Wie Mathe dem Salamander helfen kann
Warum nimmt eine Tierpopulation ab? Gibt es zuwenig Junge oder sterben zu viele ältere Tiere? Trotz oft lückenhafter Daten kann Biologe Michael Schaub auf die Gründe zurückschliessen. Für seine Modelle hat er den Umweltforschungspreis erhalten. Am Dienstag, 19. Februar, finden die Vorträge statt.
Von Bettina Jakob
Der leuchtend gelb-schwarze Feuersalamander steht auf der Roten Liste.
Wichtig für diese gefährdeten Tierarten ist, die Gründe von
Bestandesrückgängen herauszufinden, um geeignete Schutzmassnahmen zu
ergreifen. Michael Schaub von der Abteilung «Conservation Biology» an
der Universität Bern hat Rechnungsmodelle entwickelt, aus denen man
trotz lückenhafter Datensätzen die Dynamiken von Populationen
herauslesen kann. «So lassen sich Informationen über eine Art
rekonstruieren, auch wenn über eine gewisse Zeit keine Daten
vorliegen», erklärt Schaub. Für seine Habilitation hat er den Berner
Umweltforschungspreis erhalten, den er mit dem zweiten Preisträger, dem
Geographen Thomas Breu teilt (siehe Kasten).
Steht auf der Roten Liste: der Feuersalamander. (Bild: Adrian Aebischer/zvg)
Daten über 20 Jahre gesammelt
Dem Feuersalamander ist eine Fallstudie von Schaub gewidmet, welche die
theoretischen Modelle praktisch beleuchtet: Zwei Populationen von
Salamandra salamandra in Deutschland verhielten sich völlig
unterschiedlich. Während am einen Standort die Zahl der Tiere über die
Jahre hinweg gleich blieb, ging sie andernorts drastisch zurück. «Es
stellte sich die Frage, ob weniger Junge zur Welt kamen, oder ob die
Mortalität der Adulttiere stieg», so Schaub. Für seine Hochrechnungen
stützte er sich auf die Beobachtungen von Reiner Feldmann, der als
Privatperson rund 20 Jahre lang die Feuersalamander an den beiden
Standorten fotografierte. «Die Vergleiche der Bilder zeigten, welche
Individuen in welchen Jahren da waren, und in welchen nicht», erklärt
Schaub. «Doch eine Sicherheit, ob ein Tier zum Beispiel tatsächlich tot
ist oder lediglich nur nicht vor die Kameralinse lief, gibt es nicht.»
Modell hilft Rückschlüsse machen…
Diese Wissenslücken füllt schliesslich das populationsbiologische
Fang-Wiederfang-Modell: Aufgrund der Wahrscheinlichkeit, mit welcher
ein gefangenes Tier – im vorliegenden Fall ein gesichteter Salamander –
nach einem Fang bei einer nächsten Stichprobe erneut gefangen wird,
kann man schiesslich die Entdeckungs- und die Überlebensrate eines
Tieres eruieren. Auch die Möglichkeit, dass ein Tier neu in der
Population auftaucht – durch Geburt oder Zuwanderung – lässt sich durch
statistische Rechnungen abschätzen. «Halten sich Mortalität und
Neuzugang die Waage, bleibt die Grösse der Population gleich», so
Schaub. Für genaue Berechnungen sind Daten über möglichst viele Jahre
vonnönten. Eine Tatsache, die Schaub oftmals mit Privatpersonen
zusammenarbeiten lässt, die über lange Zeit als Hobby irgendwo eine
Vogelkolonie oder eine Amphibienpopulation beobachten.
Die unterschiedliche Entwicklung der beiden
Salamander-Populationen: Während sich die eine (obere Daten) immer
wieder erholt, nimmt die andere stetig ab. (Grafik: zvg)
…und konkrete Massnahmen erarbeiten
Schaubs Berechnungen förderten im Salamander-Fall Interessantes zutage:
Die schwindende Zahl Tiere der einen Population war nicht etwa durch
Fluktuationen beim Zuwachs begründet, von welchen die gängigsten
Hypothesen ausgehen. «Wir konnten klar zeigen, dass der Rückgang durch
die Mortalität bei den Adulttieren entstand», so Schaub. Eine
Erkenntnis, die einen wichtigen Ansatz für Schutzmassnahmen nach sich
ziehen kann: Im untersuchten Fall bedarf nämlich nicht etwa das Habitat
der Salamander-Larven einer Überprüfung, sondern es muss vielmehr der
Lebensraum der ausgewachsenen Tiere begutachtet werden.
Ein Vergleich mit dem Standort der gleich bleibenden Population hat
ergeben, dass im Habitat der schwindenden Population immer mehr
Nadelhölzer gepflanzt wurden. «Möglichweise beeinträchtigt dies die
ausgewachsenen Feuersalamander, die gerne im gemischten Laubwald
leben», meint Michael Schaub.