23.11.2020 | Forschung | Gesundheit & Medizin

Berner Neurochirurg für Deutschen Zukunftspreis nominiert

Seine Erfindung ging um die Welt: der Neurochirurg Andreas Raabe hat mit Carl Zeiss Meditech eine Bildgebung für Operationen am Gehirn und an der Wirbelsäule entwickelt, die mittlerweile in über hundert Ländern eingesetzt wird. Dafür wurde er für den Deutschen Zukunftspreis 2020 nominiert.

Von Nathalie Matter

Herr Raabe, Sie gehören zu den drei Teams, die dieses Jahr für den Deutschen Zukunftspreis, den Preis des Bundespräsidenten für Technik und Innovation, nominiert sind. Was bedeutet dies für Sie persönlich?

Natürlich eine Überraschung. Und man braucht ein paar Tage, um das zu realisieren, denn der Zukunftspreis ist zumindest in der Öffentlichkeit in Deutschland die höchste Anerkennung für eine Innovation. Dafür als eines der drei letzten Teams nominiert zu sein, ist schon etwas Besonderes.

Worin besteht Ihre Erfindung?

Es handelt sich um ein robotisches Visualisierungssystem, das es der Chirurgin oder dem Chirurgen während der Operation durch spezielle Technologien erlaubt, ins Gewebe hineinzuschauen, durch das Gewebe hindurchzusehen und Unsichtbares sichtbar zu machen.

Inwiefern wurden Operationen am offenen Gehirn oder an der Wirbelsäule verbessert

Es hat hauptsächlich bei Operationen am Gehirn ein neues Zeitalter eröffnet. Jede Chirurgin, jeder Chirurg wünscht sich, Informationen über Strukturen und Funktionen zu erhalten, für die wir die Sinne als Menschen gar nicht haben. Das hat unmittelbare Auswirkungen darauf, ob man einen Tumor vollständig entfernen kann und ob man eine Stelle mit einer bestimmten Funktion – wie das Bewegungszentrum im Gehirn, das eben nicht sichtbar ist – schonen kann. Die Integration von verschiedenen Fluoreszenzbildgebungen, die Augmentierungen, also die Einblendung von Informationen und Konturen im Sichtfeld des Chirurgen, und die robotischen Funktionen liefern relevante Informationen zu kritischen Zeitpunkten. Das heisst, die Chirurgin kann ihre Entscheidung anhand objektiver Informationen treffen und besser operieren: erfolgreicher, schonender und mit weniger Komplikationen.

Sie sind Chirurg und Erfinder – was treibt Sie an?

Als Chirurg treibt mich an, so weit wie möglich Ungewissheiten und Unklarheiten während der Operation zu beseitigen. Ich bin der Meinung, dass gerade wir als Chirurginnen und Chirurgen während unserer täglichen Arbeit direkt merken, was wir uns in einem bestimmten Augenblick der Operation genau wünschen, oder wo wir auch Fehler machen oder Zweifel empfinden. Und dort müssen wir ansetzen, um Lösungen zu finden. Die Technologie entwickelt sich rasant weiter und bietet uns so viele Möglichkeiten wie noch nie zuvor.

Wie wichtig ist das Zusammenspiel von Industrie, Klinik und Translation auf dem Platz Bern für Ihre Arbeit? Besteht in Bern ein «Inkubations-Umfeld»?

Niemand kann heute allein irgendetwas entwickeln oder verbessern ohne Unterstützung durch andere Fachgebiete und Experten. Es ist eine richtige Entwicklung unserer Zeit, dass wir uns «superspezialisieren», und dadurch erkennen wir auch Möglichkeiten, die Medizin zu verbessern. Wir müssen aber auch in der Lage sein, über die Fachgrenzen hinaus zu kommunizieren, mit unseren Kolleginnen und Kollegen in der Physik, der Medizintechnik, der Biomechanik, der Informatik und so weiter. Und die natürlich mit uns. Wenn man sich dann austauschen kann und sich versteht, entstehen Lösungen. Gerade hier ist Bern als Zentrum der Medizintechnik ein idealer Platz für dieses Zusammenspiel. Die Universität, das Inselspital, sitem-insel, die vernetzte Landschaft der Medizintechnik um uns herum, dass alles bietet die besten Voraussetzungen für innovative Entwicklungen.

Video von ZEISS zu den einzelnen Komponenten des Visualisierungssystems KINEVO 900. © ZEISS Medical Technology (International)

Sie hatten ursprünglich Zahnmedizin studiert. Was fasziniert Sie an der Neurochirurgie?

Es ist die Intensität und die Präzision. Und es ist eines der Fachgebiete, die ganz unmittelbar am technologischen Fortschritt hängen und wo wir relativ früh auch neue Entwicklungen umsetzen können. Zahnmedizin hatte ich nur in den ersten beiden Jahren studiert – und das war übrigens auch faszinierend.

Welches ist Ihre Vision einer Medizin der Zukunft?

Da könnte ich einen ganzen Abend lang Szenarien entwerfen, das ist unglaublich spannend. Auch wenn das erst einmal negativ klingt: ich denke, wir werden wissen, woran wir im Laufe unseres Lebens wahrscheinlich erkranken werden, und eine viel engere Vorsorge und Überwachung betreiben. Automatisch, eingebaut in Zahnbürste, Toilette, Kleidungssensoren oder Ähnliches – und statt sich einmal einer Operation eines grossen Tumors unterziehen zu müssen, wird man diese schon anhand der Grösse von kleineren Zellnestern erkennen und nichtinvasiv behandeln können. Dafür möglicherweise aber immer wieder nacheinander. Von anderen Szenarien möchte ich gar nicht anfangen – wie gesagt, ich kann dann nicht wieder aufhören.

Was sind Ihre weiteren Projekte?

Robotik, künstliche Intelligenz, Funktionsschonung mit neuen Verfahren in Neuromonitoring. Und auch ganz wichtig: neue Technologien zur Selektion, Zusammenführung und Austausch von Fachwissen. Ich denke, wir sind dort an einem ganz spannenden Projekt in der Weiterbildung: Eine Wissensbibliothek, welche die Informationsüberflutung für Weiterbildungsassistenten oder Ärztinnen und Ärzte vermindert, die ja ihr Leben lang «up to date »bleiben müssen.

Wie erholen Sie sich eigentlich von all Ihren Aufgaben und Aktivitäten?

Bei meiner Familie, mit dem Mountainbike – indem ich mir tatsächlich Ruhe gönne und verlangsame, wo immer es geht.

Zur Person

Prof. Dr. Andreas Raabe ist Direktor und Chefarzt der Universitätsklinik für Neurochirurgie am Inselspital, Universitätsspital Bern. Seine Spezialgebiete sind mikrochirurgische Operationen am Gehirn und an der Wirbelsäule. Raabe ist Erfinder einer neuen kontinuierlichen Überwachungsmethode bei der Operation von Hirntumoren und hat die mikroskopintegrierte Videoangiographie bei der Operation von Aneurysmen und Gefässfehlbildungen in die Neurochirurgie eingeführt. 2019 erhielt er die «European Lecture» der Europäischen Gesellschaft für Neurochirurgie als Auszeichnung für diese Erfindungen und seinen fachlichen Werdegang. Raabe ist für den Deutschen Zukunftspreis 2020 nominiert.

Kontakt: 

Prof. Dr. Andreas Raabe
Universitätsklinik für Neurochirurgie
Inselspital
3010 Bern
Telefon direkt: +41 31 632 35 35
Email: andreas.raabe@insel.ch

ZEISS KINEVO 900: Innovation in der Mikrochirurgie

Prof. Raabe ist zusammen mit Dr. Michelangelo Masini und Frank Seitzinger von der Carl Zeiss Meditec AG für den Deutschen Zukunftspreis 2020 nominiert – repräsentativ für das gesamte Team. Ihre Innovation ist das 2017 eingeführte robotische Visualisierungssystem «ZEISS KINEVO 900», das Effizienz und Wirksamkeit von Eingriffen in der Wirbelsäulen- und Neurochirurgie verbessert. Mit dem System begann ein neues Zeitalter in der Mikrochirurgie. Wie der Sprung vom herkömmlichen Mobiltelefon zum Smartphone mit seinen umfangreichen Computer-Funktionalitäten ist das «ZEISS KINEVO 900» für Chirurginnen und Chirurgen der Sprung vom Mikroskop zu einer neuen Technologieplattform. Diese verfolgt das Konzept eines robotischen Assistenten der Zukunft, der mit «Live»-Diagnostik und Visualisierungen Unsichtbares sichtbar machen kann. Damit erhalten Chirurginnen und Chirurgen in kritischen Zeitpunkten wichtige Informationen, die die Operation beeinflussen und das Ergebnis für Patientinnen und Patienten verbessern können. Diese Technologie ist so konzipiert, dass sie neue «Live»-Verfahren, neue Robotikfunktionen und neue Visualisierungen integrieren kann. Seit der Einführung des Systems im Frühjahr 2017 hat «ZEISS KINEVO 900» in über hundert Ländern die behördliche Zulassung erhalten. Es wird pro Jahr bei über 300’000 chirurgischen Eingriffen eingesetzt.

Zur Autorin

Nathalie Matter arbeitet als Redaktorin bei Media Relations und ist Themenverantwortliche «Gesundheit und Medizin» in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.