27.11.2018 | Universität |

Wenn Alumni über die Rückkehr des Mammuts diskutieren

Elfenbeinjäger, die nächste technologische Revolution und mitten drin: das Wollhaarmammut. Der Dokumentarfilm «Genesis 2.0» sorgte am Kinoevent von Alumni UniBE für Gesprächsstoff bei den Gästen und in der Talkrunde. Der Anlass war eine Begegnung zwischen Studierenden und Mitgliedern des Alumni-Netzwerks.

Von Ivo Schmucki

«Es ist kein Film für die Debatte pro oder kontra synthetische Biologie. Er ist ein Denkanstoss», sagte Regisseur Christian Frei vor der Vorführung seines neuen Films «Genesis 2.0» am Kinoevent von Alumni UniBE. Er war Anstoss genug, dass die Organisatorinnen und Organisatoren des Abends die 220 zu vergebenden Sessel im Kino CineClub in Bern problemlos füllen konnten. Das Publikum war je hälftig aus Studierenden und Mitgliedern des Alumni-Netzwerks der Universität Bern zusammengesetzt. Sie alle waren gekommen, um gemeinsam den Film zu sehen, die Talkrunde mit Expertinnen und Experten zu verfolgen und sich beim anschliessenden Apéro auszutauschen. Raoul Wanger, Leiter von Alumni UniBE, begrüsste die Gäste und führte zu Beginn gemeinsam mit dem Oscar-nominierten Filmemacher kurz in die Thematik des neuen Dokumentarstreifens ein. Der Film zeige – zwischen Überlebenskampf und Spitzenforschung – starke Gegensätze. Mehr «gespoilert» wurde aber nicht: «Film ab!»

Das Wollhaarmammut zwischen zwei Welten

«Genesis 2.0» ist ein bildstarkes Hin und Her. Auf der einen Seite sind da die jakutischen Mammutelfenbein-Jäger. Sie verbringen den kalten Polarsommer auf den Neusibirischen Inseln im arktischen Ozean vor der Küste Sibiriens. Die Inseln sind ein Produkt des Eiszeitalters und bergen reiche Schätze: Die Jäger suchen im auftauenden Permafrost nach dort konservierten Stosszähnen von Wollhaarmammuts. Es ist ein Überlebenskampf an verschiedenen Fronten. Finden die Männer einen Stosszahn, verkaufen sie ihn auf dem Festland. Wieviel Geld die Männer für ihre Familien mit nach Hause nehmen, hängt von Gewicht und Qualität der Ware ab. Den grossen Gewinn machen aber so oder so die chinesischen Mittelsmänner. Und der Traum vom 90-Kilo A-Klasse Stosszahn bleibt für viele Jäger ein Traum. Stattdessen trotzen sie Tag für Tag der Kälte und den widrigen Bedingungen der Polarregion. Zum Schluss bleibt ihnen die gefährliche Überfahrt in die Heimat.

Im ständigen Wechsel mit der neusibirischen Tundra zeigt «Genesis 2.0» die Welt der Genetik und synthetischen Biologie. Die Kinobesucherinnen und -besucher werden in Aufbruchsstimmung versetzt. Sie werden an internationale Kongresse mit tausenden von Teilnehmenden mitgenommen, besuchen Labors, werden durch die Gebäude der chinesischen Gendatenbank gelotst oder treffen auf den Molekularbiologie-Popstar George Church. Die synthetische Biologie verleiht den Forschenden eine bisher unbekannte Schöpfungskraft. Anders als bei der Gentechnik werden in der synthetischen Biologie Organismen von Grund auf neu erzeugt, in einer Form, die in der Natur nicht vorkommt. Den Zuschauerinnen und Zuschauern wird die nächste grosse technologische Revolution vorausgesagt.

Die beiden Welten finden im Film schliesslich einen Berührungspunkt. Als auf Neusibirien im Jahr 2013 ein sehr gut erhaltener Mammutkadaver mit Fleisch und Haaren gefunden wurde, horchten die Klonforschenden auf. Die Elfenbein-Jäger verdienen sich mit der Erinnerung an das stolze Geschöpf ihren Lebensunterhalt. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler möchten es mit modernster Technik gar auferstehen lassen.

Vieles ist möglich, wie viel tritt ein?

«Genesis 2.0» gipfelt in den Worten eines chinesischen Wissenschaftlers: «Gottes Werk ist noch nicht perfekt. Aber wenn wir zusammenarbeiten, können wir Gott perfekt machen.» Ist die synthetische Biologie wirklich die neue Genesis, wird die Schöpfung neu erfunden? Diese schwierige Frage wurde nach dem Film in der Talkrunde thematisiert. Gemeinsam mit dem Regisseur Christian Frei suchten Sabine Hohl, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie, Gerald Heckel, Professor an der Abteilung Populationsgenetik am Institut für Ökologie und Evolution, und Heinzpeter Znoj, Professor und Direktor des Instituts für Sozialanthropologie, nach Antworten.

«Wenn man Gott mit der Evolution gleichsetzt, dann bedeutet Gott perfekt zu machen, einen etwa 3.5 Milliarden Jahre alten Prozess zu verbessern. Können wir das wirklich noch besser machen? Wahrscheinlich ist das eine naive Haltung», sagte Heinzpeter Znoj. Die Talkrunde wandte sich auch den verschiedenen ethischen Konflikten zu, die der Film beinhaltet. Für Sabine Hohl standen nicht die Fragen rund um die Verwendungsmöglichkeiten von Genmaterial im Zentrum: «Die ethisch nicht vertretbaren Bedingungen, unter denen die Jäger arbeiten, die Ausbeutung, war für mich am augenscheinlichsten.» Zum Abschluss gab es einen Blick in die Zukunft: Wie viel der im Film gezeigten Visionen werden Science Fiction bleiben? «Ein Mammut zu klonen ist seit 10 oder 20 Jahren ein Thema», antwortete Gerald Heckel, «meist versuchte man es mit wenig Erfolg. Aber in Zukunft wird vieles möglich sein. Ob es dann tatsächlich gemacht wird, hängt aber immer von ökonomischen Interessen ab.»

Das Mammut im Stimmengewirr

Für die Mitglieder von Alumni UniBE und die Studierenden am Kinoevent bot der filmische Input viel Denkstoff. Schon in der kurzen Pause wurde rege diskutiert. Und auch beim Apéro an der Kinobar konnte man im Stimmengewirr immer wieder Worte wie «klonen», «Wollhaarmammut», «syntethische Biologie» oder auch «ethisch» vernehmen. «Wenn sich Studierende und arrivierte Studienabgängerinnen und -abgänger beim Gespräch über einen spannenden Film näher kennenlernen, dann ist das Ziel des Kinoevents von Alumni UniBE erreicht», zeigte sich Raoul Wanger nach der Veranstaltung zufrieden.

ALUMNI UNIBE

Im Auftrag der Universitätsleitung fördert Alumni UniBE die Vernetzung der Ehemaligen und deren Verbundenheit mit der Universität Bern. In diesem Kontext veranstaltet Alumni UniBE unter anderem Anlässe, und die Mitglieder profitieren auch von diversen anderen Angeboten und Vergünstigungen.

ZUM AUTOR

Ivo Schmucki arbeitet als Redaktor bei der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.