26.01.2018 | Forschung | Gesundheit & Medizin

Alternativmethoden in der Tierversuchsforschung fördern

Ein Lungen-Chip der Universität Bern hilft heute Tierversuche zu vermeiden und war eines von zahlreichen erfolgreichen Projekten in 30 Jahren Stiftung 3R. Am Montag, 22. Januar wurde die Stiftung, die zwecks Förderung von Forschungsprojekten zur Vermeidung, Reduktion und Ersatz von Tierversuchen gegründet worden war, an einem Symposium verabschiedet. Zudem wurde das Kompetenzzentrum 3RCC vorgestellt, das die Stiftung Forschung 3R nun ablöst.

Brigit Bucher und Nathalie Matter

Für Kosmetik und Haushaltsprodukte dürfen in der Schweiz seit 1995 keine Tierversuche mehr durchgeführt werden. Um neue Therapien gegen Krankheiten wie Krebs, Demenz oder Diabetes zu entwickeln, sind zum heutigen Zeitpunkt Tierversuche in der biomedizinischen Grundlagenforschung aber noch immer nötig und werden dementsprechend bewilligt. 

Dabei finden die 3R-Prinzipien Reduce (Reduktion der Anzahl benötigter Tiere im Versuch), Refine, (Verminderung der Belastung der Tiere bei der Haltung und im Versuch) und Replace (Ersatz von Tierversuchen mit geeigneten Alternativmethoden) immer mehr Beachtung in der Forschung. Die Zahl der eingesetzten Tiere ging laut Schweizer Tierversuchsstatistik seit 1983 um über zwei Drittel zurück. In der Schweiz stand am Anfang dieser Entwicklung die Stiftung Forschung 3R. Die Gründung der Stiftung war eine europäische Pioniertat und ging zurück auf das gemeinsame Engagement des Parlaments, des Tierschutzes, der Interpharma und des Bundesamtes für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Zweck der Stiftung Forschung 3R war, die Forschung auf dem Gebiet der Alternativmethoden zu Tierversuchen und die Verbreitung der 3R-Grundsätze zu fördern.

Bund und Interpharma stellten der Stiftung Forschung 3R seit 1987 paritätisch rund 24 Millionen Franken zur Verfügung. Bis Ende 2016 wurden Projekte und andere Unterstützungen mit einem Gesamtbudget von ca. 20 Millionen Franken genehmigt. Mit diesem Geld wurden 146 Forschungsprojekte unterstützt sowie der Verwaltungsaufwand und die Projektevaluation und –begleitung finanziert. Im Durchschnitt entfielen rund 140’000 Franken auf ein Projekt. 

Nach 30 Jahren wurde der Stiftung mit einer Abschiedsveranstaltung im Inselspital Bern gedankt. Verschiedene Referentinnen und Referenten würdigten die Tätigkeiten und Erfolge der Stiftung und verdeutlichten die aktuelle 3R-Forschung sowie deren Umsetzung. Rund 140 Personen aus Politik, Behörden, Wissenschaft, Tierschutz und Industrie nahmen an dieser Veranstaltung teil.

Die menschliche Lunge nachahmen

Am Abschiedssymposium wurden zwei Forschungsprojekte der Universität Bern vorgestellt, die von der Stiftung Forschung 3R gefördert worden waren.

Das Projekt «An advanced in-vitro model of pulmonary inflammation based on a novel lung-on-chip technology» von Olivier Guenat vom ARTORG Center for Biomedical Engineering und Stefan Freigang vom Institut für Pathologie hat zum Ziel, eine Alternative zu Tierversuchen in der Lungenforschung aufzubauen. Auf einem Plättchen, einem sogenannten Chip, der gemeinsam mit der Universitätsklinik für Pneumologie und der Universitätsklinik für Thoraxchirurgie entwickelt wurde, bilden die Forschenden ein miniaturisiertes Modell einer menschlichen Lunge nach, indem sie lebende menschliche Zellen verwenden, mit denen sie den Aufbau und die Prozesse der Lunge möglichst realitätsgetreu nachahmen. Um die industrielle Produktion des Chips voranzutreiben, hat Guenat die Firma Alveolix gegründet.

Laut WHO verursacht Luftverschmutzung pro Jahr mehr als 3 Millionen vorzeitige Todesfälle weltweit. Dass Feinstaub die Atemwege schädigt, ist nachgewiesen, aber welche Eigenschaften der Nanopartikel dafür verantwortlich sind, und wie gross die Risiken sind, die von Nanopartikeln aus industriellen Prozessen oder Konsumgütern wie Sprays ausgehen, ist noch unklar. Prof. Dr. Marianne Geiser Kamber vom Institut für Anatomie hat ein System entwickelt, in dem sich die Interaktion Partikel-Lunge bei physiologischen Bedingungen in vitro untersuchen lässt. Ihre «Nano Aerosol Chamber for In-Vitro Toxicity» kann nun als Alternative zu Tierversuchen eingesetzt werden, um etwa die gesundheitlichen Auswirkungen der Exposition mit Aerosolen von e-Zigaretten oder von Flugzeugturbinenabgasen zu untersuchen.

Ablösung der Stiftung durch das Schweizerischen Kompetenzzentrum 3RCC

Um die Unterstützung für 3R zu verstärken und die Universitäten, an denen die Forschung und Ausbildung stattfindet, mehr einzubeziehen, wird nun die Stiftung 3R durch das Schweizerische Kompetenzzentrum 3RCC abgelöst. Das Konzept dafür wurde von der Rektorenkonferenz der schweizerischen Hochschulen swissuniversities im Auftrag des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation SBFI und des BLV in Zusammenarbeit mit Interpharma, dem Schweizerischen Nationalfonds und dem BLV ausgearbeitet. Das Zentrum hat zum Ziel, die 3R-bezogene Methodenentwicklung in den Hochschulen zu verankern, sowie die Forschenden durch Aus- und Weiterbildung für die 3R-Thematik zu sensibilisieren. Zudem soll ein Informationssystem zur 3R-Forschung aufgebaut werden. Geführt wird das nationale Kompetenzzentrum durch einen Verein, der an der Universität Bern angesiedelt ist. Weiterhin zentral soll der Dialog zwischen Forschung, Tierschutz und Politik sein. 

«Mit der Realisierung des 3R-Kompetenzzentrums engagieren sich die Schweizer Hochschulen, der Bund, Interpharma und der Schweizer Tierschutz noch stärker für die Verfeinerung, die Reduktion und den Ersatz von Tierversuchen», sagt Christian Leumann, Rektor der Universität Bern und Präsident der Delegation Forschung von swissuniversities. Die neue Organisationsform biete klare Vorteile: «Tiere werden besser geschützt, die Forschung wird solider und die Lehre effizienter, innovative Technologien können leichter entwickelt und die Gesellschaft besser informiert werden».

Das Schweizerische Kompetenzzentrum 3RCC

Das Schweizerische Kompetenzzentrum 3RCC ist ein Verein. Zu seinen Mitgliedern zählen elf Hochschulen (sieben Universitäten inklusive angeschlossenen Universitätsspitäler, die beiden ETH und zwei Fachhochschulen), Interpharma, der Schweizer Tierschutz sowie das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV). Der Verein ist an der Universität Bern angesiedelt. An den budgetierten Kosten des Kompetenzzentrums von insgesamt 10,41 Millionen Franken in den Jahren 2017-2020 beteiligen sich nebst dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) auch das BLV, die Hochschulen über sogenannte Matching-Funds und die Privatwirtschaft.

Zu den Autorinnen

Brigit Bucher arbeitet als Leiterin ad Interim Corporate Communication an der Universität Bern. Nathalie Matter ist Redaktorin PR/Media bei Corporate Communication.