10.12.2020 | Forschung | Geist & Gesellschaft

Mit den Environmental Humanities gegen die Umweltkrise

Die Rolle der Kultur in der Umweltkrise ist Gegenstand eines ambitionierten Forschungsclusters an der Universität Bern. Ein Workshop zum «Ökologischen Imperativ» unter Beteiligung der Künste und internationaler Forschungszentren gibt einer neuen Bewegung in den Geisteswissenschaften ein Gesicht: den Environmental Humanities.

Von Toni Hildebrandt und Peter J. Schneemann

Der ökologische Imperativ 

Vor mehr als 40 Jahren veröffentlichte der Philosoph Hans Jonas einen warnenden Appell an unseren Umgang mit der Umwelt und forderte ein Umdenken im planetarischen Massstab. Das Prinzip Verantwortung (1979) ist der Versuch, einen ökologischen Imperativ für die technologische Welt zu formulieren, wie dies einst Immanuel Kant mit dem kategorischen Imperativ für die Aufklärung unternommen hatte. 

Seit Kant und Jonas ist viel geschehen. Die Klimakrise hat sich verschärft und Katastrophen sind an der Tagesordnung. Hoffnung bleibt trotzdem, denn die Notwendigkeit sich mit ökologischen Fragen auseinanderzusetzen ist heute in weiten Kreisen der Gesellschaft eine Selbstverständlichkeit. Selbst konservative Positionen leugnen den Klimawandel nicht mehr. Das gesamte politische Spektrum sucht nach Lösungsvorschlägen. Die Wirtschaft passt sich daran an.

Die politische Relevanz der Kultur

Man spürt es nicht erst seit Corona: Die Bedeutung der Kultur in unserer Gesellschaft wird unterschätzt, weil sie sich oft nicht einfach vermarkten lässt. Dabei bräuchte es hierfür nur die richtigen Perspektiven und ein geschicktes Umdenken. So fragt ein Forschungscluster an der Universität Bern seit einigen Jahren nach der politischen Relevanz der Kultur im Hinblick auf ökologische Fragen: Wie steht es um den ökologischen Imperativ, wenn ihn die Literatur in Worte fasst, was bewirken die Erfahrungsräume der Kunst, welche Rhetorik steckt hinter komplexen Klimabildern und welche Chancen hat das gesellschaftliche Engagement im Film und die Arbeit mit Gemeinschaften in der Feldforschung?

Neue Synergien für die Environmental Humanities

Aus drei Disziplinen – Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft, Anthropologie – hat sich um Peter J. Schneemann, Gabriele Rippl, Michaela Schäuble, Toni Hildebrandt (alle Universität Bern) sowie Peter Krieger (Nationale Autonome Universität von Mexiko) ein Team gebildet, das sich für die Environmental Humanities einsetzt: für eine neuartige, geistes- und kulturwissenschaftliche Forschung, die analog zu den Natur- und Umweltwissenschaften auf die globale ökologische Krise reagiert. Das Forschungsteam wurde zuletzt mit einem Sinergia-Grant des Schweizerischen Nationalfonds in Höhe von 1,4 Millionen Franken ausgezeichnet, um den ökologischen Imperativ im 21. Jahrhundert von Grund auf zu revidieren. 

Die wesentliche Verschiebung der Frage liegt in der Pluralisierung und Kontextualisierung der Debatte. Statt um eine allgemeine Ethik geht es um mehrstimmige Methoden, einen Austausch mit den Künsten auf Augenhöhe und die internationale Vernetzung mit anderen Akteuren im Kulturbereich, wie etwa an Museen oder Literaturhäusern. Der ökologische Imperativ wurde in dieser Hinsicht nicht vorab definiert, sondern entspricht vielmehr einer offenen Frage an Kultur und die Geisteswissenschaften, inwieweit sie Verantwortung übernehmen können.

Selbstreflexion als Teil der eigenen Arbeit

Die verschiedenen geisteswissenschaftlichen Disziplinen unterscheiden sich in recht grundsätzlicher Weise in ihrem Selbstverständnis, im Entwurf der Rolle der Forschenden als Zeugen, als Beobachtende, als Teilnehmende. Doch ein vernetzter Ansatz ist gerade auf dieser Ebene als zwingend notwendig anzusehen. Er ist vielleicht auch ein Ansatz, der uns bei der grossen Erwartungshaltung der Gesellschaft vor ideologischen Fallen schützt. Denn diese lauern durchaus, man denke an den neuen Nationalismus, der den Umweltschutz instrumentalisieren möchte, oder die Reduktion der Kultur auf ein didaktisches Hilfsmittel.

Der kürzlich an der Universität Bern durchgeführte Workshop zum ökologischen Imperativ diente eben dieser Vernetzung zwischen den geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Die Veranstaltung plädierte in erster Linie für ein Aushalten von Komplexität: Sei dies im Hinblick auf die Ökologien von Stadt und Landschaft, von der Inszenierung der Bergwelt zur englischen Industrialisierung und den Megapolen unserer Zeit, die Kunst- und Architekturhistoriker Peter Krieger und Hannah Baader vom Kunsthistorischen Institut in Florenz bildkritisch referierten, oder auch der Medienkritik des Künstlers und Aktivisten Hans Haacke, die im Zentrum des Vortrags von Ursula Ströbele vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte stand. Der Konzeptkünstler Hans Haacke arbeitet seit den 1960er-Jahren zu ökologiekritischen Fragen. Der ökologische Imperativ seiner Medienkritik stand zuletzt im Zentrum einer Ausstellung zum Verhältnis von Kunst, Natur und Politik.

Literatur als kulturelle Ökologie 

Parallele Entwicklungen zeigen sich in der Literaturwissenschaft. Ursula Kluwick und Virginia Richter vom Institut für Englische Sprachen und Literaturen der Universität Bern präsentierten ihr neues Forschungsprojekt «The Beach in the Long Twentieth Century»: Es zeigt, dass die Perspektive auf den «Komplex Strand» spannende Möglichkeiten eröffnet, einen Grenzort zwischen Natur und Kultur, See und Küste zu imaginieren – wie ihn auch die Gegenwartskunst entworfen hat, etwa im oben abgebildeten Erfahrungsraum der Opera-Performance «Sun & Sea (Marina)» (Biennale von Venedig 2019). Die Diskussion warf die Frage auf, inwieweit nichtmenschliche «Akteure» unserer Umwelt (Seen, Meere, Flüsse, Strände, Berge, Tiere und Pflanzen) analog zum Menschen einen eigenen Rechtsstatus beanspruchen können und sollten.

Gegenstimmen, allen voran von Amerikanist Hubert Zapf, der bereits seit Jahrzehnten zur Literatur als kulturelle Ökologie forscht, gaben zu bedenken, dass Ausstellungen und Bücher doch immer noch von Menschen und für Menschen geschaffen werden; dass der Mensch folglich weiterhin im Zentrum des ökologischen Imperativs zu stehen habe. Ein minimaler Humanismus ist Kern jedes ökologischen Imperativs, fand auch Theologin Silvia Schroer, die aus altphilologischer Perspektive an die ethischen Mahnungen und Forderungen in biblischen Texten erinnerte.

Kann die Kultur Verantwortung übernehmen?

Höhepunkt und Abschluss des Workshops bildete ein optimistischer und eindringlicher Vortrag von Christof Mauch, Direktor des Rachel Carson Center for Environment and Society in München: «Die Verletzlichkeit der Welt und der ökologische Imperativ: Ein Argument für Hoffnung und Aktion», hiess seine Keynote, die aufgrund des grossen Interesses öffentlich gestreamt wurde. Seine Hauptthese: Das Wachstumsmodell der Ökonomie stehe der ökologischen Wende entgegen. Sein Plädoyer: Wir müssen entschleunigen, lokaler und globaler zugleich denken. Auch bei einer pessimistischen Haltung angesichts des fortschreitenden Klimawandels sind doch auch die Zeichen eines grossen Umdenkens beachtlich. 

 

Mauch, dessen Carson Center zu einem der weltweit profiliertesten Forschungszentren gehört, war in seinem Schlussplädoyer klarer und direkter, als sich dies viele Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler zutrauen: Die Verantwortung im Umgang mit dem ökologischen Imperativ liegt primär in der Kultur! Kulturell verstehen wir unsere Vergangenheit und Geschichte. Hier lernen wir ein ethisches Bewusstsein zu kultivieren. Und wo, wenn nicht in Kunst und Literatur, gäbe es spannendere Modelle oder neuere Visionen für die Zukunft?

Das Forschungsprojekt «Ökologischer Imperativ»

Das SNF-Projekt «Mediating the Ecological Imperative: Formats and Modes of Engagement» ist ein gemeinsames Forschungsvorhaben der Institute für Kunstgeschichte, Amerikanistik und Sozialanthropologie der Universität Bern. Zudem wird eine Zusammenarbeit mit der Nationalen Autonomen Universität von Mexiko (UNAM) realisiert. Forschungsschwerpunkte sind die Bildpolitik des Klimawandels, die Rolle ökologischer Fragen in Kunst und Literatur sowie das gesellschaftliche Engagement für die Umwelt in indigenen Kulturen. Den Begriff des Ökologischen Imperativs prägte der Philosoph Hans Jonas bereits mit seinem Buch Das Prinzip Verantwortung (1979), in dem er in Anlehnung an Immanuel Kants «Kategorischen Imperativ» eine ökologische Handlungsmaxime formulierte: «Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden».

Über die Autoren

Dr. Toni Hildebrandt promovierte in Kunstgeschichte und ist gegenwärtig Fellow am Walter Benjamin Kolleg der Universität Bern. Ab Januar 2021 koordiniert er als «Advanced Postdoc» das SNF Sinergia-Projekt «Mediating the Ecological Imperative» (2021-2024).

Prof. Dr. Peter J. Schneemann hat die Professur für Kunstgeschichte der Moderne und der Gegenwart an der Universität Bern inne. Er ist der korrespondierende «Principal Investigator» des SNF Sinergia-Projekt «Mediating the Ecological Imperative» (2021-2024).