29.04.2019 | Studium | Gesundheit & Medizin

Wenn Ingenieurinnen und Chirurgen im OP zusammenarbeiten

Sie werden dazu ausgebildet, technische Lösungen für klinische Probleme zu entwickeln: die Absolventinnen und Absolventen des einzigartigen Masterstudiengangs Biomedical Engineering der Universität Bern / Berner Fachhochschule und dem angeschlossenen Doktorandenprogramm. Dieses Jahr feiert die BME-Alumnivereinigung ihr zehnjähriges Bestehen.

Von Nathalie Matter, Usha Sarma und Julia Spyra

Der Masterstudiengang Biomedical Engineering, der von der Medizinischen Fakultät der Universität Bern in Kooperation mit der Berner Fachhochschule (BFH) angeboten wird, ist weltweit der wahrscheinlich einzige Ingenieurstudiengang, der ausschliesslich an einer medizinischen akademischen Einrichtung durchgeführt wird. Das Besondere daran: Dieser spezialisierte Studiengang an einer medizinischen Fakultät stellt die Studierenden vor klinische Probleme, die mittels neuartiger Technologien gelöst werden könnten. Das erfordert verschiedene Fähigkeiten. Kürzlich formulierte es der Vizerektor Forschung der Universität Bern, Prof. Dr. Daniel Candinas, in einer Ansprache an künftige BME-Studierende folgendermassen: «Als BME-Absolvierende wird von Ihnen nicht nur erwartet, dass Sie fundierte technologische Entwicklungen vorantreiben und im Labor experimentieren, sondern eben auch, dass Sie Operationen aktiv im OP begleiten, mit Patienten oder Ärztinnen sprechen, und Ihre Arbeit und Ideen vor Unternehmen oder Investoren präsentieren.»

Ausbildung zu Multitalenten

Im Gegensatz zu rein technischen Lösungen, die einem strengen «Ingenieursdenken» entspringen, und die oft nicht aus der Perspektive der klinischen Anwendung hervorgehen, werden die Studierenden mit der klinischen Realität und den konkreten Bedürfnissen von Ärztinnen und Ärzten konfrontiert. Sie besitzen nach ihrem technischen Abschluss zusätzlich umfassende Kenntnisse in Anatomie, Physiologie und klinischer Praxis, sowie ein Verständnis regulatorischer, ethischer und kommerzieller Herausforderungen. Diese werden ihnen bei der Entwicklung von neuen medizinischen Technologien wertvolle Dienste leisten. Die nunmehr 400 Absolventinnen und Absolventen des Studiengangs (seit 2006) sind beruflich als Forschende an international führenden akademischen Institutionen und in der Schweizer und internationalen Medizintechnikindustrie tätig, nicht zuletzt weil sie über fundierte klinische Erfahrungen verfügen.

«Medizinischer Turing-Test»

«Alle unsere Doktoranden müssen den ‹medizinischen Turing-Test› bestehen», sagt Prof. Dr.-Ing. Stefan Weber, Direktor des ARTORG Centers for Biomedical Engineering Research an der Universität Bern. Obwohl die Aussage scherzhaft gemeint ist, steckt doch ein ernster Inhalt dahinter: Mit dem klassischen Turing-Test wird überprüft, ob ein Algorithmus den Eindruck von Intelligenz erzeugen kann, die derjenigen von Menschen gleichwertig ist. Bei diesem Testverfahren stellt eine Person per Tastatur Fragen an zwei unbekannte Gesprächspartner – wobei der eine von beiden ein Computer ist. Wenn der Fragesteller aufgrund der Antworten nicht klar sagen kann, welcher von beiden ein Algorithmus ist, hat der Computer den Turing-Test bestanden.

Beim von Stefan Weber erwähnten «medizinischen» Turing-Test sollen sich promovierte Forschende für eine gewisse Zeit mit einer Ärztin oder einem Arzt fachlich austauschen können, ohne dass diese bemerken, mit einer Ingenieurin oder einem Ingenieur zu sprechen, und nicht mit einer anderen medizinischen Fachperson.

«Ich bin nach Bern zurückgekehrt» 

Nun feiert die Alumniorganisation des BME-Masterstudiengang beim alljährlichen «BME Day» am 3. Mai 2019 ihr zehnjähriges Bestehen. Am BME Day treffen sich künftige, aktuelle und ehemalige Studierende mit Vertreterinnen und Vertretern von Medizintechnik-Firmen, sowohl etablierte Firmen als auch Start-ups und tauschen sich über Projekte aus. Ausserdem können die Teilnehmer einer Live-Übertragung eines orthopädischen Eingriffs direkt aus dem Inselspital beiwohnen.

Auch eine der ehemaligen Absolventinnen der ersten Stunde, Dr. Prabitha Urwyler-Harischandra, wird bei dem Anlass anwesend sein. Sie erhielt 2008 ihren Mastertitel und ist heute Präsidentin der BME-Alumnivereinigung. Ihr Einstieg ist exemplarisch für den breiten Hintergrund der BME-Studierenden: Urwyler-Harischandra hatte einen Ingenieursabschluss in Computerwissenschaften der Mangalore University (Indien). «Ich kam aus beruflichen Gründen in die Schweiz», sagt sie. «Aber nach 10 Jahren in der Software-Industrie war ich nicht mehr mit ganzem Herzen dabei und suchte eine neue Herausforderung.»

Urwyler-Harischandra hatte sich schon immer für medizinische Technologie interessiert und mitverfolgt, wie die Digitalisierung in der Medizin voranschritt. Doch um auf diesem Gebiet tätig zu sein, musste sie sich spezifische medizintechnologische Kenntnisse aneignen, die sie im Berner BME-Masterstudiengang erhielt. Nach ihrem Abschluss ging Urwyler-Harischandra zum Paul Scherrer Institut und schloss ihre Dissertation zu Biosensoren an der Universität Basel ab. «Ich wollte jedoch wieder näher an der Klinik sein, und weil die Erfahrung mit dem BME-Master so positiv gewesen war, kehrte ich nach Bern ans ARTORG Center for Biomedical Engineering Research der Universität Bern zurück.» Am ARTORG Center können Doktoranden ihre Dissertationsprojekte in einer der zehn Forschungsgruppen betreiben. «Ich baute in Bern meine eigene Forschungsgruppe in Healthy Ageing, Neurodegenerative and Brain Injury auf», sagt Urwyler-Harischandra. «Nun bin ich selber BME-Dozentin und setze mich auch dafür ein, dass sich mehr Frauen für den Studiengang begeistern.»

«Eine sehr gute Wahl»

Iwan Paolucci hat den BME-Master erst kürzlich abgeschlossen. Er verfolgt sein Dissertationsprojekt, in dem Ultraschallbasierte Navigation und Robotik in 3D-Schlüsselloch-Chirurgie zum Einsatz kommen, um Eingriffe bei tiefsitzenden und schwer sichtbaren Lebertumoren zu vereinfachen. «Ich bin genauso oft im OP-Saal bei Leberoperationen anzutreffen, wie vor meinem Computer beim Programmieren», sagt Paolucci.

Nach seinem Bachelorabschluss in Computerwissenschaften an der Fachhochschule Luzern begab er sich auf Weltreise, auf der die zufällige Begegnung mit einem orthopädischen Chirurgen sein Interesse am BME weckte. Dieser zeigte sich begeistert von den zahlreichen computergestützten Applikationen in der Medizin und Chirurgie. «Ich liess mich davon anstecken und erwog einen Master mit einem medizinischen Schwerpunkt», sagt Paolucci. Er verglich die Angebote in der Schweiz. «Bern stach klar heraus – mit der Anbindung an eine medizinische Fakultät und einem starken klinischen Curriculum.» Er schloss den Studiengang mit sehr guten Noten ab und zog gleich mit einem Dissertationsprojekt nach, das auf seiner Masterarbeit aufbaut. «Für mich eine sehr gute Wahl, da ich sehr gerne in der Klinik bin und mir ein Projekt in der Forschungsgruppe für bildgestützte Therapien angeboten wurde.»

BME Day 2019

Der Biomedical Engineering Day an der Universität Bern ist ein Netzwerk-Anlass. Studieninteressierte erhalten aus erster Hand Informationen und Empfehlungen von Dozierenden sowie aktuellen und ehemaligen Studierenden. Zum BME Day gehören auch eine Live-OP sowie Präsentationen von Medtech-Unternehmen. Dieses Jahr feiert zudem die BME-Alumnivereinigung ihr zehnjähriges Jubiläum.

Zu den Autorinnen

Nathalie Matter arbeitet als Redaktorin bei Media Relations und ist Themenverantwortliche «Gesundheit und Medizin» in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.

Dr. Ushasari Sarma ist wissenschaftliche Referentin am ARTORG Center for Biomedical Engineering Research der Universität Bern.

Julia Spyra ist Studienkoordinatorin im BME-Master der Universität Bern und organisiert seit 2009 den Biomedical Engineering Day.