14.02.2019 | Studium | Gesundheit & Medizin

Kommunikationstraining für angehende Tierärztinnen und Tierärzte

Bevor sie an echten Tieren Hand anlegen, üben Studierende im «Skills Lab» der Vetsuisse-Fakultät der Uni Bern die richtigen Handgriffe an naturgetreuen Tiermodellen. In einem neuen Workshop lernen sie auch, wie sie Herrchen und Frauchen unangenehme Nachrichten überbringen.

Von Nathalie Matter

Im «Skills Lab» der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern findet man zum Beispiel ein lebensgrosses Pferdemodell oder eine «haptische Kuh» – die naturgetreue Nachbildung einer hinteren Kuhhälfte. Angehende Tierärztinnen und Tierärzte lernen hier selbständig an diesen Modellen. «So sollen sie lernen, sich selber zurechtzufinden – wenn sie später allein in einem Stall stehen, können sie auch niemanden fragen», erklärt Dr. Simone Forterre, Studienplanerin am Dekanat der Vetsuisse-Fakultät. Sie führt die einzelnen Tiermodelle vor, viele davon wurden von Mitarbeitenden der Fakultät selber angefertigt. An der haptischen Kuh etwa könnten Rektaluntersuchungen geübt werden, wenn es um Fruchtbarkeit oder Schwangerschaften geht. «Durch das Üben am Modell wird dem Tier kein Schmerz und bei fehlerhaftem Hantieren auch kein Schaden zugefügt. Das Üben und Wiederholen ist gefahrlos möglich, bis das erwünschte Niveau erreicht ist», sagt Forterre. Zudem müssen die Studierenden nicht an einem oft unruhigen Tier und unter den Augen des Besitzers üben. «So reduzieren wir Stress bei Tier und Mensch», sagt Forterre.

Einzigartig in der Schweiz

Das Skills Lab ist schweizweit einzigartig. An 20 Lernstationen trainieren die Studierenden verschiedene Fertigkeiten an den Tiermodellen im eigenverantwortlichen Selbststudium. Die Tiermedizin folgt damit dem Beispiel der Humanmedizin, wo an Puppen Handfertigkeiten geübt werden. Eröffnet wurde das Lernlabor 2015. Einer der Initiatoren war David Spreng, damaliger Leiter der Kleintierklinik und aktuell Dekan der Vetsuisse-Fakultät Bern. «Wir erhielten bei Evaluationen unseres Studiums das Feedback, dass das theoretische Wissen unserer Absolventinnen und Absolventen gut ist, dass es aber bei den praktischen Fertigkeiten hapert», sagt Spreng. «Also haben wir die Ausbildung praxisnaher gestaltet. Dadurch steigern wir die Qualität der Lehre.»

Die Übungsstationen sind so gefragt, dass auch Studierende der Vetsuisse-Fakultät Zürich nach Bern kommen, um zu üben. «Wir wollen uns stetig weiterentwickeln – unser Skills Lab soll mit internationalen Vorreitern wie etwa dem Royal Veterinary College in London mithalten können», sagt Spreng.

Unangenehme Nachrichten richtig überbringen

Auch die kommunikativen Fähigkeiten der künftigen Tierärztinnen und Tierärzte werden am Skills Lab trainiert. Dazu startet demnächst ein neuer Workshop als Pilotprojekt. Schauspielerinnen und Schauspieler übernehmen darin die Rolle von Tierbesitzerinnen und Tierbesitzern und die Studierenden lernen, sich ihnen gegenüber richtig zu verhalten. So bereiten sie sich auf schwierige Situationen vor, etwa wenn sie einem Tierbesitzer erklären müssen, dass sein Hund eingeschläfert werden muss oder die Operation einer Katze Tausende von Franken kosten würde.

Beispiel eines Instruktionsvideos für gute Kommunikation: der Tierarzt geht auf die Bedürfnisse der Besitzerin ein. Video: Skills Lab, Vetsuisse Fakultät der Universität Bern

Mit diesem Workshop reagiert man am Skills Lab auf ein bekanntes Phänomen: «71% der Fälle, in denen es zu Konflikten, Beschwerden oder Schadensforderungen kommt, entstehen weniger wegen fachlichen Problemen, sondern wegen Kommunikationsproblemen», betont Simone Forterre. Hinzu kommt, dass viele junge Tierärztinnen und Tierärzte während ihrer Ausbildung Fälle nicht «von A-Z» selbst und eigenverantwortlich bearbeitet haben, genau dies aber plötzlich nach ihrem Abschluss machen müssen. Sie werden nicht ausreichend auf den Berufseinstieg vorbereitet und sind dadurch oft überlastet und frustriert – was dazu führt, dass sie ihre Tätigkeit früh wieder abbrechen. «Es geht bei diesem Training nicht nur um das Wohl der Tiere und deren Besitzerinnen und Besitzer, sondern auch um das der Tierärztinnen und Tierärzten selbst. Dadurch wird den Studierenden den Übergang in die Praxis erleichtert», sagt Forterre.

Beispiel eines Instruktionsvideos für schlechte Kommunikation: Der Tierarzt informiert ungenügend und bietet der Besitzerin nur die Option an, die er für richtig hält. Video: Skills Lab, Vetsuisse Fakultät der Universität Bern

Tierbesitzerinnen und Tierbesitzer gesucht

Im Workshop sehen die Studierenden zuerst Instruktionsvideos mit Beispielen von gelungener und schlechter Kommunikation, und werden anschliessend einer vergleichbaren Situation ausgesetzt und dabei selber gefilmt. Für diese «Konsultationen» werden auch  echte Tierbesitzerinnen und Tierbesitzer gesucht, die mit oder auch ohne Tier kommen möchten. Die Studierenden stellen im Beisein einer Expertin oder eines Experten eine Diagnose und können beispielsweise eine Impfung anbieten. Danach wird das Video mit den Expertinnen und Experten ausgewertet, und die Studierenden erhalten ein Feedback der Besitzerinnen und Besitzer. Somit können die Studierenden ihre Kommunikation zusätzlich reflektieren und verbessern.

«Konkret wird geübt: Wie eröffne ich das Gespräch? Wie erkläre ich, wie baue ich Vertrauen auf?», beschreibt Forterre die Übungssituationen. Eine Therapie soll mit den Besitzerinnen und Besitzern gemeinsam entwickelt werden, sie sollen gut informiert sein, damit sie die Therapie mittragen. Damit sollen die Studierenden auch fit gemacht werden für das Staatsexamen, wo die Kommunikation geprüft wird. «Auch für die Prüfungen suchen wir noch Besitzerinnen und Besitzer, die von einer Beratung profitieren und die Ausbildung unterstützen möchten», sagt Forterre.

Interessierte können sich beim Dekanat der Vetsuisse-Fakultät melden: studium@vetsuisse.unibe.ch

Das Skills Lab der Vetsuisse-Fakultät

Das Ziel des Skills Lab ist es, Fertigkeiten selbständig und ohne personelle Hilfe zu erlernen und zu üben. Die einfacheren Stationen stehen Studierenden ab dem 2. Jahr, die haptischen Stationen ab dem 4. Jahr zur Verfügung. Nach einer Übungsphase werden die erlernten Fähigkeiten anhand einer Kriterienliste überprüft. Die Kommunikationstrainings werden neu als zusätzliches Modul angeboten, in einer Pilotphase vom 18. Februar bis zum 12. April.

Zur Person

Dr. Simone Forterre ist Studienplanerin für den Masterstudiengang am Dekanat der Vetsuisse-Fakultät Bern.

Kontakt

Dr. Simone Forterre
Dekanat der Vetsuisse-Fakultät, Universität Bern
Telefon direkt: +41 31 631 26 27
E-Mail: simone.forterre@vetsuisse.unibe.ch

Zur Autorin

Nathalie Matter arbeitet als Redaktorin bei Media Relations und ist Themenverantwortliche «Gesundheit und Medizin» in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.