Recht & Wirtschaft
21.12.2011
Wirtschaftlicher Niedergang führt in armen und autoritär regierten Ländern zu heftigen sozialen Unruhen. Drei Berner Wirtschaftswissenschaftler belegen ihre Theorie anhand von ökonomischen und klimatischen Daten aus Afrika.
Von Matthias Meier
Sie wollen herausfinden, wie sich wirtschaftliche Krisen in autokratisch, das heisst in wenig demokratisch regierten Staaten auf den sozialen Frieden auswirken: Die drei Volkswirte Christian Almer, Jérémy Laurent-Lucchetti und Manuel Oechslin vom Departement für Volkswirtschaftslehre, dem World Trade Institute und dem Oeschger Zentrum der Uni Bern untersuchen den Zusammenhang zwischen negativen wirtschaftlichen Schocks und sozialen Unruhen in Entwicklungsländern.
«Ein negativer ökonomischer Schock ist eine plötzliche Verminderung der Wirtschaftsleistung eines Landes», umreisst Christian Almer das Forschungsfeld. «Dies ist etwa der Fall, wenn das reale Pro-Kopf-Einkommen in einem Jahr um mehrere Prozentpunkte sinkt.» Die Wirtschaftsleistungen der analysierten Entwicklungsländer sind laut den Forschern grossen Schwankungen unterworfen: Ein Rückgang des Bruttoinlandprodukts um über fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr ist in afrikanischen Ländern keine Seltenheit. Für entwickelte Länder würde dies jedoch laut Manuel Oechslin einem sehr grossen negativen ökonomischen Schock entsprechen.

Die These des Berner Forscherteams besagt, dass eine plötzliche wirtschaftliche Krise in wenig entwickelten Ländern zu einem sehr starken Aufflammen von sozialen Unruhen – das heisst, zu Massendemonstrationen und gewalttätigen Ausschreitungen – führt. Um diese Theorie zu bestätigen, greifen die Wirtschaftswissenschaftler auf Daten aus 40 afrikanischen Ländern südlich der Sahara zurück. «Es existieren seit kurzem Daten zu sozialen Unruhen in diesen Staaten für den Zeitraum zwischen 1990 und 2008», erläutert Manuel Oechslin die Empirik. «Wir stellen diese gesellschaftlichen Parameter ökonomischen Kennzahlen gegenüber, die wir zum Teil den Statistiken der Weltbank entnehmen.»
Das Resultat: In diesen grösstenteils autokratisch regierten Staaten zeigt sich ein auffallend starker Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Rückschlägen und sozialen Unruhen. In Simbabwe kam es beispielsweise ab 2000 immer wieder zu ökonomischen Schocks, welche mit einem rasanten Anstieg der sozialen Unruhen einhergingen. Diese Beziehung widerspiegelt sich sogar im Ausmass der Krisen: «Je einschneidender der negative ökonomische Schock, desto massiver die sozialen Ausschreitungen», erklärt Jérémy Laurent-Lucchetti.

Doch die Theorie der Volkswirtschaftler ist damit noch nicht eindeutig belegt. Der ursächliche Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Abschwung und gesellschaftlicher Reaktion könnte theoretisch auch umgekehrt bestehen: «Es wäre denkbar, dass eine ökonomische Krise überhaupt erst wegen gesellschaftlicher Unruhen eintritt», legt Manuel Oechslin dar. «Die Abfolge der Ereignisse muss deshalb eindeutig sein.»
Hier kommt ein weiterer Faktor der afrikanischen Staaten ins Spiel: Die Volkswirtschaften Afrikas sind agrarisch geprägt. In manchen Ländern macht der Landwirtschaftssektor 50 Prozent oder mehr des Bruttoinlandprodukts aus. Klimaschwankungen, beispielsweise Dürren oder Überschwemmungen, wirken sich in diesen agrarischen Volkswirtschaften drastisch aus. Solche extreme Naturereignisse lassen sich in Afrika also klar als Ursache eines ökonomischen Schocks identifizieren. «Folgen darauf Proteste, können wir an diesen Ereignissen unsere Theorie also eindeutig verifizieren», so Volkswirt Oechslin.

Der enge Zusammenhang zwischen negativen Schocks und sozialen Unruhen zeigt sich laut den Ökonomen vor allem in Ländern, deren Bürokratien schwach sind und deren Regierungen nur geringen demokratischen Kontrollen unterliegen. «Volksaufstände dienen in solchen Staaten als Signal. Regierungen werden so zu Massnahmen zur Linderung der Not bewegt – beispielsweise in Form von Steuersenkungen», so Christian Almer. «Kurzfristig lohnen sich soziale Unruhen so tatsächlich für die Bevölkerung.» Das Modell ist jedoch primär auf arme und autoritär regierte Staaten anzuwenden. «In modernen Demokratien existieren andere Mittel und Wege, wie der Staat auf die Bedürfnisse der Bürger reagieren kann», ergänzt Lucchetti.