Arabisches Internet: Macht bloggen frei?
Ein technischer Pionier, ein Menschenrechtsaktivist, eine junge Frau – alle haben etwas gemeinsam: Sie sind Blogger im arabischen Internet.
Über den Wandel, der sich gegenwärtig im arabischen Internet vollzieht, referierte ein Experte am Institut für Islamwissenschaften der Uni Bern.
Von Nathalie Neuhaus
Lange behaupteten Regierung und Statistikbehörden, es gäbe kein
arabisches Internet. Doch dies entspricht laut Yves Gonzales-Quijano,
Professor für arabische Literatur und politische Soziologie an der
Universität Lyon nicht der Realität. «Die arabische Welt hat sich in
wenigen Jahrzehnten fast vollständig in die globale
Informationsgesellschaft integriert», findet Gonzales-Quijano, der auch
Direktor der «Groupe de recherche et d’études sur la Méditerranée et le
Moyen Orient» (GREMMO) ist. Welches sind die politischen Folgen dieser
«Informations-Revolution»? Während seines Vortrags «L’internet arabe:
un mirage politique» betonte Gonzales-Quijano, dass neue Technologien
alleine keine grenzenlosen Fähigkeiten besässen. «Das Internet ist
vielmehr Leitfaden und Schauplatz einflussreicher soziopolitischer
Veränderungen in der arabischen Welt», so der Soziologe. Dennoch habe
die Einführung des Internets nicht automatisch zu mehr Freiheit und
Demokratie geführt: «Offene Netzwerke und geschlossene Regimes», bringt
Gonzales-Quijano die vorherrschenden Repressionen durch Regierungen und
Staatsgewalt auf den Punkt.
Das arabische Internet ist schon lange aktiv. In arabischer Schrift wird auch gebloggt. (Bild: istock)
Der Zensur entgehen
«Technische Neuerungen und das politische Leben wurden zunehmend
vermischt», sagt Gonzales-Quijano. Bereits 1986 ging das arabische Blog
«Mahmood’s Den» (Mahmoods Taverne) online. Zu diesem frühen Zeitpunkt
nutzen jedoch nur Technik-Kenner wie Mahmood das Internet. «Mahmood war
ein Pionier des Internets und sein Blog von besonderer Bedeutung, denn
es entging der Zensur», erklärt Gonzales-Quijano. Mahmood produzierte
sein englisch-arabisches Blog auf den Tuvalu-Inseln im Südpazifik – ein
cleverer Schachzug, denn Zensurbehörden, die nach arabischen
Internetseiten suchten, konnten dieses Blog deshalb nicht als solches
entlarven. «Noch heute weichen aus diesen Gründen viele arabische
Internetseiten-Betreiber nach Amerika aus, um von dort aus ihre Seiten zu
kreieren und zu bedienen», sagt Gonzales-Quijano.
Weibliche Blogosphäre
Gegenwärtig erheben sich im arabischen Internet neue politische
Stimmen: «In Saudi-Arabien bilden junge Frauen eine neue Generation von
Bloggerinnen», erläutert der Soziologe. Die 25-jährige Sarah Mattar aus
Riad (Saudi-Arabien) ist ein Beispiel für diesen Wandel. Das
Porträt-Foto auf Sarahs Blog ist laut Gonzales-Quijano sehr wichtig:
Die junge Frau trägt eine grosse dunkle Sonnenbrille, die ihre Augen
verdeckt. «Das ist grundlegend, denn laut der saudi-arabischen Tradition müssen die Augen
und der Blick verborgen bleiben», erklärt Gonzales-Quijano. Eine
wirksame Strategie, um der Zensur zu entgehen. Ebenso interessant sei
das Tuch, welches sie auf ihrem Kopf trägt: Ein rotes
«Palästinenser-Tuch», welches für den Irak oder die Golf-Region, also
für Sarahs regionale Zugehörigkeit, stehe. Das grüne Oberteil
symbolisiere die saudische Landesflagge. Eigentlich ein Männer-Gewand,
welches sowohl als identitäre als auch als politische Zustimmung
verstanden werden könne: «Ich bin eine saudische Frau und ich drücke
mich aus», schreibt Sarah auf ihrem Blog. «Diese jungen Bloggerinnen
stellen ein postmodernes Phänomen dar und sind eine erstmalige
Erscheinung im arabischen Raum. Sie bilden eine wichtige Stimme des
öffentlichen Raumes und haben symbolischen Charakter», betont
Gonzales-Quijano.
Sarah Mattars Blog: Eine neue Generation von Bloggerinnen, die sich online zu Themen äussern. (Bild: AK)
Arabische Blogger bringen Wandel
«Die Macht der arabischen Blogger besteht darin, sich über das Internet
auszudrücken und so die Massen zu mobilisieren», erklärt der Professor
für arabische Literatur. Beispielsweise Wael Abbas ist ein weltweit
bekannter ägyptischer Menschenrechtsaktivist und Blogger. «Sein
politisches Blog bewegt sich zwischen Journalismus und Aktivismus»,
erklärt Gonzales-Quijano. Abbas’ Blog beinhaltet traditionelle Symbole,
verbindet aber auch verschiedene technische Mittel miteinander. So
zeigte Abbas auf seinem Blog Aufnahmen von Folter und Polizeigewalt in
seinem Land. Daraufhin wurden mehrere Polizisten verhaftet – ebenso
eine neue Entwicklung. In Ägypten machten auch andere Blogger
Schlagzeilen, als sie beispielsweise sexuelle Belästigungen, die sich
in den Strassen Kairos ereignet hatten, online aufdeckten. Die
traditionelle Presse wollte dieses Tabu-Thema verschweigen. «Für viele
Nutzer stellt das Internet eine Bühne, einen Ort der politischen
Debatte dar. Das Blog wird zum öffentlichen Raum – eine Technik zur
politischen Mobilisation», erklärt Gonzales-Quijano.
Im Internet besteht verbreitet die Möglichkeit, sich aktiv mit Politik
oder anderen Themen auseinanderzusetzen. «Die politischen Akteure in
der arabischen Welt haben sich im Laufe der Zeit sehr verändert»,
betont Gonzales-Quijano. Dennoch sei die politische Repression und
Herrschaft der Regimes immer noch gegenwärtig und die Blogger müssten
auf der Hut sein. Yves Gonzales-Quijano findet abschliessend:
«Das Internet hält der arabischen Gesellschaft einen Spiegel vor.»