Schwalben halten sich nicht an Bauernregel
Schwalben taugen nicht als Wetterfrösche: Ihre Flughöhe ist nicht so klar Wetter abhängig, wie der Volksmund sagt. Ein Biologe aus Bern widerlegt eine Bauernregel.
Von Bettina Jakob
«Fliegen die Schwalben in den Höh’n, kommt ein Wetter das ist schön.»
Das ist eine der vielen Bauernregeln, aus alten Zeiten überliefert und
bis heute in den Alltag übertragen. Wieviel Wahrheit sie tatsächlich
beinhalten, wurde bisher selten quantitativ überprüft. Anders sieht das
nun bei der Schwalben-Regel aus: Der Biologe Peter Biedermann, der an
der Ethologischen Station Hasli an der Uni Bern tätig ist, kann Daten
vorweisen, welche die Regel widerlegen. Ganz kategorisch will es
Biedermann nicht formulieren – aber: «Unsere Befunde mahnen, Vorsicht
über solche lineare Erklärungsmodelle – wie ebendiese Bauernregel
– walten zu lassen.» Wetterprognosen anhand von Tierverhalten
seien fragwürdig, weil dieses von vielen inneren und äusseren
Einflussfaktoren bestimmt werde. Aus der vorliegenden Studie geht
jedenfalls klar hervor: Schwalben fliegen bei schlechtem Wetter nicht
tiefer als bei Sonnenschein.
Schwalben fliegen nicht nach Volksweisheiten. (Bild: istock.com)
Der Sonnenschein ist nicht einziger Faktor
Biedermann führte die Untersuchungen zusammen mit seinem Kollegen
Martin Kärcher, der an der University of Sheffield forscht, im Südweststeirischen Hügelland in Österreich durch. An
vier Standorten von insgesamt 6,6 Hektaren Grösse registrierten die
Biologen die Aktivität der Schwalbenkolonien; rund 350
Mehlschwalbentrupps und 950 Rauchschwalbentrupps wurden beobachtet.
Zusätzlich notierten die Forscher Witterungsbedingungen wie Bewölkung,
Luftfeuchtigkeit, Luftdruck, Windstärke, Sichtweit und Temperatur.
Folgende Resultate kamen heraus: Die Flughöhe der Rauchschwalben ist
nicht Wetter abhängig – und die Mehlschwalbe fliegt entgegen der
Bauernregel sogar signifikant tiefer, wenn die Sonne scheint.
Allerdings fällt auf, dass beide Arten bei schlechtem Wetter – also bei
einer Bewölkung von über 50 Prozent – aktiver im Beobachtungsgebiet
unterwegs waren. Biedermann führt dies darauf, zurück, dass die Vögel
bei schönem Wetter ihren Aktionsradius ausweiten, um ergiebigere
Nahrungsquellen zu finden.
Wie sich die Beutetiere bewegen
Schwalben passen ihre Futtersuche offenbar sehr schnell den lokalen und
situativen Verhältnissen an. Von dieser Beobachtung müssen auch die
Verfasser der Bauernregel ausgegangen sein, wie Biedermann sagt –
was eigentlich auch der richtige Ansatz sei: «Bei schönem Wetter
erwartet man aufgrund der Thermik durch die Sonneneinstrahlung, dass
die Beutetiere der Schwalben, kleine Insekten also, höher hinauf
getragen werden. Was folgern lässt, dass auch die jagenden
Vögel höher fliegen müssten», erklärt Biologe Biedermann. An diesem
Punkt setze jedoch eine mögliche Fehlinterpretation an: Die Thermik
wird zwar durch die Sonneneinstrahlung beeinflusst, aber auch durch den
vorherrschenden Luftdruck. Und tatsächlich ist der Luftdruck bei
schönem Wetter grundsätzlich höher, wie die Meteorologie sagt –
«allerdings nur bei beständig schönem Wetter», fügt Biedermann an.
Ist das Wetter wechselhaft, wie es während der Feldstudie von
Biedermann und Kärcher der Fall war, kann der Luftdruck auch bei
Sonnenschein tief sein. «Und so fliegen die Schwalben auch bei
Schönwetter mal knapp über dem Boden.»