12.09.2018 | Universität | Umwelt & Materie

Ein Extremhochwasser, das die Schweiz prägte

Im Herbst 1868 wurde unser Land von katastrophalen Hochwassern heimgesucht: Flüsse und Seen traten massiv über die Ufer – und stellten den jungen Bundesstaat vor grosse Herausforderungen. Nun zeigt das Oeschger-Zentrum für Klimaforschung, wie es zu diesem Extremereignis kam uns welche Lehren daraus gezogen wurden.

Von Kaspar Meuli

In einem Video zeigen die Berner Forschenden, mit welchen Methoden sie das Hochwasser von1868 rekonstruiert haben.

 

Sogar der Papst spendete. Als vor 150 Jahren weite Gebiete des Schweizer Alpenbogens in den Fluten versanken, war die Betroffenheit über die Landesgrenzen hinaus gross. Der Bundesrat rief zu einer Spendenaktion auf – sie geriet zur wohl erfolgreichsten Sammlung in der Schweizer Geschichte und stellt auch die Ergebnisse der heutigen Glückskette in den Schatten. Mehr als 3,6 Millionen Franken kamen zusammen, inklusive Naturalien beliefen sich die Spenden auf rund 4 Millionen Franken. Umgerechnet auf heutige Verhältnisse sind das rund 300 Millionen Franken.

Solidarität führt zu Kartoffelbergen

Bloss: Die Massen an Lebensmitteln und Kleidungsstücken stellten die Behörden vor ungeahnte logistische Probleme. Kartoffelsäcke etwa waren bald Mangelware. Und überhaupt mochte sich niemand mehr so richtig an den Kartoffelbergen freuen. Die vom Hochwasser geschädigten Kantone baten, keine Kartoffeln mehr übernehmen zu müssen. «Gerade die Naturalien entsprachen nicht den Bedürfnissen der Betroffenen, die sich vielmehr um ihre längerfristige Existenzsicherung sorgten», schreibt die Berner Historikerin Stephanie Summermatter. Wie 1868 seien auch heute nach Katastrophen die lokale Infrastruktur und die Verwaltung angesichts der Hilfsangebote oft überfordert, so Summermatter: Noch immer werde den Sammelaktionen mehr Aufmerksamkeit geschenkt als den Verteilsystemen.

Stephanie Summermatter ist eine von zwei Dutzend Autorinnen und Autoren der Publikation «1868 – das Hochwasser, das die Schweiz veränderte. Ursachen, Folgen und Lehren für die Zukunft». Die für Nichtfachleute geschriebene Broschüre ist das Resultat einer gemeinsamen Anstrengung diverser Forschungsgruppen des Oeschger-Zentrums (OCCR). Sie zeigt in 19 Beiträgen, wie Hochwasser entstehen, warum die Katastrophe von 1868 bis heute nachwirkt und was sich daraus für die Zukunft lernen lässt.

Extreme Regenmengen in den Bergen

Zurück in den Herbst 1868. Der September war in der Schweiz bereits sehr regenreichen gewesen, als es innerhalb einer Woche zu zwei extremen Regenphasen kam. Von den ersten Starkniederschlägen am 27. und 28. September waren vor allem die Kantone Tessin, Graubünden und St. Gallen betroffen. Die zweite Phase vom 1. bis 5. Oktober schädigte das Tessin, das Wallis und Uri. Auf dem San-Bernardino-Pass fielen innerhalb von acht Tagen 1’118 Millimeter Regen – für die Schweiz ein rekordverdächtiger Wert. Auf beiden Seiten des Alpenkamms führte der Dauerregen zu Überschwemmungen. Der Lago Maggiore erreichte am 4. Oktober 1868 den höchsten je gemessenen Stand. Die Schäden waren nicht nur im Tessin gewaltig, insgesamt kamen in der ganzen Schweiz 51 Menschen in den Fluten ums Leben.

Heute können diese Ereignisse detailliert rekonstruiert werden. Ausgehend von einer Wetterrekonstruktion lassen sich mit einer Reihe von Modellen der Abfluss, der Seespiegel und schliesslich die Überschwemmungsflächen nachmodellieren. In diesen Modellen kann die Wirksamkeit von Massnahmen getestet werden. So zeigte sich, dass heute in der Magadinoebene von einem gleich grossen Ereignis rund 3’000 Häuser nicht mehr betroffen wären. Mit anderen Worten: Die getroffenen Schutzmassnahmen zeigen Wirkung. Die wissenschaftliche Aufarbeitung zeigt also, wie die Katastrophe vor 150 Jahren dazu führte, dass wir heute besser mit Hochwassern umgehen.

«Beim Umgang mit der Katastrophe von 1868 wurden Weichen für den künftigen Umgang mit Naturkatastrophen gestellt», erklärt Stefan Brönnimann, der Leiter der OCCR-Gruppe für Klimatologie und Koordinator des interdisziplinären Forschungsprojekts. «Neben der Bewältigung der enormen Schäden beschleunigte das Ereignis auch ein Umdenken beim Hochwasserschutz und verhalf dem Forstgesetz zum Durchbruch, das die Bergwälder unter Schutz stellte. Ob Siedlungsflächen, Flussverbauungen oder Bergwald – ohne die Extremereignisse von 1868 sähe die Schweiz heute anders aus.»

Fruchtbarer Austausch unterschiedlicher Disziplinen

Am Anfang des Projekts «1868» stand die Frage, wie gut sich mit den heutigen Mitteln und Analysetechniken vergangene Starkniederschlagsereignisse, Hochwasser und deren Folgen nachbilden lassen. Daraus sollten sich Lehren für die Zukunft ziehen lassen. Um ein Ereignis wie jenes von1868 quantitativ nachzubilden, braucht es eine ganze Kette von Methoden. Zur Rekonstruktion des Wetters aus vergangenen Messdaten verwendet die Wissenschaft sogenannte Reanalysen. Das sind Wetterdatensätze aus der Kombination von Messdaten und Wettervorhersagemodellen. Dank einer räumlichen Verfeinerung dieser Reanalysen und mittels hydrologischen und hydraulische Modellen lässt sich schliesslich die Wahrscheinlichkeit einer Überschwemmung sehr kleinräumig berechnen.

Doch bei der Aufarbeitung des Extremereignisses von vor 150 Jahren rückten bald auch die Wechselwirkungen zwischen Umwelt und Gesellschaft in den Fokus. So dass sich im Oeschger-Zentrum schliesslich Methoden und Vorgehensweisen von Atmosphärenwissenschaften, Hydrologie, historischer Betrachtung und Risikoforschung ergänzten, was zu einem fruchtbaren Austausch führte.

PUBLIKATION

Die Broschüre «1868 – das Hochwasser, das die Schweiz veränderte. Ursachen, Folgen und Lehren für die Zukunft» steht unten zum Download bereit; ebenfalls kann die gedruckte Ausgabe bestellt werden.

DATENBANK

Obwohl Hochwasser in der Schweiz regelmässig grosse Schäden, gehen sie schnell wieder vergessen. Innerhalb weniger Jahren sind sie aus dem Bewusstsein der Bevölkerung verschwunden. Um dem entgegenzuwirken, baut das Mobiliar Lab für Naturrisiken der Universität Bern eine interaktive Bilderdatenbank zu Hochwasserereignissen auf, das «Kollektive Überschwemmungsgedächtnis».

OESCHGER-ZENTRUM FÜR KLIMAFORSCHUNG (OCCR)

Das Oeschger-Zentrum ist das Kompetenzzentrum der Universität Bern für Klimaforschung. Es wurde im Sommer 2007 gegründet und trägt den Namen von Hans Oeschger (1927-1998), einem Pionier der modernen Klimaforschung, der in Bern tätig war. Das Oeschger-Zentrum bringt Forscherinnen und Forscher aus neun Instituten und vier Fakultäten zusammen und forscht disziplinär und interdisziplinär an vorderster Front. Erst die Zusammenarbeit von Natur-, Human-, Sozial-, Wirtschafts- und Rechtswissenschaften kann Wege aufzeigen, wie sich dem globalen Klimawandel auf unterschiedlichsten Ebenen begegnen lässt: regional verankert und global vernetzt.

ZUM AUTOR

Kaspar Meuli ist Journalist und PR-Berater. Er ist verantwortlich für die Kommunikation des Oeschger-Zentrums für Klimaforschung.