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09.11.2018 | Forschung |

Warum wir bei unangenehmen Fragen lügen

Werden Studienteilnehmende zu heiklen Themen wie Drogenkonsum befragt, antworten viele nicht ehrlich – wegen der sozialen Erwünschtheit oder weil die Befragten gar Sanktionen befürchten. Eine Studie von Ben Jann vom Institut für Soziologie zeigt das Ausmass von Falschantworten bei Umfragen auf.

Interview: Lisa Fankhauser

Sie haben kürzlich eine Studie zu Falschantworten bei heiklen Fragen publiziert. Was waren deren Ergebnisse?
Ben Jann: In Umfragen sagen Teilnehmende bei heiklen Fragen oft nicht die Wahrheit – zum Beispiel wenn sie zu Drogenkonsum, Sexualverhalten, Diebstahl, Nichtteilnahme an Wahlen, Steuerhinterziehung oder unethischem Verhalten befragt werden. Dies ist insofern problematisch, weil die Aussagekraft von Studien damit steht und fällt, ob die Befragten ehrlich antworten. Wir wollten untersuchen, inwieweit es gelingt, mit speziellen Befragungsmethoden den Anteil ehrlicher Antworten zu erhöhen. In unserer Studie ist es gelungen, das Ausmass von Falschantworten für verschiedene Befragungs-Verfahren genau zu bestimmen. Dies ist wichtig, um zu vermeiden, dass aus Forschungsergebnissen falsche Schlüsse gezogen werden.

Wieso sagen Befragte denn manchmal nicht die Wahrheit? Teils weil die Antworten sozial nicht erwünscht sind. Beispielsweise geben Befragte Drogenkonsum nicht zu, weil dieser in der Regel nicht gern gesehen wird. Es geht um allgemeine Verhaltenserwartungen, die man verinnerlicht hat, und die konkrete Befragungssituation, etwa ob noch jemand anderes bei der Befragung zuhört. Zudem antworten Befragte häufig nicht wahrheitsgemäss, weil diese sogenannten sensitiven Fragen ihre Privatsphäre verletzen. Zum Beispiel sind Fragen zum Einkommen sensitiv – viele verweigern die Antwort. Ein weiterer Grund ist, dass die Befragten mit Sanktionen wie etwa rechtlichen Folgen rechnen, wenn sie die Wahrheit sagen würden – man denke etwa an Steuerhinterziehung. Wichtig ist auch zu unterscheiden, ob jemand bewusst lügt, oder ob es sich um Selbsttäuschung handelt: Manche Menschen reden etwas schön, ohne dass sie es merken, zum Beispiel aufgrund von Prozessen selektiver Wahrnehmung oder unbewusster Reduktion kognitiver Dissonanz. Und manche lügen auch einfach, damit sie besser dastehen.

Was wurde bis anhin in diesem Forschungsbereich angenommen?
Die Umfrage-Forschung untersucht seit vielen Jahrzehnten, ob Befragte wahrheitsgemäss antworten oder nicht. Um auf sensitive Fragen möglichst ehrliche Antworten zu erhalten, hat die Umfrage-Forschung entsprechende Verfahren entwickelt. Beispielsweise werden bei der erstmals 1965 vorgeschlagenen Randomized-Response-Technik die Antworten einzelner Befragter mithilfe eines statistischen Tricks «verschleiert»: Aussagen über oder Rückschlüsse auf einzelne Befragte werden damit unmöglich. Damit ist ihre Privatsphäre geschützt. Bisherige Studien konnten dennoch nicht schlüssig klären, ob die Befragten trotz dieser «Verschleierung» tatsächlich ehrlicher antworten. Denn es ist schwierig, das Ausmass an Falschantworten bei heiklen Fragen zu bestimmen.

Was hat sie besonders an Ihren Studienresultaten erstaunt?
Die Ergebnisse stellen gewisse bisherige Resultate der Umfrage-Forschung in Frage: Einige der als erfolgsversprechend angepriesenen Befragungs-Verfahren der Umfrage-Forschung halten nicht das, was sie versprechen. Das Ausmass an Falschantworten wird durch die Anwendung dieser Verfahren manchmal nicht kleiner, sondern sogar grösser. Die Tatsache, dass dies bisher nicht entdeckt wurde, erklären wir uns damit, dass viele Untersuchungen nur an der Oberfläche kratzen.

Wie findet man heraus, ob jemand die Wahrheit gesagt hat oder nicht?
Um zu prüfen, wie gut eine Befragungsmethode funktioniert, werden Vergleichsdaten benötigt, mit deren Hilfe bewertet werden kann, wie «valide» die gegebenen Antworten sind. Aus praktischen Gründen beschränkte sich ein Grossteil der bisherigen Studien jedoch auf einen einfachen Vergleich der Ergebnisse verschiedener Methoden, ohne die «Wahrheit» zu kennen. Dabei wird auf die sogenannte «More is better»-Annahme zurückgegriffen, nach der diejenige Methode am besten ist, die die höchste Schätzung der Häufigkeit des sensitiven Verhaltens liefert. Ein solcher Test ist nicht sehr aussagekräftig. In unserer Studie haben wir ein Vorgehen gewählt, bei dem eine Aussage auf Ebene der individuellen Antworten möglich ist. Konkret haben wir den Befragten die Möglichkeit gegeben, zu betrügen und sie dann später mit verschiedenen Methoden zu ihrem Verhalten befragt. Dabei lässt sich erstens quantifizieren, wie viele Befragte betrogen haben. Zweitens können wir separat für «Betrüger» wie auch «Nicht-Betrüger» bestimmen, wie viele Personen ihren Betrug zugeben. Ein wichtiges Resultat war, dass bei gewissen Methoden auch «Nicht-Betrüger» häufig so antworten, als ob sie betrogen hätten. Dies verfälscht die Ergebnisse und ist der Grund dafür, warum dieses Verfahren bei den einfachen Tests jeweils sehr gut abgeschnitten hat.

Ist dies nun ein Rückschlag für die Umfrage-Forschung?
Nein, es ist bei genauerem Hinschauen ein Fortschritt: Durch den Einsatz verbesserter Validierungs-Designs können Falschantworten bei Befragungs-Verfahren besser untersucht werden. Dies ist eine Voraussetzung dafür, um in Zukunft aussagekräftigere Befragungsmethoden zu entwickeln, die in Umfragen zu heiklen Themen wie wissenschaftliches Fehlverhalten – Stichwort Plagiate –, Korruption oder Schwarzarbeit eingesetzt werden können.

Abgesehen von der Methodenforschung: Was zeichnet die Arbeit von Soziologinnen und Soziologen aus?
Viele Menschen denken, dass wir Zeitdiagnosen erstellen, uns mit Trends beschäftigen oder auch Alltagsverhalten beschreiben. Dies kann tatsächlich Teil unserer Arbeit sein, aber hauptsächlich befassen wir uns mit der Systemebene, etwa wie ökonomische Ungleichheit entsteht. In diesem Bereich führen wir momentan in Zusammenarbeit mit der Berner Fachhochschule BFH ein Projekt zu «Ungleichheit, Armutsrisiken und Wohlfahrtsstaat» durch: Wir verknüpfen verschiedenste Daten – etwa aus Bevölkerungs- und Steuerregistern –, um Aussagen zur Struktur ökonomischer Ungleichheiten in der Schweiz zu machen. In unserem Fachbereich gibt es auch viele Überschneidungen mit anderen Fächern wie Wirtschaft, Politologie, Pädagogik oder Psychologie.

Welche Projekte laufen sonst am Institut für Soziologie?
Am Institut für Soziologie gibt es diverse grössere und kleinere Projekte zu unterschiedlichsten Fragestellungen. Ein Grossprojekt ist beispielsweise seit 2014 die Panelstudie «TREE – Transitionen von der Erstausbildung ins Erwerbsleben». Dabei handelt es sich um eine gesamtschweizerische, längsschnittlich angelegte Befragung zum Übergang Jugendlicher von der Schule ins Erwachsenenleben. Im Zentrum der Untersuchung stehen die Ausbildungs- und Erwerbsverläufe Jugendlicher nach Austritt aus der obligatorischen Schule. Teilweise in Zusammenhang mit unseren Arbeiten im Rahmen von TREE wird zudem zurzeit in Kooperation mit dem Institut für Erziehungswissenschaft das «Interfaculty Centre for Educational Research (ICER)» gegründet. Das ICER soll verschiedene Projekte im Bildungsbereich durchführen – etwa die «Überprüfung der Grundkompetenzen» von Schülerinnen und Schülern in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK).

ZUR PERSON

Prof. Dr. Ben Jann ist Professor für Sozialstrukturanalyse am Institut für Soziologie. Bild: © Universität Bern

Prof. Dr. Ben Jann ist Professor für Sozialstrukturanalyse am Institut für Soziologie. Bild: © Universität Bern

Kontakt:

Prof. Dr. Ben Jann

Institut für Soziologie

Email: +41 31 631 48 31

Zur Studie

Die im Interview beschriebene Studie «More Is Not Always Better: An Experimental Individual-Level Validation of the Randomized Response Technique and the Crosswise Model» wurde vom Institut für Soziologie in Zusammenarbeit mit Dr. Marc Höglinger von der ZHAW durchgeführt und in PLOS ONE, einer internationalen Online-Fachzeitschrift der Public Library of Science, publiziert.

DAS INSTITUT FÜR SOZIOLOGIE

Das Institut für Soziologie an der Universität Bern wurde 1960 gegründet und ist das älteste in der deutschsprachigen Schweiz. Dank der vier Professuren sind die Themen in der Lehre und Forschung sehr vielfältig. Die Schwerpunkte liegen in der politischen Soziologie, Kultursoziologie, Religionssoziologie, Umweltsoziologie, Spieltheorie, Netzwerk- und Sozialkapitalforschung, nachhaltigen Gesellschaftsentwicklung sowie in der Bildungs-, Arbeitsmarkt- und Ungleichheitsforschung. Davon profitieren die Studierenden des Bachelor Sozialwissenschaften wie auch die Masterstudierenden Soziologie.

ZUR AUTORIN

Lisa Fankhauser arbeitet als Redaktorin im Bereich Publishing der Abteilung Kommunikation & Marketing.