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Umwelt & Natur

05.04.2013

Schneeschmelze macht noch kein Hochwasser

Verlässliche Vorhersagen über Hochwasser zu treffen ist schwierig – insbesondere was deren Schweregrad anbelangt. Der Berner Hydrologie-Forscher Ole Rössler hat untersucht, welchen Einfluss die Schneemenge hat und wie wichtig die Witterung ist.

Von Sandra Flückiger

Schnee ist ein wichtiger Speicher von Niederschlägen – allerdings nur bis zur Schneeschmelze. Dann sind Hochwasser, vor allem in den Alpen, keine Seltenheit. Doch deutet die Menge an liegendem Schnee bereits auf Hochwasser hin? Und darauf, wie schwer diese ausfallen? Die Beantwortung dieser Fragen liefert Grundlagen, um bestehende Vorhersagemodelle zu verbessern. Dieser Aufgabe geht der Berner Geograf Ole Rössler am Beispiel des grossen Hochwassers im Berner Oberland und Wallis im Oktober 2011 nach. Die Ergebnisse seiner Studie stellte er am «Tag der Hydrologie 2013» vor, der vom 4. bis 6. April an der Uni Bern stattfand.

Hydrologe Ole Rössler im Lötschental, wo das unerwartet grosse Hochwasser im Oktober 2011 massive Schäden verursachte. (Bild: zvg)

Schnee ist wie ein Schwamm

Der Auslöser des Hochwassers im Herbst 2011 war ein kurzer Schneefall mit darauf folgendem heftigem Regen. Vorhergesagt wurde damals gemäss dem Hydrologen höchstens ein kleines Hochwasser – niemand hatte erwartet, was dann wirklich geschah: überflutete Bäche, Murgänge, Stromausfälle, gesperrte Strassen, unterbrochene Bahnlinien, Evakuationen und Millionenschäden an der Infrastruktur am Fusse der Alpen. «Es stellt sich die Frage, warum man dies nicht genauer vorhersagen konnte», sagt Rössler.

Die Situation scheint einfach: Der ungewöhnlich früh – bereits im Oktober – gefallene Schnee verhielt sich wie ein Schwamm, der den Regen aufsog. Als der Schnee durch die starke Temperaturerhöhung schmolz, floss das gesamte Wasser konzentriert ab. Doch im Detail ist alles hochkomplex: Erst gab es Schnee bis 1500 Meter über Meer, dann stieg die Schneefallgrenze innerhalb eines halben Tages bis auf 3000 Meter über Meer an. «Der Schnee in diesem Bereich fing an zu schmelzen und setzte das Regenwasser frei. Gleichzeitig lieferte die Kondensation der feuchten Luft über der Schneedecke weitere Schmelzenergie», rekonstruiert Rössler das Geschehen. Die Schneemenge habe das Hochwasser nur bedingt verursacht – entscheidend sei das «richtige» Zusammenspiel der verschiedenen Witterungsfaktoren gewesen.

Die Simulation (s. auch Link) zeigt oben Temperatur (rot), Schneefall (gelb) und Regen (blau), unten die Abflussmenge des Wassers. (Bild: Ole Rössler, Oeschger Zentrum)

Verschiedene Varianten des Hochwassers

Aufgrund der meteorologisch interessanten Erkenntnisse aus dem sogenannten Regen-auf-Schnee-Ereignis entwickeln die Berner Forschenden vom Geographischen Institut und dem Oeschger Zentrum für Klimaforschung ein hydrologisches Modell, um in Zukunft solche Hochwasser besser vorherzusagen. «Wenn wir wissen, dass ein Regen-auf-Schnee-Ereignis bevorsteht, könnte man mit unserem Modell verschiedene Varianten simulieren sowie eine Wahrscheinlichkeit und eine Grössenordnung des Hochwassers vorhersagen», erläutert der Forscher. Somit könnte unter anderem ein Worst-Case-Szenario skizziert werden. Ganz so weit ist es aber noch nicht: Rössler wird sich nun «sicherlich noch ein halbes Jahr» mit diesem Modell beschäftigen und es weiterentwickeln – um die Ergebnisse dann mit seinem Hauptforschungsinteresse in Verbindung zu bringen: dem Klimawandel.

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