20.02.2019 | Universität |

Plädoyers für digitale Mündigkeit

Der diesjährige «Tag der Lehre» der Universität Bern durchleuchtete den Megatrend Digitalisierung aus der Perspektive der Hochschullehre. Im Fokus stand ein «reflektierter Umgang mit der Digitalisierung», der neue Technologien sinnvoll einsetzt und gleichzeitig kritisch hinterfragt.

Von Claudia Kaufmann

Digitalisierung, auch in der Hochschullehre, ist in aller Munde. Kaum diskutiert wurde bisher jedoch, wie Hochschulen zu einem reflektierten Umgang mit digitalen Werkzeugen beitragen können. Der siebte «Tag der Lehre» der Universität Bern am 15. Februar 2019 stand deshalb im Zeichen der «Digital Literacy» – also der Fähigkeit, neue Medien, Software und Technologien zielführend und effizient zu nutzen und deren Einsatz kritisch zu überdenken. «Wir wollen nicht jedem Hype blind hinterherjagen, sondern wünschen uns eine emanzipierte, durchdachte Digitalisierung», erklärte Thomas Tribelhorn, Leiter Hochschuldidaktik & Lehrentwicklung am Zentrum für universitäre Weiterbildung in seinem Eröffnungsvotum. Welchen Beitrag können Hochschulen hier leisten? Wie beschäftigen sich die verschiedenen Fachrichtungen mit den Chancen und Risiken der Digitalisierung? Und was muss in die Ausbildungsinhalte an Hochschulen integriert werden, um Studierende zu einer reflektierten Teilhabe an der digitalen Welt zu befähigen? Diese Fragen diskutierten Professor Bruno Moretti, Vizerektor Lehre der Uni Bern, und Thomas Tribelhorn mit dem Futuristen Gerd Leonhard sowie vier Referierenden der Universität Bern und über 300 Teilnehmenden in der vollbesetzten Aula der Uni Bern.

«Zukunft erfordert mehr Menschsein, nicht weniger»

Mit Gerd Leonhard trat ein bekannter Kritiker blinder Technologiegläubigkeit als Hauptredner auf. Für den in Zürich lebenden Deutschen ist es allerhöchste Zeit, dass «wir uns von der Diskussion über das Machbare verabschieden und anfangen, über die wünschenswerte Rolle der transformativen Technologien nachzudenken.» Maschinen, digitale Tools, künstliche Intelligenz sind für ihn «geniale Werkzeuge, aber fürchterliche Herrscher»; deshalb müssen wir, so Leonhard, ihre Auswirkungen hinterfragen und jetzt die Weichen stellen für eine richtige Balance zwischen «Algorhythmen und 'Androrhythmen' – zwischen Technologie und dem, was das Menschsein ausmacht.» Für Leonhard wird alles, was sich nicht digitalisieren oder automatisieren lässt, zusehends an Wert gewinnen. Dem sollen Hochschulen Rechnung tragen, indem sie nicht einseitig die MINT-Disziplinen fördern, sondern ebenso sehr das, was der Futurist als «HECI» bezeichnet: humanities, ethics, creativity und imagination. «Technologie sollte nicht das sein oder werden, was wir suchen, sondern wie wir suchen. Denn die Zukunft erfordert mehr Menschsein, nicht weniger!»

«Aufklärung 1.1» und digitale Öffentlichkeiten

Die von Leonhard gesellschaftlich diagnostizierte «digitale Fettsucht» und sein Aufruf, «ernsthaft über unsere digitale Nahrung nachzudenken», nahm Claus Beisbart, Professor am Institut für Philosophie als Stichwort auf: «Aufklärung: das ist in einem Wort das, was die Philosophie zur Bildung im Zeitalter der Digitalisierung beitragen kann.» Fragen stellen, Begriffe klären, Optionen bewerten – so skizzierte Beisbart die Hauptaufgaben einer «Aufklärung 1.1» in Bezug auf die digitale Transformation. Eine ähnliche Forderung, allerdings aus medienwissenschaftlicher Sicht, formulierte Professorin Silke Adam vom Institut für Kommunikations- und Medienwissenschaft. «Wir müssen die gesellschaftlichen Folgen digitaler Öffentlichkeiten – etwa für die Demokratie – erforschen und hinterfragen, und wir müssen sicherstellen, dass Studierende dies können.» Dazu braucht es laut Silke Adam aber dringend eine methodische und interdisziplinäre Erweiterung der medienwissenschaftlichen Ausbildung.

«Aufklärung muss im digitalen Zeitalter neu interpretiert werden»: Professor Claus Beisbart. © Universität Bern / Bild: Roman Suter
«Die öffentliche Forschung muss beim Thema Digitalisierung aufholen»: Professorin Silke Adam. © Universität Bern / Bild: Roman Suter
«Die öffentliche Forschung muss beim Thema Digitalisierung aufholen»: Professorin Silke Adam. © Universität Bern / Bild: Roman Suter

Digital skills und ihre Grenzen

Die beiden folgenden Referenten zeigten kontrastvoll Möglichkeiten und Grenzen der Digitalisierung auf. «Programmieren ist vergleichbar mit Lesen und Schreiben. Wer es beherrscht, gestaltet die digitale Welt mit», meinte Dr. Matthias Stürmer von der Forschungsstelle digitale Nachhaltigkeit des Instituts für Wirtschaftsinformatik. Er ist überzeugt, dass «Digital skills» zu den Grundkompetenzen gehören, die alle Studierende im digitalen Zeitalter benötigen. Diese Skills umfassen für ihn nicht nur Kenntnisse in Datenanalyse, Programmieren und die Beherrschung von Online-Tools, sondern durchaus auch eine kritische Perspektive auf gesellschaftliche, ethische und rechtliche Aspekte der Digitalisierung. Dr. Rouven Porz von der Fachstelle klinische Ethik am Inselspital zeigte auf, wo digitale Lehre und Digital skills – zumindest bislang – nicht weiterhelfen: wenn es um Leben, um Tod, um existenzielle Entscheidungen und Grenzsituationen geht. Junge Ärzte und Ärztinnen müssen den Umgang mit solchen Extremsituationen, gegenüber Patienten und Angehörigen, lernen – aber wie? «Existenzielles kann kaum durch Digitales gelöst werden», formulierte Rouven Porz pointiert, und plädierte hier für ein «analoges» Lernen über Erfahrungen, Selbstreflexion und Austausch von Mensch zu Mensch.

«Programmieren ist eine Grundkompetenz, die alle lernen sollten»: Dr. Matthias Stürmer. © Universität Bern / Bild: Roman Suter
«Programmieren ist eine Grundkompetenz, die alle lernen sollten»: Dr. Matthias Stürmer. © Universität Bern / Bild: Roman Suter
«Es braucht Lehrgefässe, bei denen man sich noch in die Augen schaut»: Dr. Rouven Porz. © Universität Bern / Bild: Roman Suter

Werkzeug und Gegenstand der Lehre

Der Nachmittag machte eines deutlich: Digitalisierung ist weder Selbstzweck noch Patentlösung, sondern birgt Chancen und Risiken – sie kann ein nützliches Werkzeug, aber sie muss auch ein kritisch reflektierter Gegenstand der Lehre sein. In der Plenumsdiskussion fasste Bruno Moretti die Voten prägnant in drei Fragen zusammen: «Das, was den Menschen im Gegensatz zur Maschine ausmacht: Kritisches, selbstständiges, verantwortungsvolles, kooperatives und kreatives Denken – war das nicht schon immer die wichtigste Kompetenz, welche die Universität vermittelt hat? Wo haben wir diesen Fokus in der Lehre verloren – falls wir ihn verloren haben –, und wie bringen wir ihn wieder zurück?»

Der «Tag der Lehre»

Laut der «Strategie 2021» der Universität Bern bilden die hohe Qualität der Lehre sowie die Weiterentwicklung von Lehrmethoden eine der vier universitären Teilstrategien. In diesem Rahmen diskutieren am jährlich stattfindenden «Tag der Lehre» Dozierende der Uni Bern und anderer Hochschulen über exzellente und innovative Lehre. Die Tagung wird vom Vizerektorat Lehre in Zusammenarbeit mit der Hochschuldidaktik des Zentrums für universitäre Weiterbildung ZUW der Universität Bern organisiert.

Zur Autorin

Claudia Kaufmann ist Kommunikationsbeauftragte des Zentrums für universitäre Weiterbildung ZUW der Universität Bern.