Geist & Gesellschaft
29.05.2009
Theater im klassischen Sinne vergessen und in eine neue Welt eintauchen: Mit dem SUB-Projekt «heliade im bisenthal» betritt Claudia Schmid, die Autorin des Stücks, eine ungewöhnliche Bühne. Bei dieser Inszenierung gibt es nämlich keine festgelegten Zuschauerplätze und keine Bühnenbegrenzung.
Von Nathalie Neuhaus
Wie und wo entsteht die Idee, ein Theaterstück mit dem mysteriösen
Namen «heliade im bisental oder die ver_bannung von wenn im ma von
rosa und alex» zu schreiben? Die Berner Theaterwissenschafts- und Kunstgeschichtsstudentin Claudia
Schmid verbrachte ein Jahr in Berlin, wo tausende Eindrücke und
Erlebnisse auf sie einprasselten. Immer ein Notizbuch zur Hand, hielt
die Autorin darin Begegnungen und Wahrnehmungen, Alltagsgesprächsfetzen
und wissenschaftliche Aussagen, Fragen an die Menschheit oder an die
Existenz fest. Daraus entstand die Idee für ein performatives
Theaterstück. In nur 72 Stunden fasste sie das Sammelsurium aller Notizbucheinträge
zu einem 48 Seiten langen Werk zusammen. An unterschiedlichen Orten und
zu verschiedenen Zeiten zusammengefügt, ist das Stück ein nie
abgeschlossener Prozess, sondern entwickelt sich ständig weiter.

Die Tränen der «Heliade»
Wer ist diese «Heliade»? Wo liegt das «Bisental»? Und was bedeutet etwa
das Wort «ma»? Diese Fragen werden Claudia Schmid regelmässig gestellt.
Die einzelnen Wörter bergen Spannendes: In seinen «Metamorphosen»
erzählt der römische Dichter Ovid die Geschichte der «Heliaden». Sie
sind die Töchter des Helios, des griechischen Sonnengottes, die ohne
Erlaubnis des Vaters den Sonnenwagen ihres Bruders anspannten, mit dem
er dann abstürzte und starb. Als Strafe dafür wurden die Heliaden in
Pappeln verwandelt. Aus ihren Tränen entstanden Harz und Bernstein.
Das
Biesental ist ein Tal in der Nähe von Berlin. Ohne das «e» entsteht
daraus der Name für ein Wunderland – ein Land für verschiedene Zeiten,
Orte und Paläste. Das aus dem Mandarin entlehnte Wort «ma» bezeichnet
das «Dazwischen», ein Platz, der sich weder drinnen noch draussen
befindet. Mit «Rosa» und «Alex» sind zwei Berliner Orte gemein: Der
Alexanderplatz und der Rosa von Luxemburg-Platz. Dort befindet sich
auch die Volksbühne, ein Ort des Zusammentreffens am runden Tisch, wo
die Gedanken kreisen können. Spricht man den Titel des Stücks aus, sind
der Autorin die Verschmelzung der Wörter und deren Ursprung – die
Ursprache – wichtig.
Die sieben tanzenden Fragen
Nicht auf einer Bühne, sondern mitten in einer Werkstatt steht die
Tänzerin «Heliade». Sie stellt unter anderem Fantasie, Sehnsucht und
Hoffnung dar. Um sie herum kreisen sieben Schauspieler und
Schauspielerinnen, die alle eine spezifische Frage über Sinn und die
Weltverkörpern. «Die Tänzerin und die sieben Fragen bilden eine
Einheit», so Schmid. Bei der Darstellung des Stücks herrscht also keine
Theatersituation im herkömmlichen Sinne und die Zuschauer nehmen nicht
auf einem Stuhl in festgelegten Reihen Platz, sondern können sich im
Raum frei bewegen. So können sie auch den Rhythmus der Schauspieler
aufnehmen. «Dieser Rhythmus bildet die Grundstruktur, denn alles ist im
Rhythmus, besonders im Theater», sagt Schmid. Dieser unterscheidet sich
von dem der Alltagssituation und macht durch Brüche die
Theatersituation einzigartig – und soll den Weg auf die andere Seite
des Spiegels eröffnen.
Alles ist im Fluss
Die sieben Sequenzen des Stücks bilden eine Referenz auf die im Stück
personifizierten sieben Fragen. Elemente, wie Musik, Tanz, Film, aber
auch Erstarrung finden ihren Platz in Schmids Stück. Die vier
unterschiedlichen Bühnenräume, die miteinander verbunden sind, lassen
eine natürliche Situation entstehen. Die gängigen Normen und Muster
sollen aufgelöst werden und einen Perspektivenwechsel verschaffen. Nach
dem Motto: Die Handlung ist das Ziel, der Prozess bestimmt den Weg.