| Impressum | Home
Logo der Universität Bern

Geist & Gesellschaft

28.12.2010

Neujahr – überall verschieden und doch ähnlich

Ob Sandformen oder Feuerwerke, von Region zu Region feiern die Menschen Silvester und Neujahr auf unterschiedliche Weise. Die Grundidee, die den Bräuchen zugrunde liegt, stimmt dagegen weltweit nahezu überein.

Von Maximiliano Wepfer

Abbrennen von Feuerwerk, mit Champagner anstossen und gute Vorsätze fassen – aus diesen Ritualen besteht im Wesentlichen der hiesige Silvester. Die Inder hingegen putzen das Haus blitzblank, ziehen sich neue Kleider an und zeichnen so genannte Rangoli auf dem Boden. Das sind geometrische Formen aus kunstvoll ausgestreutem Sand, die mit der Zeit vom Wind verweht werden. Diese Neujahrsbräuche haben etwas Gemeinsames. «Sie markieren einen Neuanfang», weiss Frank Neubert, Assistenzprofessor am Institut für Religionswissenschaft der Universität Bern. «Und zwar auf eine dreiteilige Weise: der Übergang vom alten Jahr über eine Zwischenphase ins neue.»

Rangoli sind kunstvolle Sandformen, die für indische Neujahrsfeierlichkeiten angefertigt werden. (Bild: lostinstockholm.com)

Schlechtes auslöschen, Gutes anziehen

Aus dieser kulturübergreifenden Struktur heraus erklärt sich auch, weshalb Menschen Neujahr feiern. «Übergangsphasen sind bedrohlich für die Menschen und müssen daher durch bestimmte Rituale begleitet werden», hält Karénina Kollmar-Paulenz fest, Professorin am Institut für Religionswissenschaft. Dabei sollen die Bräuche helfen, Segen und Wohlstand fürs neue Jahr herbeizuwünschen sowie schlechte Einflüsse des alten Jahres loszuwerden. Für Letzteres sorgt in Tibet etwa der Schwarzhut-Tänzer, der fürs Austreiben des schlechten Karmas die «linga» erdolcht, eine das Böse verkörpernde Teigfigur, die anschliessend verbrannt wird. Das Gute beschwören dagegen die gegenseitigen Besuche bei Verwandten und Freunden, welchen man kleine, mit weissen Glücksschleifen versehene Geschenke überreicht. Diese Bräuche entsprechen in ihrem Zweck den westlichen Feuerwerken zur Vertreibung des alten Jahres und dem Fassen von Vorsätzen als Betonung des Positiven fürs neue.

Gewöhnliche Ordnung aufgehoben

Hüben wie drüben haben auch Vorhersagen Hochkonjunktur. «Horoskope oder Bleigiessen richten den Blick auf die Zukunft in der Hoffnung, das Kommende zu beeinflussen», führt Arndt Brendecke aus, Professor und Direktor des Center for Global Studies. Als weitere kulturelle Konstante sieht er die Umkehr der etablierten Ordnung, wie sie zum Beispiel die verkleideten Silvesterkläuse in Appenzell-Ausserrhoden darstellen, die lärmend und singend durchs Dorf ziehen. In Tibet wiederum sind an Neujahr die eigentlich verbotenen Glücksspiele erlaubt. «Indem der Brauch für einen Tag die gewohnte Ordnung auf den Kopf stellt, wird diese gleichzeitig bestätigt», erläutert Brendecke.

Westliche Neujahrsbräuche wie Anstossen und Feuerwerke sind inzwischen weltweit verbreitet. (Bild: istock.com)

Neujahr wichtiger als Silvester

Laut Religionswissenschaftlerin Kollmar-Paulenz unterscheiden sich der asiatische Raum und der Westen neben der konkreten Ausprägung der Rituale am meisten dadurch, wie sie die Akzente innerhalb der dreiteiligen Übergangsstruktur setzen. «Hier dauert das Verabschieden des alten Jahres zum Beispiel mit den unzähligen Jahresrückblicken im Fernsehen sehr lange», meint Kollmar-Paulenz. «In Asien dagegen verschiebt sich der Schwerpunkt aufs neue Jahr, die Feierlichkeiten gehen erst am Morgen des Neujahrstages richtig los.» Ausserdem beginnt in Asien mit dem Neujahr ein neuer landwirtschaftlicher Zyklus, während im Westen dieser Naturbezug mehrheitlich verloren gegangen ist. «Indem sich die Neujahrsbräuche von dieser ehemals bestehenden Koppelung mit der Natur losgelöst haben, sind sie viel verfügbarer für andere Kulturen geworden und konnten sich international ausbreiten», betont Historiker Brendecke. Der westliche Einfluss hat dazu geführt, dass inzwischen in Indien auch am traditionellen Neujahr grosse Feuerwerke abgebrannt werden oder das tibetische Neujahr von ehemals 16 Tagen auf drei verkürzt wurde, um sich der schnelllebigen Zeit anzupassen.

Dennoch halten es alle drei Wissenschaftler für undenkbar, dass die jeweils typischen Neujahrsbräuche völlig verschwinden. Brendecke hebt als Gegentendenz zur Internationalisierung den Fokus aufs Regionale hervor, der für die Identifikation förderlicher sei. «Neujahr ist ein ewiges Fest, und dessen Grundstruktur mit Umkehr, Schall und Rauch wird sich so schnell nicht verändern.»

Share this:

Facebook Google Twitter Mister Wong Pinterest Reddit


Anzahl Leserkommentare: 0


Universität Bern | Abteilung Kommunikation | uniaktuell@unibe.ch

Social Media