08.12.2020 | Forschung | Gesundheit & Medizin

Was unsere Gesundheit bereits sehr früh prägt

Sie untersucht die Wechselbeziehungen zwischen Mutter und Fötus und zeigt auf, welchen Einfluss diese auf das Leben von Mutter und Kind auch lange nach der Geburt haben: Für ihre bahnbrechende Forschung erhielt Amanda Sferruzzi-Perri den mit 100'000 Franken dotierten Hans-Sigrist-Preis an der Universität Bern.

Von Nathalie Matter

«Ich dachte erst, es müsse sich um ein Versehen handeln», lacht die gebürtige Australierin, die an der University of Cambridge forscht, als sie im Zoom-Interview nach ihrer Reaktion auf die Preisbenachrichtigung gefragt wird. «Dieses Jahr war wirklich herausfordernd, und die Nachricht war ein Lichtstrahl – ich hatte Tränen in den Augen!». Den prestigeträchtigen Hans-Sigrist-Preis zu erhalten, sei eine grosse Ehre, nicht nur für sie, sondern auch für ihr Forschungsgebiet. Ausgezeichnet wird Dr. Amanda Sferruzzi-Perri für ihre wegweisenden Arbeiten über die molekularen Signalwege, welche die Wechselbeziehung zwischen Mutter und Kind während der Schwangerschaft regulieren, und deren langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit im späteren Leben beider. Diese Kenntnisse tragen dazu bei, neue Ansätze zu entwickeln, um schwerwiegende Komplikationen wie Schwangerschaftsdiabetes oder Schwangerschaftsvergiftung zu vermeiden und die lebenslange Gesundheit von Müttern und ihrer Kinder zu verbessern.

Spezialistin für ein einzigartiges Organ

«Ich war schon immer fasziniert davon, wie der menschliche Körper funktioniert, und war erstaunt zu erfahren, wie häufig Schwangerschaftskomplikationen sind – sie betreffen eine von fünf Frauen», erinnert sich Amanda Sferruzzi-Perri. Als sie sich auf dem Gebiet zu spezialisieren begann, war wenig darüber bekannt, wie diese Komplikationen entstehen, und noch weniger, wie sie verhindert oder behandelt werden können. Amanda Sferruzzi-Perri doktorierte zu Hormonen im Körper der Mutter, die das Wachstum des Fötus regulieren, und kam so zur Plazenta – einem temporären, aber lebenswichtigen Organ, das sich während der Schwangerschaft bildet. Die Plazenta versorgt den Fötus mit Nahrung und Sauerstoff. Sie sondert auch Botenstoffe ab, darunter Hormone, die den Körper der Mutter so verändern, dass sie dem Fötus Nahrung und Sauerstoff zuführen kann.

Wenn die Plazenta nicht richtig funktioniert, führt dies zu Wachstumsstörungen beim Fötus, mit negativen Auswirkungen für Mutter und Kind. Diese können beim Kind auch dauerhaft sein: weil die sich entwickelnden Organe gegenüber Veränderungen in der Nahrungs- und Sauerstoffzufuhr sehr empfindlich sind, werden sie durch diese Veränderungen in ihrer Funktion gestört – mit lebenslangen Konsequenzen. Dies führt im Erwachsenenalter etwa zu einem erhöhten Risiko, an Diabetes Typ 2 zu erkranken, Herz-Kreislaufprobleme oder Übergewicht zu entwickeln. «Indem wir genauer verstehen, wie die Plazenta gebildet wird, verstehen wir auch besser, wie Schwangerschaftskomplikationen entstehen und wo die Ursprünge von möglichen Krankheiten im späteren Leben liegen. Das Wichtige daran: wir finden hoffentlich heraus, wie man diese verhindern kann», erklärt Amanda Sferruzzi-Perri. Darauf konzentriert sich nun ihre aktuelle Arbeit.

Weitreichende gesellschaftliche Konsequenzen

Christiane Albrecht, Professorin am Institut für Biochemie und Molekulare Medizin und Mitglied des Nationalen Forschungsschwerpunkts TransCure, hat Forschung zu diesen Wechselwirkungen als diesjähriges Wissenschaftsgebiet für den Hans-Sigrist-Preis vorgeschlagen und leitete das Preiskomitee 2020. «Ich finde es hochinteressant, welchen Einfluss Prozesse, die so früh in der Schwangerschaft auftreten, auf das spätere Leben der Mutter und ihrer Nachkommen haben», sagt Christiane Albrecht. So können Probleme bei der Bildung oder Funktionalität der Plazenta zu Fehlgeburten oder Entwicklungsstörungen des Kindes führen. Beides bedeutet eine sehr grosse Belastung für die Eltern. Zudem führen Schwangerschaftskomplikationen beim Kind und auch bei der Mutter zu Gesundheitsproblemen, was auch das Gesundheitswesen belastet. «Die Arbeit von Forschenden auf diesem Gebiet hat einen weitreichenden Einfluss auf unser Wohlbefinden und auf unsere Gesellschaft – daher ist es wichtig, dass diese Forschung mit der Auszeichnung durch den Hans-Sigrist-Preis Anerkennung und mehr Sichtbarkeit erhält», sagt Albrecht.

Auch Väter spielen eine Rolle für eine gesunde Schwangerschaft

Bestimmte Krankheiten im Erwachsenenalter werden also bereits im Mutterbauch «programmiert» – und manche Faktoren nehmen auch schon vor der Schwangerschaft einen Einfluss auf die kindliche Gesundheit, da sie die Eizellen der Mutter verändern können. Dazu gehört, ob die Mutter Stress ausgesetzt war, übergewichtig ist, sich ungesund ernährt, und wie gut ihr Körper die massiven Veränderungen verkraftet, die eine Schwangerschaft mit sich bringen. Auch der andere Elternteil hat einen wichtigen Einfluss: «Wir wissen heute, dass auch bestimmte Faktoren beim Vater eine Rolle spielen bei der Bildung der Plazenta und der Entwicklung des Fötus», sagt Sferruzzi-Perri. So kann etwa Übergewicht beim Vater nicht nur seine Spermien beeinflussen, sondern auch hormonelle Signalwege bei der Mutter während der Empfängnis, die wiederum eine Auswirkung auf die Bildung der Plazenta haben. «Zu Vätern, und ihrem Gesundheitsstatus liegen uns deutlich weniger Daten vor im Vergleich zu den Müttern, aber das ist ein zentraler Bereich, den wir nun zu erforschen beginnen», sagt sie. Ein besseres Verständnis dieser prägenden Faktoren, welche die Plazenta beeinflussen, könnte es Ärztinnen und Ärzten ermöglichen, Paare mit Kinderwunsch gesundheitlich besser zu beraten oder dazu beitragen, verbesserte Therapien zu entwickeln, um Probleme mit der Plazenta während der Schwangerschaft zu vermeiden. So könnten lebenslangen Gesundheitsschäden sowohl beim Kind als auch bei der Mutter vorgesorgt werden.

Hans-Sigrist-Symposium 2020 wird nachgeholt

Das diesjährige Hans-Sigrist-Symposium, an dem die Preisträgerin den Hauptvortrag hält, findet pandemiebedingt statt im Dezember erst im Jahr 2021 statt. Am Symposium werden sich zudem weitere Expertinnen und Experten auf diesem Gebiet äussern. Ebenso konnte der Preis, der traditionellerweise am Dies academicus der Universität Bern im Dezember verliehen wird, nicht persönlich übergeben werden. «Ich bedaure es sehr, dass ich jetzt nicht nach Bern kommen konnte», sagt Sferruzzi-Perri. «Ich bin der Stiftung aber sehr dankbar, dass sie es mir ermöglichen wird, mit Forschenden in Bern neue Projekte zu lancieren. Gerade grössere Projekte können nur im Team bewältigt werden.» So könnten etwa die Plazenta-Gewebeproben, die Christiane Albrecht in Bern für ihre Forschung sammelt, und besonders die von ihr etablierten Techniken im Bereich der Plazentaforschung an Humangewebe für künftige gemeinsame Arbeiten wertvolle Dienste leisten.

Zur Person

  • Geboren 1980 in Melbourne, Australien
  • 2001 Undergraduate degree, Bachelor of Science, University of Adelaide, Australien
  • 2007 PhD, Department of Obstetrics and Gynaecology, Adelaide
  • 2008–2010 Overseas Biomedical CJ Martin Research Fellow, University of Cambridge, UK
  • 2011–2014 Next Generation Fellow, Centre for Trophoblast Research, Cambridge, UK
  • 2015–2019 Royal Society Dorothy Hodgkin Research Fellow, Department of Physiology, Development and Neuroscience, Cambridge, UK
  • Seit 2019 Honorary Associate Professor of Maternal and Fetal Medicine, Women’s Health Institute, University College of London, UK
  • Seit 2019 University Lecturer in Reproductive Physiology, Department of Physiology, Development and Neuroscience, Cambridge, UK

DER HANS-SIGRIST-PREIS

Die Hans-Sigrist-Stiftung ruft jährlich Mitglieder aller Fakultäten auf, Vorschläge für ein Wissenschaftsgebiet einzureichen, in dem der Hans-Sigrist-Preis vergeben wird. Das diesjährige Forschungsgebiet wurde von Christiane Albrecht von der Medizinischen Fakultät vorgeschlagen. Sie wurde vom Hans-Sigrist-Stiftungsrat mit der Zusammenstellung und Leitung des Preiskomitees betraut, das nach einer umfassenden Evaluation von etablierten Forschenden auf dem Gebiet Dr. Amanda Sferruzzi-Perri für den Preis nominierte. Das Preisgeld kann die Gewinnerin oder der Gewinner im Rahmen des Forschungszieles nach freiem Ermessen verwenden.

Zur Autorin

Nathalie Matter arbeitet bei Media Relations der Universität Bern und ist verantwortlich für die Themen Gesundheit und Medizin.