15.06.2018 | Universität | Geist & Gesellschaft

Wie Integration gelingen kann

Nach dem Kommen kommt das Bleiben. Doch wie gelingt das Bleiben? Das Forum für Universität und Gesellschaft der Universität Bern diskutierte am ersten regionalen Forumsgespräch in Burgdorf die Schwierigkeiten und fragte nach Lösungen. Eduard Gnesa und weitere Fachpersonen erörterten im Museum Franz Gertsch die Fakten und Herausforderungen der Integration von Flüchtlingen.

Von Sarah Beyeler

«Das Thema Integration bleibt aktuell und eine Herausforderung, die uns alle angeht», stimmte Forumsmitglied und Projektleiterin Elisabeth Zäch auf den Abend ein. Anerkannte Flüchtlinge sollten hier leben und eine Perspektive entwickeln können. «Dies muss unsere Überzeugung sein!» forderte sie. 

«Soll Integration gelingen, ist Wissen und Verständnis anderer Kulturen zentral», betonte anschliessend Christian Leumann, Rektor der Universität Bern, in seiner Begrüssungsansprache. Mit dem Themenschwerpunkt «interkulturelles Wissen» fördere die Universität mit ihren Forschungstätigkeiten und Lehrangeboten die Reflexion über kulturelle Werte. 

Nicht Assimilation, sondern Integration

Wie die heutige Migrations- und Asylpolitik der Schweiz aussieht, darüber berichtete Eduard Gnesa, der ehemalige Sonderbotschafter für internationale Migrationszusammenarbeit. In einer kurzen Tour d'Horizon streifte er die verschiedenen Themenfelder und stellte klar: «Wenn Flüchtlinge in der Schweiz bleiben, ist keine Assimilation, sondern Integration wichtig, unter Respektierung unserer Grundwerte der Bundesverfassung.» Die Aufgenommenen müssten sich um die Integration bemühen, sei es durch das Erlernen einer Landessprache oder das Fitmachen für den Schweizer Arbeitsmarkt. Hier fehle jedoch noch immer eine wirksame Unterstützung und Verantwortung durch die Wirtschaft im gesellschaftspolitischen Interesse. Nebst ungenügenden Sprachkenntnissen oder nicht passenden Profilen nannte er bürokratische Hindernisse als Gründe für die tiefe Erwerbsquote unter den anerkannten Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen.

Arbeitsintegration im Kanton Bern

Welche Massnahmen der Kanton Bern zur Förderung des Einstiegs in eine berufliche Grundbildung für anerkannte Flüchtlinge und vorläufig aufgenommene Personen ergreift, erläuterte Thomas Wullimann, Direktor des Bildungszentrums Emme. Bausteine seien das Berufsvorbereitende Schuljahr Praxis und Integration BPI und die Vorlehre Integration. Im BPI liegen die Schwerpunkte auf dem Erwerb von Kompetenz in der deutschen Sprache, der zielgerichteten Berufsorientierung und dem Berufseinstieg.

Die Vorlehre Integration ist ein vierjähriges kantonales Pilotprojekt (2018-2021), in dem die Teilnehmenden sowohl im Betrieb arbeiten, als auch den Unterricht in der Berufsfachschule besuchen. «Grösste Herausforderung ist die Sprache. Dass die Flüchtlinge sowohl Schriftsprache als auch Mundart lernen müssen, erschwert die Situation». Entsprechend sei jede Lektion auch eine Deutschlektion. Der Weg zum Ziel sei manchmal lang, mühsam und aufwändig, so Wullimann, «doch Arbeitsintegrationsanstrengungen lohnen sich unbedingt!», schloss er.

«Wir müssen interkulturelle Kompetenzen entwickeln»

Für Eva Jaisli, CEO der Inhabergeführten Firma PB Swiss Tools (PBS) ist klar: «Die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund ist Teil der Betriebskultur.» Doch für ihre Integration brauche es Rahmenbedingungen, so Jaisli. So könnten etwa fremdsprachige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter firmeninterne Deutschkurse besuchen, die Teil des Arbeitstages sind. Dies ist nur ein Beispiel aus einem Unternehmen, an dessen Anfang eine Migrationsgeschichte steht: 1878 migrierte der spätere Unternehmensgründer aus dem Aargau ins Emmental, in der Hoffnung, dort eine bessere Perspektive als zu Hause zu finden. Auch PBS-Mitarbeiter Sivasangaran Thillaiyampalam suchte einst eine bessere Perspektive. Er flüchtete als 12-jähriger vom Krieg in Sri Lanka in die Schweiz. Seine Arbeitsintegration glückte und er landete schliesslich bei PBS, wo er als Oberflächenbearbeiter tätig ist. Seine Flexibilität, nicht am ursprünglichen Wunschberuf festzuhalten sowie sein Netzwerk – zwei Brüder waren bereits in der Schweiz – seien wesentliche Faktoren seiner Erfolgsgeschichte, äusserte sich Claudia Komminoth, Personalverantwortliche bei PBS, zur Geschichte Thillaiyampalams.

Nach dem Kommen kommt das Kümmern

Stadtpräsident Stefan Berger und Anette Vogt von der Reformierten Kirche Burgdorf vertieften auf dem anschliessenden Podium mit den Referierenden, wie Integration – insbesondere in den Arbeitsmarkt – gelingen könnte. Man war sich einig: Um ausreichend Arbeitsplätze für Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene zu schaffen, müssten gewisse Voraussetzung erfüllt sein. Unterstützung von Behörden und von Expertinnen und Experten sei zentral für Arbeitgebende: «Ein Jobcoach hat absolut höchste Priorität», so die klare Aussage von Eva Jaisli. Wünschbar sei zudem eine einzige Anlaufstelle für die Unternehmen. Um die Finanzierung von Fördermassnahmen zu sichern, erhalten die Kantone im kommenden Jahr vom Bund eine einmalige Integrationspauschale von 18'000 Franken pro Person. «Danach», so Gnesa, «müssen wir das zum Laufen bringen».

Doch trotz der Integrationspauschale brauche es immer Freiwillige, die sich um Flüchtlinge kümmern, mit ihnen Deutsch üben und bei anderen Herausforderungen unterstützen. Darin waren sich die Referierenden und das Publikum einig. «Nach dem Kommen kommt das Kümmern», brachte dies ein Teilnehmer auf den Punkt. 

Das Forum für Universität und Gesellschaft (FUG)

Das Forum für Universität und Gesellschaft ist ein Netzwerk von Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft und Praxis. Seine Mitglieder aus verschiedenen Fachbereich der Universität sowie aus Politik, Wirtschaft und Kultur spiegeln die Brückenfunktion zwischen Universität und Gesellschaft.

Das Forum verknüpft Kompetenzen, indem es das aktuelle Wissen in Veranstaltungen zusammenträgt, klärt und bewertet. In bereichsübergreifenden Diskussionen und Publikationen werden die Themen kommentiert und vertieft mit dem Ziel, Expertenwissen für die Öffentlichkeit fruchtbar zu machen.

Die Regionalgespräche des Forums

Das Forum organisiert seit 2004 die Forumsgespräche in Bern zu unmittelbar aktuellen Themen. Aufgrund des grossen Interesses in Bern enstand die Idee, dieses Veranstaltungsangebot auch in andere Regionen des Kantons Bern hinauszutragen, um dort über aktuelle und dringende Themen zu informieren, die Meinungsbildung zu unterstützen und den Dialog zwischen Universität und Gesellschaft zu fördern. Nach einer erfolgreichen Pilotveranstaltung in Thun im Juni 2017 finden im Juni 2018 das zweite Thuner Gespräch und erstmals ein Anlass in Burgdorf statt.

Zur Autorin

Dr. Sarah Beyeler arbeitet als Projektkoordinatorin beim Forum für Unviersität und Gesellschaft (FUG).