim und damit eigentlich auch die Klimaforschung am Geographischen Institut sein 50-jähriges Bestehen. Das wollten wir mit den beteiligten Personen, die fast alle noch leben, im Rahmen einer breit angelegten Tagung feiern. Die Pandemie machte uns einen Strich durch die Rechnung. Da ich mich als Nebenfach-Historiker schon immer für Geschichte interessierte, entschied ich mich, die Geschichte halt in einem Film zu erzählen. In unserem Archiv schlummern Unmengen an Super 8-Filmen, VHS-Kassetten und anderes Videomaterial. Ich konnte aus dem Vollen schöpfen. Wegen der Pandemie hatte ich auch die nötige Zeit, da ich in dem Jahr kaum Ferien machte und auch mein Sabbatical in Berlin vorzeitig abbrechen musste.

Was für eine Geschichte wollten Sie erzählen?

Es ist nicht nur eine Geschichte, es sind verschiedene. Einerseits ist des die Geschichte der Klimaforschung am Geographischen Institut. Es ist aber auch die Geschichte von Freundschaften und Biografien in der Klimaforschung. Der Film spiegelt aber auch Umweltgeschichte und die politische Sicht darauf wider– begonnen bei der Raumplanung und der Anti-AKW-Bewegung bis hin zum Waldsterben und der Klimaerwärmung. Klar, die Geschichte der Klimaforschung der Universität Bern hat bereits früher angefangen und dafür hätte man auch andere Personen stärker ins Zentrum rücken müssen. Das war aber nicht die Idee des Filmes.

Sie lassen einen grossen Teil dieser Geschichte durch die beteiligten Personen erzählen – Heinz Wanner, Matthias Winiger, Christian Pfister oder Heinz Zumbühl sind darunter. Welche Erkenntnisse haben Sie aus diesen Gesprächen gewonnen?

Was mich erstaunt hat, ist, wie stark praxisorientiert gearbeitet wurde und wie eng das Ganze verzahnt war mit Anfragen aus der Verwaltung und Politik. Und mit welch einfachen Methoden sie begonnen haben – mit der Beobachtung der Natur, ohne Messgeräte und mit einer Gruppe Personen, die freiwillig und unbezahlt gearbeitet hat. Vom Nationalfonds hätte man für das Forschungsvorhaben BernClim kein Geld bekommen. Von diesen einfachen Beobachtungen und Analysen des lokalen Klimas kam man zur Wissenschaft der Meteorologie und Klimatologie.

Klimaforschung, so wie wir sie heute betreiben, kam erst in den 1990er Jahren auf. Und manchmal spielten auch Zufälle und äussere Umstände eine Rolle, wie sich unsere Methoden entwickelten. Als Bruno Messerli wegen politischer Unruhen sein Forschungsprojekt im Tibesti Gebirge im Tschad abbrechen musste, was der Auslöser, um auf satellitengestütze Beobachtungen umzusatteln. Dass die Satellitenfernerkundung als Ersatz diente für den Feldaufenthalt, war mir in dem Ausmass nicht bewusst. Diese Generation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern hatte das heutige Schlagwort der Interdisziplinarität bereits in den 70er Jahren verinnerlicht. Diese Art zu arbeiten war für sie selbstverständlich – wohl auch geprägt durch Bruno Messerli.

Sie erwähnen Bruno Messerli, den langjährigen Geopgraphie-Professor und ehemaligen Rektor der Universität Bern. Er war eine sehr prägende Figur für die Berner Geographie, oder?

Bruno Messerli war ein Vollblutwissenschaftler. Er war eine innovative Persönlichkeit und hat sehr viele Projekte angerissen. Er war aber auch jemand, der sich stark um den Nachwuchs gekümmert und schnell Verantwortung übergegeben hat. Die Messungen wurden zum Beispiel häufig von Hilfsassistentinnen und Hilfsassistenten geleitet, das kann man sich heute fast nicht mehr vorstellen. Vielleicht führte auch das dazu, dass die Leute in Bern blieben. Das kommt im Film auch sehr schön zur Geltung: Unser Fach war sehr lange sehr stark von Personen aus der Region geprägt. Während die Klimatologie wuchs, hatte der Nachwuchs die Möglichkeit, sich intern zu entfalten.

Bruno Messerli war ein kongenialer Netzwerker und Inspirator auf allen Ebenen. Es war berührend zu sehen, wie die Personen, die mit ihm zusammengearbeitet haben, noch 50 Jahre später leuchtende Augen bekommen, wenn sie über diese Zeit reden.

Sie selbst haben in den 1990er Jahren am Geographischen Institut studiert und kamen 2010 zurück als Professor. Welche Position nehmen Sie in dieser Institutsgeschichte ein?

Ich denke, ich habe eine Scharnierfunktion inne. Als ich 1992 mein Studium an der Uni Bern aufnahm, waren diese Personen alle noch am Institut. Ich habe sie kennen gelernt und wurde von ihnen auch gefördert. Heute als Professor ist es mir wichtig, diese Geschichte vor Augen zu haben. Ich habe Projekte, die zum Teil damals Ihren Anfang nahmen, entweder zu einem guten Abschluss gebracht oder wieder aufgenommen und auf eine neue Weise weitergeführt. Ich mag keine «Loose ends».

Wenn ich auf meine eigene Forscherbiografie schaue, dann merke ich, dass ich heute eine Kombination von all dem mache, was damals, als ich Student war, um mich herum gemacht wurde. Wir arbeiten zwar mit neuen Methoden, schauen uns Klimageschichte global und dreidimensional an und verknüpfen sie mit Wettergeschichte. Aber im Kern ist es immer noch dasselbe. Die Arbeit am Film hat mir dies nochmals sehr deutlich gemacht.

Wenn wir uns einem Thema annähern, seien das Monsunschwankungen, Dürren oder Hochwasser, dann schauen wir immer zuerst mal zurück: Hat es diese Situation schon mal gegeben und wie war diese genau? So kann man aus dem Blick in die Geschichte etwas über die Prozesse in der Atmosphäre lernen. Bei den heutigen Diskussionen um die Klimaerwärmung geht manchmal etwas vergessen, dass es neben den langsamen Veränderungen auch noch dekadische Schwankungen gibt, die dazu kommen.

Zur Person

Stefan Brönnimann ist Geograph und promovierte 2001 an der Universität Bern. Nach einem Postdoktorat in Tucson, Arizona, kehrte er 2004 als Förderprofessor des Schweizerischen Nationalfonds in die Schweiz, an die ETH Zürich, zurück. Seit 2010 ist er Professor für Klimatologie an der Universität Bern. Stefan Brönnimann beschäftigt sich mit dem Wetter und Klima der Vergangenheit. Dazu verwendet er einerseits historische Messungen und Klimamodelle. Er untersucht grossräumige Klimaschwankungen wie Effekte von Vulkanausbrüchen, El Niño oder Schwankungen in den Monsunsystemen sowie auch vergangene Wetterereignisse wie Stürme oder Starkniederschlagsereignisse.

Zum Film

«Über dem Nebel. 50 Jahre Klimaforschung am Geographischen Institut der Universität Bern» ist ein Film von Stefan Brönnimann, produziert am mLAB des Geographischen Instituts der Uni Bern. Mit Saba Baer, Stefan Brönnimann, Jörg Franke, Martin Grosjean, Moritz Gubler, François Jeanneret, Vreni Jost, Thomas Kunz, Jürg Luterbacher, Hans Mathys, Peter Messerli, Regula Mülchi, Olivia Romppainen-Martius, Christian Pfister, This Rutishauser, Heinz Wanner, Matthias Winiger, Stefan Wunderle und Heinz Zumbühl. Deutsch mit englischen Untertiteln.

Zur Autorin

Nicola von Greyerz arbeitet als Eventmanagerin in der Abteilung Kommunikation & Marketing der Universität Bern.