Geist & Gesellschaft
31.10.2012
An der gut besuchten Vernissage der neuen Gotthelf-Edition waren sich die Redner einig: Es ist wichtig, das Erbe Gotthelfs gebührend zu pflegen und zugänglich zu machen. Bisher wenig bekannte Schriften erlauben es, neue Seiten des sprachgewaltigen Erfolgsautors und kämpferischen Pfarrherrn kennenzulernen.
Von Nathalie Matter und Salomé Zimmermann
Gotthelfs Werk interessiert – auch heute noch: Am Dienstag Abend strömten die Gäste zahlreich in die Heiliggeistkirche an die Vernissage der neuen Gesamtedition. Der Ort der Veranstaltung war nicht zufällig ausgewählt: Die Heiliggeistkirche war eine Station auf dem Weg von Jeremias Gotthelf. Hier arbeitete er 1829 als Vikar, bevor er 1831 nach Lützelflüh im Emmental zog, wo er bis zu seinem Tod 1854 als Pfarrer amtete.

Jeremias Gotthelf ist bekannt als Heimat- und Bauernschriftsteller, der die gute alte Zeit beschreibt. Die von den beiden Berner Germanisten Barbara Mahlmann- Bauer und Christian von Zimmermann geleitete historisch-kritische Gesamtausgabe (HKG) deckt nun wenig bekannte Seiten des Schriftstellers und Pfarrers auf: Sie zeigt einen widersprüchlichen und streitbaren Gotthelf, der sich intensiv mit den damals brennenden Problemen auseinandersetzte und unermüdlich für bessere Lebensbedingungen kämpfte. An der öffentlichen Vernissage wurde die Herausgabe der ersten acht Bände der Gotthelf-Edition gefeiert. Diese umfassen die theologischen, politischen und journalistischen Schriften Gotthelfs.

«Es ist an der Zeit, dass wir das reiche literarische Erbe Gotthelfs gebührend pflegen und wieder zugänglich machen», sagte Robert Furrer, Generalsekretär der Erziehungsdirektion, der den ausgefallenen Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver vertrat. Und zwar nicht nur die wohlbekannten Klassiker, sondern auch die weniger bekannten Schriften. Furrer sprach von der «Herkulesaufgabe», die in den nächsten Jahren weiterhin geleistet wird und betonte mit einem Zitat von Gotthelf, dass sich der Aufwand lohnt: «Um der Zukunft willen soll der Mensch die Vergangenheit hochhalten.»
Der Rektor der Universität Bern, Martin Täuber, gratulierte dem Editionsteam zu den neu herausgegebenen Bänden und dankte ihnen für die bedeutende und sorgfältige Arbeit: «Die Universität Bern ist stolz, dieses grosse und anspruchsvolle Projekt mitzutragen und zu gestalten.» Täuber erwähnte auch die Studienzeit Gotthelfs an der Universität Bern – und dass Albert Bitzius hier nicht nur studiert habe: Er lancierte 1830 einen Aufruf an die Bevölkerung, sich gegen die Patrizierherrschaft aufzulehnen und war einer der Anführer des liberalen Umsturzes, der 1831 zum Rücktritt der Patrizierregierung führte und das politische Mitbestimmungsrecht in der Verfassung verankerte. Es sei wichtig, so Täuber, auch die nicht-literarischen Texte des bedeutenden Berner Schriftstellers zu erschliessen: «Nur so wird es möglich sein, das bedeutende Erbe des Pfarrers, Schriftstellers, Schulreformers und kritischen Zeitgenossen zu verstehen und seine Bedeutung auch für die heutige Zeit abzuschätzen.» Der Rektor bezeichnete die Edition als «reichen Schatz für Erkenntnisse und Inspirationen».

Die Beteiligten haben sich eine gewaltige Aufgabe vorgenommen: Rund 67 Bände sollen in einer Laufzeit von ungefähr 30 Jahren herausgegeben werden. Dabei wurde mit dem unbekannten, zum Teil noch nie veröffentlichten Gotthelf begonnen, um eine Grundlage für das Erzählwerk zu schaffen. Der Generalsekretär der Universität Bern und Präsident der Jeremias-Gotthelf-Stiftung, Christoph Pappa, berichtete über die Anfänge des germanistischen Grossprojekts, die nicht einfach gewesen seien. Aber der Aufwand und das Engagement sehr vieler Personen hätten sich gelohnt und Pappa ist überzeugt: «Nach dieser Edition werden ‹Gotthelfs Zeiten› nicht mehr das sein, was sie einmal waren.»

An der öffentlichen Feier wurde auch ein «Making-of»-Film gezeigt, der in die germanistische Editionsarbeit einführte. So erfuhren die Anwesenden beispielsweise, dass die Endfassung von Gotthelfs Texten am Papier erkennbar sei. Während die Entwürfe auf dickerem Papier festgehalten wurden, verwendete der Schriftsteller am Schluss des Schreibprozesses ein dünnes Papier, das sich gut per Post an den Verlag oder die Medien verschicken liess. Der Sprachkünstler Beat Sterchi hat unter musikalischer Begleitung von Adi Blum wahre Kaskaden von berndeutschen Ausdrücken aus Gotthelfs Werken in witziger Weise zusammengefügt. In seiner Textperformance hat er es ausserdem geschafft, Gotthelfs Roman «Anne Bäbi Jowäger» in einer Minute «alphabetisch geordnet und gekürzt» wiederzugeben.
Die Gotthelf-Edition erlaubt es, neue Seiten von Gotthelf kennenzulernen. Das wäre gewiss in seinem Sinn, denn in einem seiner Sprüche weist er daraufhin, wie schwierig es ist, die Natur des Menschen zu erfassen: «Der Mensch kennt alle Dinge der Erde: Aber den Menschen kennt er nicht.»