03.01.2019 | Studium | Geist & Gesellschaft

«Die Studierenden waren sehr nett und geduldig mit mir»

Dürrenmatt-Gastprofessor und Autor Peter Stamm erforschte im Herbstsemester 2018 mit seinen Studierenden das Thema «Zeit in der Literatur». Der Gewinner des Schweizer Buchpreises 2018 spricht im Interview über sein Gastsemester an der Universität Bern, über Zeitbilder und über die Zusammenarbeit mit Studierenden.

Interview: Lisa Fankhauser

Herr Stamm, welches waren für Sie die Höhepunkte und Herausforderungen des Semesters als Gastprofessor?
Die Höhepunkte waren die vielen Gäste, die in mein Seminar gekommen sind. Einige waren Freundinnen und Freunde, andere habe ich erst durch ihren Besuch kennengelernt, aber jede und jeder hatte Spannendes über das Thema Zeit zu erzählen. Aufschlussreich war auch, Parallelen zu sehen zwischen den verschiedenen Zeitbildern – von der Religion über den Tanz bis zur Physik und der Kunst. Die Herausforderung war für mich generell die Lehre: Ich gebe mein Wissen zwar gerne weiter, habe aber nicht wirklich ein Talent dafür. Ausserdem sind künstlerische Verfahren schwer zu vermitteln, da sie weitgehend intuitiv ablaufen. Aber die Studierenden waren sehr nett und geduldig mit mir.

Was haben Sie den Studierenden mitgegeben? Was nehmen Sie mit aus dieser Zeit?
Das müssten Sie die Studierenden fragen. Ich hoffe, dass ich für sie die Methoden der Künste etwas erhellen konnte. Und dass ich sie zum eigenen Nachdenken über das unendliche Thema Zeit anregen konnte. Ich selbst wurde jedenfalls dazu angeregt, eben durch die Gäste, aber auch durch Voten der Studierenden. Und dann war es auch einfach schön an der Unitobler: Ich wurde sehr herzlich empfangen und wo sonst kriegt man noch einen guten Kaffee für Fr. 1.70.

Sie haben ein wöchentliches Seminar zum Thema «Zeit in der Literatur» angeboten. Was bedeutet Zeit für Sie persönlich?
Wie für uns alle ist auch für mich Zeit ein beschränktes und sehr wertvolles Gut. Nur habe ich – im Gegensatz zu den Studierenden, die noch ziemlich am Anfang ihres Lebens stehen – wohl schon zwei Drittel meiner Zeit aufgebraucht. Das macht die Frage nach der Zeit natürlich noch dringlicher.

Wie unterscheidet sich das Verhältnis zur Zeit in der Literatur von anderen Künsten wie etwa Tanz, Film oder Architektur?
Spannend fand ich, dass unabhängig von den Disziplinen oft dieselben Texte auftauchten, beispielsweise das Buch Kohelet aus der Bibel, Mircea Eliade, Augustinus. Die Philosophin Susanne Schmetkamp hat mit uns eine spannende Diskussion über Senecas «carpe diem» geführt. Und im Gespräch mit Peter Zumthor und Christiane Ern kam heraus, dass selbst die Architektur auf vielfältige Weise mit Zeit zu tun hat und mit ihr umgeht. Interessant fand ich auch Judith Kuckarts Gedanken über die Präsenz der Tänzerin auf der Bühne. Das ist nur eine kleine Auswahl von vielem, über das wir geredet haben. Vieles kam leider auch zu kurz, etwa die Musik oder der Film.

In der Seminarbeschreibung steht, dass die Studierenden in Übungen mit der Zeit experimentieren konnten. Wie haben Sie dies angestellt?
Mit dem Seminar ging es mir wie mit meinen Büchern: Ich weiss am Anfang nicht, wohin sie mich führen. Also musste ich bei der Seminarbeschreibung etwas improvisieren. Das Experimentieren mit der Zeit kam allenfalls im Schreibworkshop zum Zug, wo es unter anderem um den Zeitverlauf in Texten ging. Die wenigsten Texte erzählen ihre Geschichte ja linear von Anfang bis Ende. Beim genauen Studium literarischer Texte waren wir überrascht, wie komplex Zeitverläufe in Texten oft sind und wie wenig man das beim Lesen bemerkt.

Wie gehen Sie das Schreiben an?
Ich versuche mir seit fünfunddreissig Jahren das Schreiben beizubringen und werde hoffentlich nie an den Punkt kommen, an dem ich sagen müsste, jetzt lerne ich nichts mehr dazu. Mein Hauptanliegen war es, die Studierenden nicht einfach Geschichten erzählen zu lassen. Deshalb habe ich ihnen fertige, kleine Geschichten gegeben und sie gebeten, daraus etwas zu machen. Aber natürlich war das nur ein kleiner Einblick ins Schreiben.

Sie schrieben früher für verschiedene Tages- und Wochenzeitungen: Wie unterscheidet sich für Sie das Schreiben als Roman-Autor vom Schreiben als Journalist?
Die reine Schreibarbeit ist nicht so verschieden, auch als Journalist erzählt man ja Geschichten. Nur geht es da halt eher um Fakten. Aber ich habe als Journalist vor allem längere Reportagen geschrieben – da arbeitet man auch mit Spannungsverläufen und unterschiedlichen Zeitstrukturen und Stilmitteln.

Hat sich etwas für Sie verändert, seitdem Sie den Schweizer Buchpreis erhalten haben?
Nicht wirklich. Was nicht heisst, dass ich mich nicht darüber gefreut hätte. Aber die Schreibarbeit ist dieselbe geblieben.

Was steht für Sie als Nächstes an – ein neuer Roman?
Vermutlich eine Sammlung mit Erzählungen, aber ganz sicher bin ich noch nicht. Dann habe ich ein Projekt mit einer Komponistin, das aber noch ganz am Anfang steht.

Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur

Die Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur für Weltliteratur erweitert mit Lehrveranstaltungen und Lesungen das geistes- und sozialwissenschaftliche Studium und das kulturelle Angebot in Bern und darüber hinaus. Seit dem Frühjahr 2014 unterrichtet in jedem Semester eine internationale Autorin oder ein internationaler Autor als Friedrich Dürrenmatt Gastprofessor für Weltliteratur an der Universität Bern. Die Gäste geben je eine 14-wöchige Lehrveranstaltung und arbeiten wie reguläre Professorinnen oder Professoren mit Studierenden und Doktorierenden zusammen. Zusätzlich zu den Seminaren oder Vorlesungen werden universitäre und öffentliche Veranstaltungen in Bern sowie an anderen Orten in der Schweiz organisiert. Die Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur für Weltliteratur wird verwirklicht mit Unterstützung der Stiftung Mercator Schweiz und Burgergemeinde Bern.

Zur Autorin

Lisa Fankhauser arbeitet als Redaktorin bei der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.