29.01.2019 | Forschung | Umwelt & Materie

Auch China vertraut auf die Berner Raumfahrt-Expertise

Eine Delegation von chinesischen Weltraumforschern testet und kalibriert an der Universität Bern ein Instrument für Chinas Mission zum Mars im Jahr 2020. Das interessiert sogar die Tagesschau. Ein Erfahrungsbericht.

Von Brigit Bucher

Dass die Chinesen nach Bern kommen, habe ich aus einer E-Mail erfahren. Peter Wurz, Professor am Physikalischen Institut der Universität Bern und Co-Leiter der Abteilung für Weltraumforschung und Planetologie (WP), gab darin dem Schweizer Fernsehen Auskunft zur Landung einer chinesischen Raumsonde auf der erd-abgewandten Seite des Mondes. Er schrieb:

«Die Schweiz ist in Gesprächen über eine vertiefte Zusammenarbeit im Bereich Weltraumforschung mit den chinesischen Kollegen. Es gibt schon einige Projekte [...] sowie Gespräche über Beteiligungen an zukünftigen Missionen. Zum Beispiel kommen die Chinesischen Kollegen nächste Woche nach Bern um ihr Instrument für die Marsforschung an unseren Eichanlagen zu testen und für die Messungen in der Marsumlaufbahn zu kalibrieren.»

Das klang für mich als Themenverantwortliche «Space» im Team der Abteilung für Kommunikation und Marketing natürlich spannend, so dass ich Peter Wurz umgehend anrief. Er sagte bereits am Telefon zu mir: «Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt kommen nach Bern, um ihre Weltrauminstrumente zu kalibrieren. Die einzige Anlage, die diese Teilchenart erzeugen kann, ist nämlich hier an der Uni Bern.» Er lud mich ein, bei den Tests dabei zu sein und seinen chinesischen Kollegen über die Schultern zu schauen.

Gemeinsam mit einer Fotografin mache ich mich also auf ins ExWi, das Gebäude der Exakten Wissenschaften, wo die Eich- und Kalibrierungsmaschine MEFISTO im Untergrund steht. Peter Wurz nimmt uns in seinem Büro in Empfang. Auf dem Spaziergang durch die verwinkelten Gänge des ExWi erzählt er, dass im Jahr 2020 eine chinesische Mission zum Mars startet. Dann stehe der Planet in idealer Konstellation zur Erde für eine möglichst kurze Anreise. Vor dem Labor, in dem sich MEFISTO befindet, erklärt Peter Wurz noch einiges zur Eich- und Kalibrierungsanlage: «Die Abkürzung MEFISTO steht für MEsskammer für FlugzeitInStrumente und Time-Of-Flight. In der Anlage werden Teilchen beschleunigt, um die Situation im Weltraum nachzustellen».

Wie er weiter ausführt, wird für die chinesische Delegation momentan in der Anlage das Strahlungs- und Teilchenumfeld der Atmosphäre von Mars simuliert. «Da wir genau wissen, welche und wie viel Teilchen in der Anlage auf das chinesische Instrument treffen, können wir es so kalibrieren, dass es später beim Mars das misst, was es soll und die Messungen korrekt interpretiert werden können.» Peter Wurz erzählt, dass die Anlage hier an der Uni Bern gebaut wurde und seit 2002 in Betrieb ist. Auch die NASA, die ESA und alle andere Weltraumorganisationen kämen an die Uni Bern, um ihre Instrumente zu eichen und zu testen, weil es weltweit die einzige Anlage sei, wo dies möglich ist.

Mit den Chinesen im Reinraum

Wir betreten das Labor. Die chinesischen Wissenschaftler sind gerade dabei, ihr Mars-Instrument vorzubereiten, um es in die Eichkammer zu schieben. Behilflich sind ihnen dabei die beiden Techniker der Uni Bern Adrian Etter und Joël Gonseth. Dies alles geschieht hinter einem Vorhang aus Plastik im sogenannten Reinraum. Auch die Fotografin und ich erhalten Mäntel zum Überziehen. Ein einziges Staubkorn im Reinraum kann die Messungen zunichte machen.

Peter Wurz erklärt, dass China in der Weltraumforschung und der Raumfahrt eine aufstrebende Nation sei. Die neuliche Mondlandung ist nur ein Beispiel dafür. Gefragt, wie denn der Kontakt zur Uni Bern zustande gekommen sei, sagt Wurz: «Man kennt sich in der Community der Weltraumforschenden. Und jetzt, wo China so expandiert, nehmen chinesische Forschende natürlich auch an wissenschaftlichen Konferenzen teil. Im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen haben sie von unserer Expertise hier an der Uni Bern gehört und sind auf uns zugekommen.» Das Staatssekretariat für Bildung und Forschung SBFI, welches die Schweizerische Weltraumpolitik und -aktivtäten koordiniert und fördert, habe dies unterstützt und befürwortet.

Ich erhalte die Gelegenheit, ein kurzes Gespräch mit Linggao Kong zu führen. Er ist Professor am National Space Science Center an der Chinese Academy of Science und hat mit seinem Team das Instrument gebaut, dass sich nun in der Eichanlage befindet. Er sagt: «Wir sind sehr glücklich über die Zusammenarbeit mit der Uni Bern. Die Expertise hier ist beeindruckend.» Wenn die Daten des Instruments dann ankommen, wird Linggao Kong auch in deren Auswertung involviert sein. Und auch Peter Wurz und sein Team werden die Daten analysieren und so die wissenschaftliche Zusammenarbeit weiterführen.

Eine Frage habe ich dann doch noch: Wie wird ein solch wichtiges Instrument transportiert? Peter Wurz lacht: «Es reiste im Handgepäck auf einem eigens dafür reservierten Sitz. Manchmal kommen die Instrumente auch in speziellen Transportkisten, die gut ausgepolstert sein müssen.»

Die Tagesschau kommt zu Besuch

Ein paar Tage nach meinem Besuch im ExWi meldet sich das Schweizer Fernsehen erneut. Sie möchten über Chinas aufstrebende Stellung im Weltraum und die Kollaboration mit der Uni Bern einen Tagesschau-Beitrag realisieren. Als der zuständige Journalist mit einem Kameramann an die Uni Bern kommt, begleite ich ihn gemeinsam mit Peter Wurz ins Labor. Es freut mich zu sehen, wie offen die chinesischen Wissenschaftler auch vor der Kamera Auskunft geben. Und auch Peter Wurz absolviert das Interview in souveräner Art und Weise, auch wenn Medienauftritte nicht zu seinem Alltagsgeschäft gehören.

Kurz vor der Abreise der chinesischen Delegation gehen wir nochmals ins ExWi, um ein letztes Gruppenfoto aufzunehmen. Es herrscht eine gute Stimmung. Alle Tests seien erfolgreich verlaufen und das Instrument sei bereit, um 2020 seine Reise zum Mars anzutreten.

Berner Weltraumforschung: Seit 50 Jahren an der Weltspitze mit dabei

Die Berner Weltraumforschung in Zahlen ergibt eine stattliche Bilanz: 25mal flogen Instrumente mit Raketen in die obere Atmosphäre und Ionosphäre (1967-1993), 9mal auf Ballonflügen in die Stratosphäre (1991-2008), 33 Instrumente flogen auf Raumsonden mit, und ein Satellit wurde gebaut (CHEOPS, Start 2. Hälfte 2019).

Die erfolgreiche Arbeit der Abteilung Weltraumforschung und Planetologie (WP) des Physikalischen Instituts der Universität Bern wurde durch die Gründung eines universitären Kompetenzzentrums, dem Center for Space and Habitability (CSH), gestärkt. Der Schweizer Nationalsfonds sprach der Universität Bern zudem den Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS) PlanetS zu, den sie gemeinsam mit der Universität Genf leitet.

Zur Person

Peter Wurz ist seit 2008 ordentlicher Professor am Physikalischen Institut der Universität Bern und leitet gemeinsam mit Willy Benz und Nicolas Thomas die Abteilung für Weltraumforschung und Planetologie (WP). Nach einer Ausbildung zum Elektronikingenieur absolvierte er ein Studium der Technischen Physik an der TU Wien. Danach war er Postdoktorand am Argonne National Laboratory, Chicago. Seit 1992 ist er an der Universität Bern tätig. Der Schwerpunkt seiner Arbeit ist der Ursprung und die Entwicklung der Planeten durch Messung der chemischen Zusammensetzung der Atmosphären und Oberflächen von Planeten.

 

Kontakt

Prof. Dr. Peter Wurz
Universität Bern, Physikalisches Institut, Weltraumforschung und Planetologie (WP)
Telefon direkt: +41 31 631 44 26
E-mail: peter.wurz@space.unibe.ch 

Zur Autorin

Brigit Bucher arbeitet als Leiterin Media Relations und ist Themenverantwortliche «Space» in der Abteilung Kommunikation & Marketing an der Universität Bern.